Titelbild: Die Statue des Heiligen Karl Borromäus, im Volksmund San Carlone genannt, in Arona am Lago Maggiore, Italien. Sie wurde 1614 erbaut und war bis zur Errichtung der Freiheitsstatue in New York die höchste Statue der Welt.
Der heilige Karl Borromäus (1538–1584) war kein Außenseiter, kein asketischer Einzelgänger und kein Rebell gegen das kirchliche System seiner Zeit. Er war Teil davon – und gerade deshalb so überraschend glaubwürdig.
Mit nur 21 Jahren wurde Karl durch die Familienbande zu Papst Pius IV. zum Kardinal und Bischof von Mailand ernannt. Er war hochgebildet, juristisch geschult, fromm erzogen – aber seine steile Karriere verdankte er weniger eigener Leistung als der Gunst der Verwandtschaft.
Was nach einem typischen Fall kirchlicher Vetternwirtschaft klingt, wurde zum Schauplatz einer der größten Reformgestalten der Kirche des 16. Jahrhunderts.
Vom Privileg zur Verantwortung
Karl hätte in Rom bleiben und das bequeme, glänzende Leben eines Hofkardinals führen können. Doch als das Konzil von Trient (1545–1563) zu Ende ging, spürte er, dass sich Kirche nicht von außen reformieren lässt – sondern von innen heraus, durch Heiligkeit, durch Treue, durch Liebe.
Als Bischof von Mailand machte er Ernst damit. Er reiste unermüdlich durch seine riesige Diözese, besuchte entlegene Pfarreien, predigte, hörte Beichten und führte Gespräche mit Priestern und Gläubigen. Er gründete Priesterseminare, sorgte für eine solide Ausbildung und persönliche geistliche Begleitung, überprüfte Klöster und kirchliche Einrichtungen, führte Synoden durch – kurz: Er setzte die Reformbeschlüsse des Konzils von Trient mit einer Konsequenz um, die kaum jemand für möglich gehalten hätte.
Ein Reformer mit Herz
Was Karl Borromäus dabei auszeichnete, war nicht Strenge allein, sondern eine tiefe pastorale Liebe. Er verstand Reform nicht als moralische Säuberung, sondern als Weg der Erneuerung im Heiligen Geist.
Er selbst lebte schlicht, fast asketisch. Seine Kleidung war einfach, seine Mahlzeiten karg, seine Gebetszeiten lang. Der Bischof, der durch Beziehungen aufgestiegen war, wurde zum Mann des Gebets und der Selbstverleugnung.
Als 1576 die Pest in Mailand ausbrach, flohen viele Wohlhabende – Karl aber blieb. Er ging zu den Kranken, organisierte Hilfsmaßnahmen, verteilte die Sakramente und trug in einer bewegenden Prozession das Allerheiligste durch die Straßen der Stadt. Er sah sein Amt nicht als Privileg, sondern als Opfergabe.
Kirche beginnt im Herzen
Borromäus war überzeugt, dass kirchliche Erneuerung niemals zuerst eine Frage von Strukturen, sondern von Herzen ist.
„Beginne bei dir selbst, wenn du die Kirche erneuern willst“, schrieb er einmal.
Er sah, dass Reformen nur dann Bestand haben, wenn sie in einem erneuerten Glauben wurzeln.
Darum verband er äußere Ordnung mit innerer Bekehrung. Seine Leidenschaft galt dem, was man heute die „geistliche Basisarbeit“ nennen würde: der Erziehung des Klerus, der Vertiefung des Glaubenslebens, der Wiederentdeckung des Gebets.
Eine stille Lehre für heute
Karl Borromäus erinnert uns daran, dass Gott auch durch unvollkommene Wege wirken kann.
Er zeigt, dass Heiligkeit nicht gegen die Strukturen, sondern mitten in ihnen möglich ist – wenn man sie mit einem verwandelten Herzen lebt.
Er ruft uns auf, nicht über die Schwächen der Kirche zu klagen, sondern selbst ein lebendiges Stück Erneuerung zu werden.
Nicht der Aufstieg macht heilig, sondern der Abstieg ins Dienen.
Darum bleibt Karl Borromäus bis heute ein Vorbild: für Verantwortungsträger, für Seelsorger, für alle, die mitten im Alltag die Kirche lieben und verändern wollen.
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