Zwischen Bürgerkrieg und Ebola

Insgesamt 14 Jahre wütete der Bürgerkrieg in Liberia. Hunderttausende Menschen starben bei den Auseinandersetzungen. Rund eine Million Liberianerinnen und Liberianer flüchtete vor den Gräueltaten der berüchtigten Warlords wie Charles Taylor und ihrer Kindersoldaten. Immer ganz nah bei den Menschen und mit ihnen auf der Flucht war die Niederösterreicherin Schwester Johanna Datzreiter.

Interview von KATHARINA BREINER

allewelt Jänner/Februar 2020

Die zierliche Ordensfrau von den „Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens“ erlebte viele Jahre politischer Unruhen, Kriegsgräuel und Umbrüche in Liberia. Schwester Johanna unterrichtete Kinder von unterschiedlichen Stämmen, bildete die so wichtigen Katechisten aus und kümmerte sich um ehemalige Kindersoldaten. Auch als 2014 eine schwere Ebola-Epidemie in Westafrika ausbrach, blieb die quirlige Missionarin bei den Liberianerinnen und Liberianern. Seit 2017 ist Schwester Johanna wieder in Österreich und hat ein Buch über die 42 Jahre ihrer Missionstätigkeit geschrieben.

| Schwester Johanna, Sie waren über viele Jahre hinweg in Afrika tätig. Wie fühlt es sich an, plötzlich wieder in Europa zu sein?

Ich von mir aus wäre nicht wieder nach Österreich zurückgekommen. Mein ganzes Leben konnte ich mir nichts Anderes vorstellen als Missionarin zu sein. Dieses Charisma der Mission ist mir schon als Kind ins Herz gelegt worden. Ich habe diese Berufung bekommen und habe immer gewusst, dass ich nicht glücklich werde, wenn ich ihr nicht folge. Es wäre so, als würde ich an meinem eigenen Leben vorbeigehen. Denn wenn ich mich auf Gott einlasse, muss ich etwas tun für Ihn. Natürlich kann das für jeden etwas Anderes sein. Für mich war es immer die Mission. Nach so vielen Jahren wieder nach Österreich zurückzukehren, war nicht leicht. Ich wollte aber auch niemandem zur Last fallen. Schließlich bin ich nicht mehr die Jüngste. Trotzdem – Ruhe habe ich keine im Herzen.

| Eine Ihrer Aufgaben in Liberia war die Ausbildung von Katechistinnen und Katechisten. Diese haben im Gegensatz zu Österreich in Afrika einen hohen Stellenwert. Weshalb?

Besonders in den ersten Jahren in Liberia habe ich immer wieder Dinge erlebt, die mir klar gemacht haben, wie wichtig es ist, die verschiedenen Kulturen und Traditionen der Stämme zu kennen. Und genau das tun unsere Katechisten, denn sie kommen selbst aus diesen Volksgruppen. Diese Frauen und Männer sprechen die Sprache der Menschen und verstehen ihre Bräuche. Sie sind für die Arbeit der Missionare und Priester unerlässlich, weil sie Brücken bauen.

| In Ihrem Buch „Wo der Pfeffer wächst“ beschreiben Sie Ihre mehrfache Flucht. Haben Sie in diesen schwierigen Zeiten auch einmal die Hoffnung verloren?

Die Situation in Liberia war in diesen ganzen Jahren ein Pulverfass. Zuerst die Militärregierung und dann der Bürgerkrieg mit den tausenden Kindersoldaten. Für meine Mitschwestern und mich war jeder Tag eine neue Herausforderung – nie wussten wir, was auf uns zukommen würde. Besonders als wir wieder flüchten mussten. Insgesamt viermal sind wir gemeinsam mit Menschen aus den verschiedenen Stämmen in eine ungewisse Zukunft außerhalb unserer gemeinsamen Heimat Liberia aufgebrochen. Aber in all diesen schweren Zeiten habe ich immer erfahren, wie Gott uns beisteht. Und der Glaube, die Gemeinschaft in Gott hat mir und allen anderen geholfen, uns auch im Exil zu Hause zu fühlen. Ganz besonders zu Weihnachten war die Kirche Heimat in der Fremde. Wir fühlten uns wie Jesus, Maria und Josef in Ägypten.

| Nach dem Ende des Bürgerkrieges haben Sie sich um ehemalige Kindersoldaten gekümmert. Wie tritt man diesen Jugendlichen gegenüber und arbeitet mit ihnen?

Das Chaos nach dem Krieg war enorm. Plötzlich standen tausende bewaffnete Kinder und Jugendliche ohne Perspektiven da. Sie waren schwer traumatisiert. Neben den psychischen Traumata litten viele von ihnen auch an schweren physischen Verletzungen. Viele sagten mir: „Schwester, ich fühle mich so nackt ohne mein Gewehr.“ Eine der größten Herausforderungen war mit Sicherheit die Gewaltbereitschaft und Aggression, die diese ehemaligen Soldaten mitbrachten. Ihre eigenen Familien hatten Angst vor ihnen, wollten sie nicht mehr in den Dörfern aufnehmen. Das war zugleich ein zweites großes Problem, nämlich diese Jugendlichen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Sie mussten zuerst einmal lernen, ihre Aggressionen gewaltfrei abzubauen. Meine Mitschwestern und ich hatten die Idee, die Mädchen und Burschen bei uns auszubilden. Sie erlernten handwerkliche Berufe und bekamen auch schulische Bildung. Sie konnten ihre Fähigkeiten gleich praktisch umsetzen, indem sie dabei halfen, die zerstörten Dörfer und Kirchen wiederaufzubauen. Es war eine Freude für mich, zu sehen, wie die Jugendlichen in diesen neuen Aufgaben aufblühten. Trotzdem war und ist es noch ein langer Weg für die Menschen in Liberia zurück in ein normales Leben.

Schwester Johanna Datzreiter