Zum Weltmissions-Sonntag wird jeweils ein "Land des Jahres" als Beispiel ausgewählt, um der Faszination der Weltkirche ein konkretes Gesicht zu geben. 2006 stand Madagaskar im Mittelpunkt.

Lebendig im selben Haus - tot im selben Grab
Ahnenkult in Madagaskar

Der Ahnenkult spielt im Leben der Bevölkerung Madagaskars eine besondere Rolle. Der Mensch ist als Einzelner nicht lebensfähig, denn ihm gehen die Ahnen voraus und es  werden ihm die Kinder folgen.

Nach dem Tod eines Familienmitgliedes wird dieses im Razana (Familiengrab) beerdigt. Das Razana ist ein Heiligtum, im Gegensatz zum Haus, das nur für eine relativ kurze Lebensspanne dient, ist das Grab das Zuhause für die Ewigkeit, die Grabstätten werden aufwendig gepflegt und die Bauten sind häufig größer als die Häuser.

Die Seele des Verstorbenen wird von einem Büffel zu Zanahary, dem Schöpfergott, getragen, die Toten werden zu Ahnen, die ihren Nachkommen aus dem Jenseits weiter nahe sind. Sie haben eine Mittlerfunktion zwischen den Lebenden und dem Schöpfergott.

Neben dem Begräbnis ist die Famadihana, die „Umbettung der Toten“, das wichtigste religiöse Ereignis. Sie wird von einem großen Fest begleitet, das sich oft über mehrere Tage erstreckt. Anlass einer Totenumbettung ist ein besonderes Anliegen der Familie, mit dem sich diese an die Ahnen wenden möchte, wie eine schwere Krankheit eines  Familienangehörigen.

Der Eingang zum Grab wird geöffnet, die sterblichen Überreste des Toten heraus genommen und in neue Tücher gewickelt. Die lebende Generation hält so den engen Kontakt mit den Ahnen aufrecht und bindet sie in ihr Leben ein. Die Sorgen, Nöte und der Dorfklatsch werden in der Nähe der Toten ausgetauscht, es wird von neu geborenen Kindern oder zusätzlich angelegten Feldern erzählt. Die Angehörigen sind überzeugt, dass ihre Ahnen sich bei Zanahary für ihre Anliegen einsetzen werden. Eine Totenumbettung ist sehr kostspielig und verbraucht nicht selten das gesamte Jahreseinkommen der Familie.

Blick in die Geschichte

Die Geschichte Madagaskars ist seit Jahrhunderten mit jener Europas verbunden. Seitdem gegen 1500 der Portugiese Diego Dias auf der Insel landete, gibt es immer wieder Berichte über Europäer auf Madagaskar.

Ab 1885 setzte sich Frankreich als Kolonialmacht durch, Madagaskar wurde zur französischen Provinz. Das Verkehrsnetz zum Transport von Waren wie Vanille, Pfeffer oder Gewürznelken wurde ausgebaut. Frankreich setzte die Kolonialherrschaft auf der gesamten Insel durch, zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Gewalt auch in den letzten unabhängigen Gebieten. Immer wieder kam es zu Aufständen gegen die französische Herrschaft, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, als ein Aufstand bis zu 100.000 Todesopfer forderte und einen 10-jährigen Ausnahmezustand nach sich zog.

1960 wurde Madagaskar unabhängig, die politische Führung des Landes blieb jedoch problematisch, es kam immer wieder zu Unruhen. Bisher hat die Politik die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage der Madagassen jedoch nicht ausreichend beantworten können.

Die soziale Situation

Madagaskar ist reich an Rohstoffen wie Edelsteinen oder Graphit. Doch die Madagassen selbst profitieren selten davon. Traurige Berühmtheit erlangte Ilakaka, die Saphirstadt im Süden Madagaskars: Aus einem Dorf mit 150 Einwohnern entstand eine Stadt mit 60.000 Menschen, die in der Hoffnung auf schnelle Gewinne zum Saphirschürfen gekommen waren. Doch nur für wenige erfüllte sich dieser Wunsch: Die Arbeit in den tiefen Schürflöcher ist sehr gefährlich und forderte bereits unzählige Todesopfer. Die Menschen leben in einfachen Bretterbuden, das Geld, das in den Steinbrüchen erarbeitet wird, reicht selten aus, um die Familien zu versorgen.

Der Großteil der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft, die wichtigsten Produkte sind Vanille, Nelken, Pfeffer, Baumwolle, Reis, Bananen und Kokosnüsse. Die meisten Menschen leben als Selbstversorger von ihren eigenen landwirtschaftlichen Produkten. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung geht einer Erwerbsarbeit nach. Auf dem Land ist die Tauschwirtschaft nach wie vor gängig.

Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt, etwa die Hälfte der  Bevölkerung gilt offiziell als arm. Die Analphabetenrate liegt bei etwa 30%, noch immer haben viele Kinder nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu absolvieren. Auch die medizinische Versorgung und der Zugang zu sauberem Trinkwasser sind häufig nicht gesichert.

Die schwierige sozioökonomische Situation vieler Bewohner hat Folgen für den Umgang mit den natürlichen Ressourcen des Landes. Die Pflanzenvielfalt Madagaskars ist einmalig, durch die Abgeschiedenheit der Insel entwickelten sich in der Vergangenheit zahlreiche endemische Arten. In den letzten Jahrzehnten erfolgte jedoch eine starke Rodung der ursprünglichen Wälder, um Ackerland und Weideplätze für die Rinder zu schaffen oder Feuerholz zu gewinnen. Seit 1950 wurde die Hälfte der gesamten Waldfläche zerstört. Gesetzlich geschützte Nationalparks und Naturschutzgebiete sollen nun helfen, die außergewöhnliche Flora und Fauna Madagaskars zu bewahren.

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