Zwangsehe: Verhandelt und verheiratet

Sie stärken Männerbeziehungen, bringen Familien zusammen, bedeuten Wohlstand für den einen und eine finanzielle Belastung für die anderen: Was die Mädchen, die in Burkina Faso gegen ihren Willen verheiratet werden, selbst wollen, spielt keine Rolle.

Text: LENA HALLWIRTH // Fotos: SIMON KUPFERSCHMIED

Gelächter erfüllt die heiße Luft an diesem Tag in der Trockenzeit im Herzen Burkina Fasos. Auf niedrigen hölzernen Bänken sitzen ein paar Mädchen im Schatten eines offenen Versammlungsraums. Kunstvoll flechten sie einander bunte Perlen in die Haare, eine von ihnen strickt an einem Röckchen. „Ein guter Mensch soll er sein, seine Ehefrau respektieren und sie lieben“, sagt ein Mädchen gefolgt von Gekicher. „Ja, und stark im Glauben soll er sein und barmherzig und er soll verzeihen können“, fügen andere hinzu. Die Rede ist von Mr. Right – dem Traummann. Einen solchen wolle sie nächstes Jahr heiraten, sagt Josephine und wird unter großem Gelächter korrigiert – es sei verboten mit 17 Jahren zu heiraten, wissen ein paar der älteren Mädchen.

„Dann eben in zwei Jahren“, gibt die 16-Jährige kleinlaut zurück. Einen guten Mann zu finden und ihn zu heiraten – davon träumen hier alle. Eine Alternative scheint kaum vorstellbar. Unverheiratete und kinderlose Frauen sind in der westafrikanischen Republik nicht viel wert. Josephines anderer Traum, nämlich der von der weiterführenden Schule und der Ausbildung zur Krankenpflegerin, bleibt dahinter zurück. Er ist noch in weiter Ferne. In der Abendschule holt das Mädchen mit den vielen kleinen Zöpfchen gerade die letzte Klasse Volksschule nach. Untertags strickt sie bunte Röcke und Oberteile, die im kleinen Shop des CAF, des Centre d‘Accueil et de Formation des filles, verkauft werden. Das „Zentrum zur Aufnahme und Beschäftigung von Mädchen“ in der Stadt Kaya ist seit zwei Jahren Josephines Zuhause.

Zu ihrer Familie hat sie keinen Kontakt mehr. „Jedes Mal, wenn ich zu meinen Eltern zurückgekommen bin, haben sie mich verprügelt und zu ihm zurückgebracht“, erzählt sie mit leiser, sanfter Stimme. Fünf Frauen hatte der Mann bereits, dessen genaues Alter sie nicht weiß, der aber über 70 Jahre alt sein müsse. Mit elf Jahren wurde sie zum ersten Mal zu ihm gebracht, um fortan bei ihm zu leben. Immer wieder lief sie davon, immer wieder wurde sie zu ihm zurückgebracht. Nach drei Jahren gelang ihr schließlich die Flucht. „Es ging um Freundschaft. Er war ein Freund meines Vaters, deshalb wollte er, dass ich ihn heirate“, sagt Josephine nüchtern.

FOLGEN DER ZWANGSEHE

Die Entscheidung, ob, wann und wie viele Kinder eine Frau in Burkina Faso bekommt, liegt nicht bei ihr. Für ihren Mann sexuell verfügbar zu sein, wird als eheliche Pflicht gesehen. Vergewaltigungen in der Ehe sind häufig, moderne Verhütungsmittel für viele unerschwinglich und kaum erreichbar. Junge Mädchen, die armutsbedingt zudem oft mangelernährt sind, kann eine frühe Schwangerschaft das Leben kosten. Unter den 2.800 Frauen, die jährlich bei der Geburt sterben, sind besonders viele Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Dazu kommt, dass schätzungsweise drei viertel aller Frauen Burkina Fasos von der Weiblichen Genitalverstümmelung betroffen sind.

Mädchen als Handelsobjekte

Josephine ist keine Ausnahme. Fast neun Prozent der Burkinerinnen, die heute zwischen 20 und 24 Jahre alt sind, wurden noch vor ihrem 15. Lebensjahr verheiratet. Über die Hälfte aller Frauen in Burkina Faso heiraten vor ihrem 18. Geburtstag. Auch in der westafrikanischen Republik gilt das als Zwangsehe, da nur Volljährige ihre Zustimmung zu einer Ehe geben können. Dennoch weist das Land eine der höchsten Raten von Früh- und Zwangsehen weltweit auf. Die Ehe trägt dazu bei, Beziehungen zu stärken.

Allerdings geht es hier weniger um jene der Eheleute als um die ihrer Familien. Mädchen gelten oft als wichtige Handelsobjekte und dienen dazu, zwei Familien dauerhaft miteinander zu verbinden. Durch Celine, die wie Josephine im CAF lebt, hätten die Bande ihrer Familie mit der Familie des „alten Mannes“, wie sie ihn nennt, gestärkt werden sollen. Vor zwei Jahren flüchtete die heute 16-Jährige vor dem Mann, den sie wenige Tage zuvor heiraten musste. Seit Kurzem hat sie wieder Kontakt zu ihren Eltern. „Sie haben mich angerufen, weil eine Frau aus der Familie des alten Mannes meinem Bruder versprochen wurde. Er bekommt sie nicht, weil ich weggelaufen bin.“ Aber sie könne doch kein Leben mit einem Mann akzeptieren, der ihr Großvater sein könnte, sagt Celine wütend. „Er war so alt und schwach, dass er nicht einmal genug Kraft hatte, um mich festzuhalten. Ein junger Mann musste ihm helfen.“

Tiefe Verachtung klingt aus Celines Stimme. Jeden Morgen kniet sie nun vor einem Steinklotz, den sie mithilfe eines Tuches zu einem Altar für die kleine, abgeschlagene Marienstatue verwandelt hat. Gemeinsam mit ihren ebenfalls christlichen Zimmerkolleginnen betet sie um Marias Schutz vor dem Todesfluch, den ihre Eltern auf sie gelegt haben.

KAMPF GEGEN ZWANGSEHE

Zwangsehen kommen vor allem in Familien mit einem niedrigen Bildungsstandard, großer finanzieller Armut, einer niedrigen Einschulungsrate und begrenzten Arbeitsmöglichkeiten vor – zu diesem Schluss kommt die im Jahr 2015 von der burkinischen Regierung verabschiedete Nationale Strategie zur Beendigung der Kinderehe. Traditionell gefeierte Hochzeiten scheinen in den offiziellen Registern oft nicht auf. Das macht es schwer, Zwangsehen strafrechtlich zu verfolgen. Dennoch will die Regierung bis zum Jahr 2025 alle Formen der Kinderehe beseitigen und möchte dazu vor allem aufklären und die Opfer schützen.

Zur Zweitfrau erzogen

Noch größer als die Schande, keine Kinder zu bekommen, ist die Schande, ein uneheliches Kind zu empfangen. Besonders im Norden des Landes, wo die Alphabetisierungsrate mit 18 Prozent zehn Prozentpunkte unter dem nationalen Durchschnitt liegt, werden viele Mädchen verheiratet, sobald sich ihre Brust zu entwickeln beginnt oder sie zum ersten Mal ihre Monatsblutung bekommen. So soll eine außereheliche Schwangerschaft verhindert werden.

Auch die finanzielle Situation der Eltern spielt eine wichtige Rolle. Gehen während der wiederkehrenden Dürren die Lebensmittel zur Neige, werden Mädchen vermehrt an wohlhabendere Familien verheiratet. Viele Frauen zu haben gilt oft als Zeichen des Wohlstands und ist nicht auf die mehrheitlich muslimische Bevölkerung begrenzt. Auch Familien, die sich zum Christentum bekennen, leben mitunter polygam.

Clarice war noch nicht einmal geboren, als ihre Zukunft ausgehandelt wurde.Über einem Glas des lokalen Biers wurde sie einem Freund ihres Onkels versprochen. Mit drei Jahren übergaben ihre Eltern sie an die Familie ihres zukünftigen Ehemanns. „Meine Aufgabe war es, die Tiere zu hüten. Wenn es Zeit zum Essen war, haben mir die anderen Kinder immer gesagt, ich müsse aufpassen, dass die Tiere nicht zu weit weglaufen. Ich habe dann nur noch das bekommen, was die anderen übriggelassen haben“, erzählt Clarice von ihrer Kindheit.

Vor einem Jahr, das Mädchen war damals gerade 14, wurde sie zu ihrer leiblichen Familie zurückgebracht. „Wenn mich die anderen Kinder ausgeschlossen haben und ich nicht mit ihnen essen durfte hatte ich immer das Gefühl, dass das nicht meine Familie ist. Ich habe mich so gefreut, als ich meine Mutter und meinen Vater zum ersten Mal gesehen habe. Ich war richtig glücklich.” Ohne Vorwarnung wurde Clarice einen Monat später von Verwandten ihres zukünftigen Ehemanns wieder abgeholt. Es sollte der Tag ihrer Hochzeit werden.

KIRCHE SCHÜTZT UND STÄRKT

Zurzeit gibt es laut Amnesty International landesweit nur zwei staatliche Aufnahmezentren für Mädchen, die einer Zwangsehe entkommen sind. Zehn weitere Aufnahmezentren werden von NGOs und der katholischen Kirche betrieben. Die Kirche setzt besonders bei der Bildung von Mädchen und Frauen an, um ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken. „Wir arbeiten auch daran, die Autorität von Frauen zu stärken, indem wir ihnen zu den finanziellen Mitteln verhelfen, die sie brauchen, um sich um ihre Familie und die Bildung ihrer Kinder zu kümmern“, so Bischof Justine Ouahigouya im Gespräch mit Missio Österreich.

Eine gute Ehefrau

Sieben Tage lang überlebte Clarice nach ihrer Flucht im Freien. Eine Bauernfamilie, denen sie für etwas sauberes Wasser auf den Feldern half, brachte sie schließlich zu zwei Ordensfrauen, die sie ins CAF nach Kaya führten. Unter der Obhut von Schwester Denise Kiemtore und fünf ihrer Mitschwestern absolviert sie hier eine Lehre zur Schneiderin. Die über 70 Mädchen und jungen Frauen, die derzeit im CAF leben, können sich aber ebenso für eine Ausbildung zur Weberin, Frisörin und in Kürze auch zur Fischerin entscheiden.

Neben der Ausbildung arbeiten die Mädchen in dem Gemüsegarten, den die Schwestern hinter den flachen Schlafräumen angelegt haben, versorgen die Hühner, Ziegen und Schweine und betreiben die Küche. So sollen sie lernen, für ihre zukünftigen Familien zu sorgen und sie ausgewogen zu ernähren – eine Maßnahme gegen die weitverbreitete Mangelernährung von Kindern.

Wie lange die Mädchen in dem Zentrum leben, ist zeitlich nicht begrenzt. Die jüngste Bewohnerin ist 13 Jahre alt, die ältesten sind Ende 20. Jede soll Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und wenn möglich ihren Schulabschluss nachholen. In wöchentlichen Treffen klären die Ordensfrauen sie über ihre Rechte auf. Und darüber, was es heißt, eine gute Ehefrau zu sein. Was eine gute Ehefrau ausmache? „Nun gut“, räuspert sich Schwester Denise peinlich berührt, „in unserer Kultur muss sich eine Ehefrau ihrem Mann und seiner Familie unterwerfen. Eine gute Frau kümmert sich um ihre Kinder und ihren Mann. Sie ist reinlich in allem, was sie tut, sei es bei der Hausarbeit oder der Körperpflege.“ Aber auch gegenseitiger Respekt zwischen Mann und Frau sei sehr wichtig. Im Zentrum hätten die Mädchen Zeit, einen Ehemann auszusuchen und ihn in Ruhe kennenzulernen. Niemand würde dazu gedrängt.

Mithilfe ihrer Ausbildung können die Mädchen einmal ein eigenes Einkommen erwirtschaften – damit steigen ihre Chancen auf Eigenständigkeit in einer für Frauen fremdbestimmten Welt. Clarice möchte das hier erworbene Wissen nutzen und in Zukunft selbst Mädchen zu Schneiderinnen ausbilden. „Hier bekomme ich zu essen und habe einen Platz zum Schlafen. Aber vor allem kann ich hier mit Menschen darüber reden, was passiert ist“, sagt das Mädchen.

Celine, 16 Jahre

Er war so alt und schwach, dass er nicht einmal genug Kraft hatte, um mich festzuhalten.“

Celin, 16 Jahre
Schwester Denise Kiemtore

In unserer Kultur muss sich eine Ehefrau ihrem Mann und seiner Familie unterwerfen.“

Schwester Denise Kiemtore
Clarice

Wenn mich die anderen Kinder ausgeschlossen haben, hatte ich immer das Gefühl, dass das nicht meine Familie ist.“

Clarice, 15 Jahre
Josephine

Er war ein Freund meines Vaters, deshalb wollte er, dass ich ihn heirate.“

Josephine, 16 Jahre
MEHR ZU PROJEKTEN IN Burkina Faso