Zukunft nach dem Krieg

Die ersten Christinnen und Christen sind in ihre zerstörten Dörfer in der irakischen Ninive-Ebene zurückgekehrt. Die Gewalt und das Leid, das sie in den letzten Jahren wegen ihres Glaubens erleben mussten, begleiten sie. Wie ihre zerbombten Häuser, müssen sie jetzt ihr Leben wieder aufbauen.

Text: Lena Hallwirth // Fotos: Fritz Stark und Lena Hallwirth

Sanft, geradezu liebevoll senkt sich die Dämmerung über die Schützengräben. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne erleuchten die Erdwälle, die sich wie gigantische braune Würmer durch die Ebene ziehen. Langsam lässt die Hitze des Tages nach. Es wird dunkel. Lange bleibt es das allerdings nicht. Rote, grüne und blaue Lichter beginnen an der Flanke des Berges zu glitzern. Es sind Kreuze, umwickelt von Lichterketten, die die Häuser der Christinnen und Christen hier, in der Ninive-Ebene, schmücken. Endlich können sie ihren Glauben wieder offen und ohne Angst leben.

Im Dezember 2017 verkündete die irakische Regierung den Sieg über den sogenannten „Islamischen Staat“. Die Spuren der Verwüstung, die der „IS“ angerichtet hat, sind noch deutlich zu sehen. Monatelang kämpften die kurdischen Peschmerga und andere militärische Gruppen hier gegen die Mörderbanden des „IS“. Zahlreiche Dörfer der Ebene, in der seit jeher hauptsächlich Jesiden und Christen leben, wurden bei den Gefechten zerstört.

Nach Hause kommen

Ahlam und ihr Mann William hatten bereits vor dem Krieg nicht viel. Gemeinsam mit ihren vier Söhnen lebten sie in einem kleinen Haus. Als sie die Nachricht vom Massaker in der Stadt Sindschar erreichte, bei dem 5.000 Burschen und Männer ermordet und 7.000 Frauen und Kinder entführt wurden, flüchtete die Familie in die Autonome Region Kurdistan. Nach Monaten im Freien wurden sie in einem Raum mit 40 anderen Geflüchteten untergebracht. Schließlich bekam die Familie einen Wohncontainer zur Verfügung gestellt. „Als wir das erste Mal wieder nach Bashiqa durften, um unser Haus zu sehen, war nur mehr der Keller übrig. Aber wir sind nicht hinuntergegangen, wir hatten Angst, auf eine Mine zu treten“, erzählt Ahlam. Mithilfe der Kirche vor Ort wurde das Gelände gesichert, der Schutt entfernt und ein neues Haus errichtet. Im vergangenen Juni konnte die Familie nach drei Jahren endlich wieder nach Hause kommen.

BEWEGLICHE GRENZE

Kurdische Peschmerga waren ausschlaggebend für den Sieg gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Sie konnten den „IS“ aus ihrem Autonomiegebiet im Nordirak zurück-drängen und dehnten ihr Territorium dabei aus. Mit einem Unabhängigkeitsreferendum im September 2017 wollte die Kurdische Regional-Regierung ihren Anspruch auf die Gebiete bekräftigen. Unterstützt vom Iran eroberte die irakische Zentralregierung die umstrittenen Gebiete jedoch bald zurück und damit auch die reichen Erdölvorkommen um die Stadt Kirkuk. Die Menschen in der Ninive-Ebene leben zwischen den Fronten. Sie sehnen sich nach Sicherheit und Stabilität, um ihr Leben wiederaufzubauen.

Im Zentrum des Zusammenpralls

Doch die Kleinstadt hat sich verändert. Beinahe menschenleer sind die Gassen. Irgendwo dröhnt ein Stromgenerator, ansonsten ist es still in Bashiqa. „Früher ist man auf der Straße immer über Kinder gestolpert, die zusammen gespielt haben. Jetzt sagen wir zu den Nachbarn nur noch ‚Guten Tag‘ und ‚Guten Abend‘. Die Familien bleiben unter sich“, so Ahlam. Auch Rana, die ein paar Straßen weiter wohnt, erinnert sich gut an den sozialen Zusammenhalt. „Wir sind abends immer beieinander gesessen, haben gegessen und gelacht. Jetzt hat jeder Angst vor jedem.“ Zu viel ist in den letzten Jahren passiert: Nachbarn haben Nachbarn an den „IS“ verraten, viele sind ins Ausland geflüchtet, zahlreiche Häuser stehen leer oder werden von neuen Leuten bewohnt. Es wird lange dauern, bis das gegenseitige Vertrauen der Menschen wiederhergestellt ist.

Andere Sorgen sind drängender. Ranas Mann Uday hat seit Wochen kein Gehalt mehr bekommen. Vor dem Krieg arbeitete er als Polizist. Er ist weiterhin ein Beamter des irakischen Staats, doch dieser zahle nur unregelmäßig und dann nur einen Bruchteil seines Gehalts. „Mittlerweile schulden sie mir zwei Jahresgehälter“, sagt er wütend. Zurzeit sei es sehr schwer für die Familie, grundlegende Produkte wie Seife und Waschmittel zu kaufen. Ohne die Hilfe der Kirche könnten sie nicht überleben, erzählt Rana.

Dennoch sind Rana und Uday fest entschlossen mit ihrem Sohn in Bashiqa zu bleiben. „Meine Schwester lebt in Kanada, mein Bruder lebt in Kanada, aber ich habe nie daran gedacht wegzugehen. Ich bin glücklich hier. Hier habe ich meine Würde“, sagt Uday. „Doch wir leben in einer sehr schwierigen Gegend. Die andauernde Gewalt war zu viel für meine Familie.“ Nach dem Sieg über den „IS“ kämpfen nun die irakische Zentralregierung und die Kurdische Regional-Regierung um die Vorherrschaft in der Ninive-Ebene. „Und wir zahlen den Preis dafür“, ruft der Familienvater aus. „Wir wollen, dass dieser Konflikt endlich endet!“

SCHULBAU ZU BABEL

Die Autonome Region Kurdistan ist keinesfalls homogen. Es gibt sunnitische, schiitische, alevitische und christliche Kurdinnen und Kurden. Neben Arabisch werden hier drei verschiedene kurdische Sprachen gesprochen. Das stellte Hilfsorganisationen und die Regierung vor eine große Herausforderung, als hunderttausende Kinder aus dem restlichen Irak nach Kurdistan flüchteten. Sie versuchten, Schulunterricht in vier verschiedenen Sprachen zu organisieren. Oft mangelte es aber an geeigneten Lehrkräften. Mit 110 Bussen brachte die lokale Hilfsorganisation CAPNI täglich tausende Kinder in Schulen, in denen ihre Sprache gesprochen wurde.

Aufarbeiten und Nachholen

Der Krieg ist vorbei, doch Frieden fühlt sich anders an. „Keeping hope alive“, die Hoffnung am Leben erhalten – das ist das Ziel von Father Emanuel Youkhana, der die lokale Hilfsorganisation CAPNI leitet. Viele Kinder haben eine traumatische Flucht vor den herannahenden Truppen des „IS“ hinter sich. In weißen Wohncontainern hat CAPNI einen. Ort geschaffen, wo sie ihre Erlebnisse aufarbeiten können. Speziell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen spielen, singen und basteln mit den Kindern. Sie geben Englischunterricht, lesen zusammen in der Kinderbibel und erklären ihnen, welche besonderen Rechte sie als Kinder haben. Etwa das Recht auf ein sicheres Zuhause und eine Schulbildung.

Während der Jahre der Flucht im eigenen Land mussten viele Familien immer wieder umziehen. Nicht alle Kinder konnten durchgehend die Schule besuchen. Zaka geht deshalb jedes Wochenende in die „Catch-up Classes“, die CAPNI in Bashiqa veranstaltet. Hier holt er versäumten Schulstoff nach. Es ist sein letztes und wichtigstes Schuljahr. Nur mit einem ausgezeichneten Abschluss wird er zum Medizinstudium zugelassen. Doch eigentlich träumt er von etwas anderem. „Ich liebe es, die Leute zum Lachen zu bringen, das macht mir wirklich Spaß. Deshalb möchte ich Schauspieler werden, aber imIrak habe ich diese Option nicht“,sagt er. Solange es sicher und die Lage stabil ist, möchte der 18-Jährige trotzdem gerne in Bashiqa bleiben.

DAESH – EINE DREIFACHE BELEIDIGUNG

Die zwei Buchstaben „IS“ stehen im deutschsprachigen Raum für Terror und unvorstellbares Leid. Im Irak wird die Terrorgruppe allerdings „Daesh“ genannt – eine besondere Beleidigung für ihre Anhänger. Denn damit wird die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien“ auf Arabisch abgekürzt. Dabei gibt es im Arabischen eigentlich keine Abkürzungen. Für arabische Muttersprachler klingt „Daesh“ nach fi ktivem Gebrabbel und ähnelt dem Begriff für „jemanden zerstampfen“. Die Schreibweise gleicht zudem im Arabischen dem abwertend gemeinten Wort, das im Koran für das vorislamische Heidentum verwendet wird.

Zerbrechliche Hoffnung

Anders sieht das der ebenfalls 18-jährige Samer, der älteste Sohn von William und Ahlam. Sein letztes Schuljahr verbrachte er auf der Flucht. In dem kleinen Wohncontainer, den er mit seinen Eltern und den drei jüngeren Brüdern bewohnte, musste er sich auf die Matura vorbereiten. Er bestand nicht und brach daraufhin die Schule ab. Seither arbeitet er gemeinsam mit seinem Vater als Tagelöhner. Doch es gibt nur wenig zu tun für die beiden.

Anmerken lassen möchte er sich die finanziellen Sorgen der Familie auf keinen Fall. Lässig spielt er mit den weißen Kopfhörern, die um seinen Hals hängen. Er wolle es wie sein Cousin machen und bei der US-Army in Syrien anheuern. „Hauptsache raus hier“, sagt Samer. „Ich selbst kann nicht lesen und schreiben, aber alle meine Kinder sollten zur Schule gehen!“, wirft sein Vater ein. Er wirkt müde. Auch Ahlam redet auf ihren Ältesten ein, er solle hierbleiben und seinen Abschluss nachholen. „Wir geben unseren Kindern alles, damit sie zur Schule gehen können, aber ich kann sie ja nicht zwingen“, sagt sie.

Archimandrit Emanuel Youkhana

„Kirchen und christliche Hilfsorganisationen müssen ganz praktisch helfen.“

Archimandrit Emanuel Youkhana
Ahlam Saadon

„Als wir das erste Mal wieder nach Bashiqa durften, um unser Haus zu sehen, war nur mehr der Keller übrig. Aber wir sind nicht hinuntergegangen, wir hatten Angst, auf eine Mine zu treten.“

Ahlam Saadon, Mutter von vier Söhnen

„Wir sind abends immer beieinander gesessen, haben gegessen und gelacht. Jetzt hat jeder Angst vor jedem.“

Rana Thoma

Das Leid hat uns nicht zerstört

Was seine Wünsche für die Zukunft sind? Er habe keine, sagt Samer. Die Hoffnungen der Menschen, die hier in einer der konfliktreichsten Gegenden der Welt leben, wurden schon oft enttäuscht. Father Emanuel appelliert an junge Menschen, für ihre Heimat und ihre Wurzeln zu kämpfen. Doch er weiß: Nette Reden sind nicht genug. „Wir müssen ihnen ganz praktisch helfen, indem wir Ausbildungen und Sprachtrainings anbieten und so die Jobchancen junger Menschen verbessern“, ist der assyrische Erzdiakon überzeugt.

Für Rana haben die Jahre der Verfolgung und der Zerstörung eines gezeigt: „Das Leid hat uns nicht zerstört.“ Stolz und kompromisslos lebt sie ihren Glauben. Ob sie den Menschen, die für das Leid verantwortlich sind, je wird vergeben können? „Wir haben ihnen schon vergeben“, sagt sie und lässt keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meint. „Wenn Jesus Christus den Menschen vergeben konnte, die ihn gekreuzigt haben und er uns aufruft, ihm nachzufolgen, dann folgen wir seinem Beispiel.“