Die Auswirkung von nur einem Baum

Gewalt und Terror bringen Burkina Faso immer wieder in die internationalen Schlagzeilen. Seit Jahrzehnten kämpft das Land zudem mit Dürren gefolgt von Hungerkatastrophen. Yacouba Sawadogo hat das Problem erkannt und pflanzte einen Baum. Und noch einen, bis die Wüste fruchtbar wurde.

Text: Lena Hallwirth  // Fotos: Simon Kupferschmied

Er muss verrückt sein! Beängstigend. Dabei war er noch so jung, 30 Jahre alt, aber alles deutete darauf hin: Herr Yacouba Sawadogo war übergeschnappt. Drei Marktstände hatte er besessen und drei Frauen geheiratet – er war ein wohlhabender Mann. Doch nun hatte er alles verkauft und war mit seiner Familie in die karge Ödnis gezogen. Dort verbringe er seine Tage damit, auf dem Boden herumzukriechen, Löcher zu buddeln und die Vögel zu füttern, so erzählte man sich.

„Die Kollegen meines Vaters trauten sich nicht mehr, mit ihm zu sprechen, sie hielten ihn für geisteskrank“, erzählt Omar Sawadogo, Yacoubas Sohn. Er war damals, Ende der 1980er Jahre, noch ein Kind. Mittlerweile kommen sie alle. Der Landwirtschaftsminister besuchte Yacouba Sawadogo, Vertreter diverser Bauernverbände waren da, zahlreiche Journalistinnen und Journalisten wollten ihn sprechen und schließlich kam sogar ein britisches Filmteam und drehte einen Dokumentarfilm über ihn. Sie alle wollen von ihm lernen und das Wunder, das er vollbracht hat, mit eigenen Augen sehen. Denn, wo Herr Sawadogo vor knapp 40 Jahren im Staub der Sahelzone Löcher buddelte, wächst heute ein Wald – Yacoubas Wald.

Klimawandel, Armut und Ungerechtigkeit

Der Klimawandel betrifft uns alle. Besonders in den Alpen sind seine Folgen deutlich spürbar. Doch während sich wohlhabende Länder, die zu den Hauptverursachern gehören, besser davor schützen können, ist das Über-leben der Ärmsten in Gefahr. In seiner im Jahr 2018 erschienenen Enzyklika „Laudato si“ betont Papst Franziskus, dass soziale und ökologische Ungerechtigkeit eng miteinander verbunden sind. Er erinnert daran, dass die Erde eine Gabe und kein Besitz ist. Als Teil unseres christlichen Glaubens tragen wir eine „unermessliche Verantwortung“ für unsere Umwelt und müssen die „Klage der Armen ebenso hören wie die Klage der Erde“, so Franziskus.

Der Wald am Rande der Wüste

Wo genau das Land der Sawadogos beginnt, ist schon von weitem sichtbar. Der Unterschied zum Grundstück der Nachbarn ist frappierend. Wie eine Oase erhebt sich der Wald aus der trockenen Erde. Stolz wandert Omar unter den schattenspendenden Bäumen, Vogelgesang und summende Insekten begleiten ihn.

Jeder einzelne Baum, jeder Strauch ist eng mit der Geschichte seiner Familie verknüpft. Hunderte Bäume hat sein Vater im Laufe seines Lebens gepflanzt und gepflegt. Eines Tages wird er den Wald gemeinsam mit seinen 26 Geschwistern erben – ein unglaublicher Schatz inmitten der trockenen Sahelzone.

Yacouba Sawadogo

„Auch wenn man klein und schwach ist, kann man große und schwerwiegende Probleme lösen.“

Yacouba Sawadogo

„In seiner Kindheit hat mein Vater noch prächtige Bäume und Sträucher voller Früchte gesehen. Als ich ein Bub war, gab es das hier kaum noch. Es gab nicht einmal einen Baum, in dessen Schatten wir zusammen sitzen und essen konnten“, erinnert sich Omar. Stattdessen bedrohte eine Dürre Anfang der 1980er Jahre die Provinz Yatenga, in deren Folge vermutlich eine Million Menschen starben.

Tausende flüchteten vom Land, wo die Böden ausgelaugt und trocken waren, in die Städte. Doch auch hier gab es nicht genug zu essen. Yacouba Sawadogo ging stattdessen von der Stadt in das Dorf seiner Kindheit. „Er hat gesehen, wie alles langsam gestorben ist, das hat ihn als Mensch verändert“, sagt Omar.

Standort von Burkina Faso

Hauptstadt: Ouagadougou

Einwohner: 20 Millionen (2017)

GEBURTEN PRO FRAU: 5,4 (2016) 

Fläche: 267.950 km²

Währung: CFA-Franc BCEAO (XOF) 

Religion: Muslime (60,5%), Katholiken (19%), Angehörige afrikanischer Religionen (16,3%), Protestanten (4,2%).

Ein weiteres Katastrophenjahr

Auch Rosalie und Hubert, die ebenfalls den gebräuchlichen Namen Sawadogo tragen, wissen, wie hart das Leben hier ist, wo die mächtige Sahara in eine trockene Savanne übergeht. Wie fast 80 Prozent ihrer Landsleute sind sie von dem abhängig, was ihr Stückchen Boden hergibt. Das war nie viel. In den letzten Jahrzehnten wurden Dürren allerdings häufiger und selbst in Jahren, in denen Regen fällt, ist es oft zu wenig. Wie auch in der vergangenen Regenzeit, die in Burkina Faso von Juli bis September dauert.

Ja, sie konnten im vergangenen Herbst ernten, für das ganze Jahr werde es aber nicht ausreichen, erzählen die beiden. Der Boden kann sich zwischen den Dürren kaum mehr erholen. Auch die Menschen wirken ausgelaugt. Das Jahr zuvor war eine Katastrophe. Lange hatte die neunköpfige Familie den Himmel beobachtet. Jede Wolke konnte Erlösung bedeuten. Doch der Regen kam nicht.

Hubert und Rosalie mussten zusehen, wie das wertvolle Saatgut auf den mühsam von Hand gepflügten Feldern verdorrte. Zum Glück besaß die Familie ein paar Esel und Hühner. Hubert musste sie zu einem Spottpreis verkaufen, um dafür Hirse für seine Familie zu erstehen. Auch die lokale Caritas griff der Familie unter die Arme, denn besonders bei den Kleinsten kann ein Jahr ohne ausreichend zu essen zu haben dauerhafte Schäden hinterlassen. Seit einigen Jahren bietet die Organisation auch landwirtschaftliche Schulungen an, in denen Bäuerinnen und Bauern lernen, Böden wieder fruchtbar zu machen. Dabei wird auch auf das Wissen von Yacouba Sawadogo zurückgegriffen.

Österreich und Burkina Faso: Bäume gemeinsam schützen

Mit seinen gefiederten Blättern und den dunkelbraunen Früchten ist die Prosopis africana einer der wichtigsten Bäume Burkina Fasos. Seine Früchte dienen Mensch und Tier als proteinhaltiges Nahrungsmittel, seine Äste werden als Feuerholz verwendet und aus den Wurzeln wird Medizin hergestellt. Erhöhte Durchschnittstemperaturen und verringerte Niederschläge setzen die Baumart zunehmend unter Druck und könnten zu ihrem Verschwinden führen. Um das zu verhindern, arbeiten österreichische Forschende des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW) intensiv mit burkinabischen Forschenden zusammen und setzen dabei auf das traditionelle Wissen von Menschen wie Yacouba Sawadogo.

Vom Analphabeten zum Wissenschaftler

Yacouba hat keine landwirtschaftliche Ausbildung erhalten. Bis heute kann er weder lesen noch schreiben. Der ehemalige Koran-Schüler, der es trotz großer Mühe in der Schule nicht weit brachte, wurde zum Wissenschaftler. Geduldig und von seiner Sache überzeugt, experimentierte er mit traditionellen Anbaumethoden, Zaï genannt, und entwickelte sie weiter. Zaï kommt von dem Verb zaïégré und bedeutet in der Sprache der Mossi „früh aufstehen“. „Damit ist auch gemeint, seine Chance zu erkennen und sie zu ergreifen“, erklärt Omar.  

 „Mein Vater hat uns immer erzählt, dass das Wissen Stück für Stück zu ihm kam, wie eine Offenbarung“, sagt Omar, während er eine Handvoll Laub vom Boden aufhebt. Die Blätter sind Teil von Yacoubas Erfolgsgeheimnis. Mit Kunstdünger, neuartigen Bewässerungssystemen und schnellwachsenden Pflanzen hatten westliche Landwirtschaftsexperten jahrzehntelang versucht, den Hunger in der Sahelzone zu bekämpfen und waren gescheitert. Wie seine Vorfahren begann Yacouba in den 1980er Jahren Löcher in den Boden zu graben, etwa 20 Zentimeter breit und 20 Zentimeter tief. Er befüllte die Löcher mit einer Mischung aus Laub, Viehdung und Asche und legte ein Samenkorn hinein. So ist es geschützt vor der sengenden Hitze und bekommt ausreichend Nährstoffe und Feuchtigkeit.

Oman Sawadogo

„Wir wollen noch so viel von ihm lernen, über die Bäume und die Böden und wie man sie pflegt.“

Omar Sawadogo

Der „Alternative Nobelpreis“

Die Trägerinnen und Träger des „Right Livelihood Awards“, wie der Preis offiziell heißt, sind meist keine hochdotierten Forscherinnen oder gefeierte Schriftsteller. Unter ihnen sind Menschenrechtsaktivistinnen, Theologen und nun auch ein Landwirt aus Burkina Faso. Jedes Jahr wird ein Preisgeld in der Höhe von insgesamt drei Millionen schwedischer Kronen (ungefähr 280.000 Euro) an drei Menschen oder Organisationen vergeben, die sich besonders für Menschenrechte, Frieden, spirituelle Erneuerung oder den Schutz der Umwelt einsetzen und dabei neue Wege gehen. Die Aufmerksamkeit, die der Preis mit sich bringt, schützt zudem bedrohte Preisträgerinnen und und Preisträger.

Das reiche Erbe

„Im Schatten der Bäume wächst die Hirse gut. Außerdem zieht die spezielle Mischung dieses natürlichen Düngers bestimmte Termiten an, die die Nährstoffe in den Boden tragen und ihn dabei auflockern. So kann er Wasser besser speichern“, so Omar. Die Getreidespeicher der Großfamilie sind seit damals immer voll. Gemeinsam mit seiner Frau Belem und ihrer dreijährigen Tochter Mariétou lebt Omar am Rand des 27 Hektar großen Waldes. So kann er ihn besser schützen. Denn nach Jahren des Hungers kehren die Menschen auf das nun fruchtbare Land zurück. Bis vor kurzem waren die Eigentumsrechte des Landes, für das sich bisher niemand interessierte, ungeklärt.

Immer wieder rodeten Nachbarn Bäume, um ihr Haus oder Feld auf dem Gelände zu errichten. Doch seit Yacouba Sawadogo im vergangenen Jahr mit dem Right Livelihood Award, dem sogenannten „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet wurde, gehört das Land ganz offiziell der Familie. Spätestens nach seiner Rede im fernen Stockholm anlässlich der Preisverleihung ist er in ganz Burkina Faso eine Berühmtheit. Mithilfe seines Anteils des Preisgeldes in der Höhe von knapp 93.000 Euro möchte er eine Landwirtschaftsschule gründen, um das Wissen seiner Vorfahren an die ganze Welt weiterzugeben, wie er sagt.

Seinen Söhnen hat er bereits beigebracht, Becken anzulegen, um das Regenwasser darin zu speichern. Er hat ihnen gezeigt, wie aus Rinde, Wurzeln, Blättern und Früchten Medizin gemacht werden kann und wie die Vögel Samen aus weitentfernten Regionen bringen, wenn man sie dafür mit Hirse füttert und Wasser in kleinen Tränken bereitstellt.

„Wir wollen noch so viel von ihm lernen, über die Bäume und die Böden und wie man sie pflegt. Wir beten dafür, dass er noch etwas bei uns bleiben kann“, sagt Omar. Nach einer Operation ist der über 70-Jährige geschwächt. Mittlerweile bearbeiten seine 60 Kinder und Enkelkinder den Boden, pflegen und vermehren die Pflanzen. Das Wissen seines Vaters will Omar an seine Tochter Mariétou weitergeben. Eines Tages wird sie für die Bäume verantwortlich sein, die heute noch kleine Sprösslinge sind. Bis es soweit ist, steht Yacouba weiterhin früh auf und füttert die Vögel.