alle welt - das Missio Magazin

 

Inhalt der Jänner/Februar Ausgabe

Inhalt dieser Ausgabe:

  • Libanon: Überfordert mit 1,5 Millionen Flüchtlingen
  • Philippinen: Ein Jahr nach dem Taifun
  • Interview mit dem Vikar des Patriarchen: "Die Gefahr ist hier."  

Interview: Archimandrit Emanuel Youkhana

"Es ist eine große Lüge, dass wir früher in Frieden zusammengelebt haben."

Was tun die Kirchen, um den Verfolgten im Irak zu helfen?

Ohne die humanitäre Hilfe der Kirchen wäre eine Katastrophe passiert. Über Nacht flohen hunderttausende Menschen. Sie wurden von den Kirchen in Schulen und in Dörfern untergebracht. Alle orientalischen Patriarchen aus dem Libanon und aus Ägypten haben uns besucht. Diese moralische Unterstützung war für uns sehr wichtig. Die Kirchen helfen den Verfolgten unabhängig von deren Konfession. Allerdings setzen wir uns nur mit den Folgen der Krise auseinander, nicht mit ihren Wurzeln, und zwar der sektiererischen Gewalt im Irak und in Syrien.

Könnten Sie das näher erläutern? 

Dem Irak wurde eine Zwangsehe zwischen Sunniten, Schiiten, Christen, Kurden und anderen Gruppierungen aufoktroyiert. Ähnliches ist auch im ehemaligen Jugoslawien geschehen. Alles, was uns im Irak heute verbindet, ist unsere Staatsbürgerschaft - und sonst nichts.

Der Zusammenhalt funktioniert nicht? 

Genau. Ein Beispiel: Die Turkmenen sind eine unserer Volksgruppen. Sie sind zur Gänze muslimisch, allerdings ist ein Teil sunnitisch, ein anderer Teil schiitisch. Wie ist es erklärbar, dass sich nun sunnitische Turkmenen der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) anschließen, um ihre schiitischen Cousins zu töten?

Das Zusammenleben im Irak war in früheren Zeiten allerdings friedlicher.

 Im Jahr 1933 gab es das erste Massaker an Christen. Die Spannungen waren schon immer da, nur wurden sie durch die herrschenden Regierungen unterdrückt und verdeckt. Doch als die Rechtsordnung zusammenbrach, traten auch unsere Konflikte an die Oberfläche. 

Im Gegensatz zu dem, was viele kirchliche Führer behaupten, sage ich: Es ist eine große Lüge, dass wir in Frieden mit den Muslimen gelebt haben. Wie ist es sonst zu erklären, dass eine Mehrheit eine Minderheit geworden ist? Es gab friedliche Zeiten. Aber das lag am jeweiligen Herrscher, und es war die Ausnahme. Was ich sage, betrifft alle nicht-islamischen Minderheiten. 

Etliche islamische Regierungen haben den IS klar und deutlich verurteilt.

Von einem politischen Standpunkt aus gesehen ist es klar, dass keiner das Wüten des IS akzeptieren kann. Aber ich möchte gewöhnliche Muslime sehen, die gegen den IS demonstrieren. Ebenso würde ich gerne erfahren, was denn nun der wahre Islam ist. Laut einer Umfrage finden 90 Prozent der Bevölkerung in Saudi-Arabien, dass der IS den wahren Islam verkörpert. Was steht im Lehrplan der Golf-Staaten über Nicht-Muslime? Und was predigen die Imame dort? Anstatt politische Konferenzen gegen den IS zu organisieren sollten Saudi-Arabien und Katar lieber ihre eigenen Lehrpläne durchsehen und korrigieren.

Hat man sich in der Vergangenheit nie mit den eigenen Konflikten und Spannungen auseinandergesetzt?

Wir alle - ob Christen oder Muslime - haben uns immer eingeredet, dass wir nette, heiligmäßige Menschen seien, die alles Böse von ausländischen Ländern bekommen haben. Deshalb kursieren bei uns auch so viele Verschwörungstheorien über die USA und über andere Mächte. 

Doch das ist eine große Lüge. Es stimmt nicht, dass alle Konflikte in unser Land importiert wurden. Zeigen Sie mir einen einzigen Sunniten, der Mitglied einer schiitschen Partei ist, oder zeigen Sie mir einen Schiiten, der einer sunnitischen Partei angehört!

Wie ist die Lage der Christen im Irak heute? Können sie noch eine Rolle im Land spielen?

 Was zerstört wurde, kann wieder aufgebaut werden. Aber die inneren Wunden kann man nicht so einfach heilen. Christen und Jesiden fühlen sich von ihren Nachbarn betrogen und verraten. Keiner ihrer Kollegen und Freunde sandte eine Botschaft der Solidarität aus. Ihre Nachbarn haben sie angegriffen oder ihnen jeden Schutz und jede Hilfe verwehrt. 

Es geht hier nicht nur darum, dass Kirchen niedergebrannt werden. Das Problem ist, dass es die eigenen Nachbarn sind, die unsere Kirchen niedergebrannt haben. Wir haben kein Vertrauen mehr. In den letzten zehn Jahren mussten die christlichen Familien vier Mal fliehen: zuerst vor Al-Kaida, nun vor dem IS. Ich bezweifle, dass wir es schaffen, in naher Zukunft eine tolerante Kultur aufzubauen. Die Christen haben auch das Vertrauen in ihre Regierung verloren, die nicht in der Lage war, sie zu beschützen.  

Wie könnte man den Fortbestand des Christentums im Irak sichern?  

Wir benötigen eine Schutzzone für Christen und Jesiden, genauso wie im Jahre 1991 für den kurdischen Irak. Wenn diese Zone politisch und militärisch beschützt wird und eine eigene Regierung hat, dann haben wir das Gefühl, dass es für uns eine Zukunft gibt. Das ist der einzige Weg. Niemand kann von den Christen erwarten, dass sie nach Mossul zurückkehren und vergessen, was dort geschehen ist. Wir brauchen eine umfassende Lösung.  

Ich kann es einer Mutter, die ihren Sohn, ihren Mann und ihr Haus verloren hat, nicht verübeln, dass sie aus dem Irak flieht und ihm den Rücken kehrt. Aber die massenhafte Flucht der Christen ins Ausland ist nicht die Lösung. Dann hätte der IS sein Ziel erreicht. 

Das Interview als PDF zum Download


Arc
himandrit Emanuel Youkhana wurde 1959 in der nordirakischen Stadt Dohuk geboren. Er gehört der Assyrischen Kirche des Ostens an und wurde 1987 zum Priester geweiht. Von 1996 bis 1998  wirkte er auch in Deutschland und Österreich als Pfarrer. Er setzt sich seit Jahren für verfolgte Christen ein. Im Jahr 1993 gründete er das "Christian Aid Program" (CAPNI), dessen Direktor er bis heute ist. CAPNI ist eine ökumenische Hilfsorganisation im Irak, die sich in Not geratener Menschen annimmt. Zurzeit kümmert sich Archimandrit Emanuel Youkhana um alle Flüchtlingsfamilien, die von der UN-Flüchtlingshilfe nicht erreicht werden. Er lebt in Dohuk, ist verheiratet und hat vier Kinder.

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