Wenn der Fluss über die Ufer tritt

Wie kann die Kirche in den Ländern Amazoniens glaubwürdig präsent sein und was kann sie von der indigenen Bevölkerung dieses Erdteils lernen? Bei der sogenannten Amazonien-Synode wurden Antworten auf wesentliche Fragen unserer Zeit gesucht, berichtet Schwester Birgit Weiler aus Peru.

von BIRGIT WEILER

allewelt Jänner/Februar 2020

Der spanische Begriff „desbordante“ – „überströmend“ ist uns im Amazonasgebiet sehr gebräuchlich. Bleiben doch in der Regenzeit die Flüsse nicht in ihrem vorgegebenen Flussbett, sondern treten aufgrund der großen Mengen an neuem Wasser weit über die Ufer. Dadurch befruchten sie das umliegende Land, das sonst steril bliebe. Papst Franziskus gebrauchte das Wort im Laufe der Synode mehrmals, um uns zu motivieren, mutig weit über eng abgesteckte Rahmen und Grenzen hinauszuschauen und Neues zu wagen. Es ist ein starkes Bild für das, was zumindest anfanghaft und mit gewisser Kraft in den Wochen der Synode für Amazonien geschehen ist und nun in der Umsetzung weiter vorangebracht werden will.

Porträt von Birgit Weiler

Birgit Weiler

ist Ordensmitglied der Missionsärztlichen Schwestern und seit 1988 in Peru tätig. Neben ihrer Arbeit in den Armenvierteln der Stadt Arequipa lehrt die Theologin an der Universität Antonio Ruiz de Montoya in Lima. Birgit Weiler steht in engem Austausch mit den indigenen Völkern der Awajún und Wampis und arbeitet an der Inkulturation der Pastoral. Auf Einladung von Papst Franziskus nahm sie als Expertin an der Amazonien-Synode teil.

Lebenskraft Amazoniens spürbar

Die indigenen Vertreter und Vertrerinnen ihrer Völker traten seit dem ersten Arbeitstag der Synode deutlich hervor. Denn an diesem Tag wurde zu Beginn eine Prozession vom Petersdom in die Synodenaula gemacht, die von den Indigenen angeführt wurde. Im Petersdom waren ihre Instrumente und die Klänge ihrer Musik zu hören, sie waren dort zu sehen in der Farbenpracht ihrer Kleider und mit ihren Tanzschritten. In alldem wurde etwas von der Lebenskraft und Lebensfreude Amazoniens sichtbar und spürbar. Nachhaltig beeindruckt hat uns der Redebeitrag eines indigenen Katecheten der Quichua, der sehr eindringlich vorbrachte, dass den Gemeinden, die er pastoral begleitet, die Eucharistiefeier sehr viel bedeutet und sie aufgrund des akuten Priestermangels die meiste Zeit darauf verzichten müssen. Er bat im Namen dieser Gemeinden eindringlich um die Einführung der verheirateten Familienväter mit Priesterweihe. In den verschiedenen Beiträgen wurde dieses Argument starkgemacht, da es der tiefe Wunsch vieler christlicher katholischer Gemeinden im Amazonasgebiet ist, das haben die Befragungen im Vorfeld deutlich gezeigt.

„Die Kirche hat sich im Schlussdokument dazu verpflichtet und anerkannt, dass sie viel von den indigenen Völkern im Hinblick auf eine ganzheitliche Ökologie und eine ökologisch verantwortliche Beziehung zum Lebensraum lernen kann.”

Birgit Weiler

Mehr Leitungsverantwortung für Frauen in der Kirche

In vielen Beiträgen in der Synodenaula und den kleinen Arbeitszirkeln wurde die Notwendigkeit stark zum Ausdruck gebracht, miteinander effektiv an der Überwindung von Machismo und Klerikalismus in der Kirche im Allgemeinen und der Kirche Amazoniens im Besonderen zu arbeiten und Frauen mehr Leitungsverantwortung und Leitungsämter, die kein Weiheamt voraussetzen – und das sind viele –, zu übertragen. Das wurde nicht nur von uns Frauen, sondern ebenso von vielen Bischöfen gefordert. Wir Frauen wurden von vielen Bischöfen darin unterstützt, dass es unbedingt an der Zeit ist, formal anzuerkennen, was in der Kirche Amazoniens bereits Realität ist, nämlich, dass die katholische Kirche an vielen Orten nur dank der Frauen präsent ist.

Diese leiten viele Gemeinden, koordinieren die Pastoralarbeit, regen verschiedene Initiativen an wie Bibelkreise, in denen das Wort Gottes auf das Leben hin ausgelegt wird, eine ganzheitlich ausgerichtete Gesundheitspastoral sowie eine ganzheitliche Ökologie und die ihr zugrunde liegende Schöpfungsspiritualität. Daher wurde mit Nachdruck darum gebeten, ein Dienstamt für Frauen als Leiterinnen von Gemeinden einzuführen, da die glaubhafte Bezeugung des Evangeliums und die pastorale Begleitung der Gemeinden dies erfordern. Es wurde von vielen Frauen, aber auch von mehreren Bischöfen deutlich der Wunsch vorgetragen, die Diakoninnenweihe in der katholischen Kirche einzuführen. Das war in den Konsultationen von vielen Menschen im Amazonasgebiet erbeten worden.

In seiner Ansprache nach der Abstimmung erkannte Papst Franziskus an, dass die stärkere Rolle der Frau in der Kirche generell und in Amazonien im Besonderen ein starkes Thema der Synode war. Er versprach, die Kommission zum Frauendiakonat mit neuen Mitgliedern zu besetzen, um in der Frage weiterzukommen und die Rolle der Frau in der Kirche noch mehr zu stärken.

Kirche als Bündnispartnerin der Völker Amazoniens

Ein weiteres zentrales Thema der Synode, das auch im Schlussdokument eingehend behandelt wird, ist die enorme Gefährdung des Amazonasraumes. Er ist davon bedroht, aufgrund der zahlreichen schädigenden Eingriffe in das an Biodiversität so reiche, aber zugleich so verwundbare, Ökosystem zu kollabieren. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber machte in seinem Beitrag deutlich, dass nur noch etwa zehn Jahre bleiben, um dem Erreichen des drohenden Kipppunktes entgegenzuwirken. Dieser würde katastrophale Folgen nicht nur für Lateinamerika, sondern letztlich für den gesamten Planeten haben. In bewegenden Worten riefen mehrere indigene Vertreterinnen die Kirche dazu auf, Bündnispartnerin ihrer Völker im Einsatz zum Erhalt Amazoniens zu sein. Die Kirche hat sich im Schlussdokument dazu verpflichtet und anerkannt, dass sie viel von den indigenen Völkern im Hinblick auf eine ganzheitliche Ökologie und eine ökologisch verantwortliche Beziehung zum Lebensraum lernen kann. Gemeinsam mit diesen Völkern als Protagonisten will sie sich für neue, solidarische und wahrhaft nachhaltige Modelle des Wirtschaftens einsetzen.

Im Prozess der Synode hat sich die Identität der Kirche Amazoniens, die sich vom Territorium und den verschiedenen Kulturen prägen lässt, weiter ausgebildet. Die Kirche will sich in den Kulturen stärker beheimaten („inkulturieren“), um im Kontext Amazoniens das Evangelium in Wort und Tat glaubhaft zu verkünden. Die Kirche Amazoniens ist sich ihrer Partikularität noch stärker bewusst geworden sowie der Notwendigkeit, viel intensiver und vernetzter zusammenzuarbeiten. Zugleich hat sich das Bewusstsein ihrer Würde als Partikularkirche gestärkt, die sich eine Weltkirche wünscht, in der die Einheit in der Anerkennung und Wertschätzung der Vielfalt gründet.

Dieser Artikel wurde von feinschwarz (31. Oktober 2019) übernommen und angepasst.