Ein Standpunkt von Roger Landry
Die bevorstehende Seligsprechung des ehrwürdigen Erzbischofs Fulton J. Sheen ist nicht nur ein Freudentag für die Kirche in den Vereinigten Staaten, sondern für die Weltkirche insgesamt. Auf diese Bedeutung verwies auch Papst Leo XIV., als er am 1. Juni zu den Nationaldirektoren der Päpstlichen Missionswerke im Vatikan sprach: „In diesem Jahr wird am 24. September in St. Louis, Missouri, der ehrwürdige Fulton J. Sheen, einst Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in den Vereinigten Staaten, seliggesprochen. Er war ein Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Ich selbst bin mit seiner Verkündigung aufgewachsen. Seine Sendungen erreichten Millionen Menschen, zugleich dienten seine Initiativen den jungen Kirchen in den Missionsgebieten.“
So wie der heilige Franz Xaver bis heute für missionarischen Eifer steht und die heilige Thérèse von Lisieux die betende Kirche verkörpert, die den Herrn um Arbeiter für seine Ernte bittet, ist Fulton Sheen ein Vorbild für alle, die den missionarischen Auftrag der Kirche geistlich und materiell unterstützen. Doch seine Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Darin liegt das Geheimnis seiner ungebrochenen Ausstrahlung – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt.
Mehr als ein Medienpionier
Schon zu Beginn des Radio- und Fernsehzeitalters erkannte Sheen die Chancen der neuen Medien. Er nutzte sie, um Millionen Menschen das Evangelium nahezubringen. Bis heute gilt er vielen Katholikinnen und Katholiken als Wegbereiter einer zeitgemäßen Evangelisierung – ob im Radio, im Fernsehen, in Podcasts, auf YouTube oder in den sozialen Medien.
Fulton Sheen gilt zudem als der bedeutendste Verkünder der täglichen eucharistischen Anbetung in der neueren Kirchengeschichte. Während seiner sechs Jahrzehnte als Priester verbrachte er jeden Tag eine Stunde vor dem Allerheiligsten. Seine Worte über die eucharistische Anbetung inspirieren bis heute Gläubige weltweit. Ebenso nachhaltig prägte er die Karfreitagsbetrachtung der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz. Seine dreistündigen Predigten füllten einst die Kirchen New Yorks bis auf den letzten Platz. Heute gehört diese Tradition vielerorts selbstverständlich zur Liturgie der Karwoche – in Kathedralen ebenso wie in kleinen Pfarrgemeinden.
Sein bleibender Einfluss zeigt sich auch im Weltmissionsrosenkranz, den er vor 75 Jahren ins Leben rief. Die verschiedenfarbigen Perlen laden dazu ein, durch die Fürsprache der Königin der Apostel für die Kirche in aller Welt zu beten. Papst Leo XIV. ließ bei seinem Besuch in Äquatorialguinea sogar einen Weltmissionsrosenkranz aus Heliumballons in den Himmel steigen.
Auch Sheens Schriften über die Gottesmutter haben Generationen geprägt. Mit biblischer Tiefe und theologischer Klarheit erschloss er Millionen Gläubigen die Marienverehrung und half zugleich vielen Protestanten, die Liebe der katholischen Kirche zu Maria besser zu verstehen. Nicht minder einflussreich sind seine Werke über das Priestertum. Seine Exerzitien und Vorträge stärkten zahllose Priesterberufungen – auch meine eigene. Bei einem Besuch in Nigeria erfuhr ich mit Erstaunen, dass sein bekanntestes Werk „Life of Christ“ in vielen Priesterseminaren regelmäßig gelesen wird. Und sein Buch „Three to Get Married“ begleitet bis heute zahlreiche junge Paare auf ihrem Weg zur Ehe. Anstatt mit den Jahrzehnten zu verblassen, wächst Fulton Sheens Einfluss weiter. Seine bevorstehende Seligsprechung wird diese Strahlkraft zweifellos noch verstärken.

30 Millionen Zuseher pro Woche
Angesichts eines Menschen wie Fulton Sheen kann man leicht versucht sein, seine außergewöhnlichen Begabungen und Erfolge als unerreichbar zu betrachten. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt zwei Grundhaltungen seines Lebens, die jeder Christ nachahmen kann. Die erste ist seine leidenschaftliche Liebe zu Gott. Fulton Sheen war vor allem ein Jünger Jesu Christi. Seine Liebe zu Gott zeigte sich in seinem unermüdlichen Wissensdurst, der ihn zu einem der gebildetsten Priester der Vereinigten Staaten machte. Daraus speisten sich auch seine tägliche eucharistische Anbetung und seine tiefe Betrachtung des Lebens Christi, die sein Hauptwerk „Life of Christ“ ebenso prägt wie seine Meditationen über den Kreuzweg und die sieben letzten Worte Jesu. Weil er fest mit Christus, dem Weinstock, verbunden blieb, konnte sein Leben reiche Frucht bringen. Daraus ergibt sich die zweite Haltung, die uns Vorbild sein kann: sein brennender Wunsch, auch andere Menschen zu Jesus Christus zu führen.
25 Jahre lang lehrte Sheen Philosophie und Theologie an der Catholic University of America und prägte Generationen junger Katholiken. 20 Jahre lang fuhr er regelmäßig von Washington nach New York, um Radiosendungen aufzuzeichnen, mit denen er jeweils Millionen Menschen das Evangelium verkündete. Im Fernsehen erreichte er Woche für Woche rund 30 Millionen Zuschauer – Katholiken, Protestanten, Juden und Nichtgläubige. Mit seiner Sendung „Life Is Worth Living“ verstand er es meisterhaft, Menschen für eine Beziehung zu Gott zu öffnen. Auch persönlich begleitete er viele Suchende auf ihrem Weg in die Kirche. In Washington und New York leitete er große Glaubenskurse, zugleich nahm er sich Zeit für Einzelgespräche – mit einfachen Menschen ebenso wie mit prominenten Persönlichkeiten. Als Papst Pius XII. ihn einmal fragte, wie viele Menschen er zur Kirche geführt habe, antwortete Sheen, er habe nie gezählt. Sonst könnte er am Ende glauben, er selbst habe sie bekehrt und nicht der Herr. Weggefährten schätzten jedoch, dass durch sein Wirken Zehntausende den Weg in die katholische Kirche fanden.

Mission als Berufung
Sein apostolischer Eifer zeigte sich besonders in den 16 Jahren, in denen Fulton Sheen (1950–1966) als fünfter Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in den Vereinigten Staaten wirkte. „Meine größte Liebe“, sagte er oft, „galt immer den Missionen der Kirche.“ Mit 55 Jahren übernahm er dieses Amt und setzte seine außergewöhnlichen Begabungen dafür ein, um unter den amerikanischen Katholiken missionarisches Bewusstsein und Mitverantwortung zu fördern. Während seiner Amtszeit sammelte er umgerechnet mehr als zwei Milliarden US-Dollar nach heutigem Wert für die Missionen. Darüber hinaus spendete er rund zehn Millionen Dollar aus den Einnahmen seiner Radio- und Fernsehsendungen sowie seiner Vorträge. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils war er eine engagierte Stimme für die Mission und wirkte an der Konzilserklärung „Ad Gentes“ mit. Sein ganzes Leben lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Er war Apostel Christi und Missionar für die Missionare.
Nur wenige werden jemals Fulton Sheens Beredsamkeit oder seine außergewöhnlichen Leistungen erreichen. Doch jeder von uns kann – nun auch offiziell auf seine Fürsprache hin – danach streben, seine Liebe zum Herrn nachzuahmen und mit derselben leidenschaftlichen Großherzigkeit Christus zu allen Menschen zu bringen, für die er sein Leben hingegeben hat.
Der Autor

Monsignore Roger J. Landry ist seit 2025 Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in den USA. Zuvor wirkte er viele Jahre als Pfarrer und geistlicher Begleiter. Als Priester, Publizist und gefragter Redner engagiert er sich für die Neuevangelisierung und die missionarische Sendung der Kirche.




