Von Priestermangel keine Spur

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Von Priestermangel keine Spur

Indonesien ist mit 225 Millionen Muslimen das größte islamische Land der Welt. Was kaum bekannt ist: Flores, eine der 17.508 indonesischen Inseln, ist großteils katholisch. Die dortige kirchliche Hochschule hat zurzeit 961 Studenten, von denen 834 Priesteramtskandidaten sind. Kaum eine Region hat so viele Priester- und Ordensberufungen wie die kleine Insel Flores.

Priesterausbildung IndonesienDie Kirche ist gefüllt bis auf den letzten Platz. 319 Seminaristen sind zur Abendmesse gekommen. Nach dem Gottesdienst verharren einige noch gesammelt im Gebet. Dann geht es zum Abendessen und anschließend um 20 Uhr zum fröhlichen Beisammensein: In der Veranstaltungshalle sorgt die fünf-köpfige Seminaristen-Band für gute Stimmung; es wird ein wenig Bier getrunken, manche spielen Schach.

Wir befinden uns im Priesterseminar St. Petrus der Diözese Maumere auf der indonesischen Insel Flores. Das Seminar wurde 1955 von Steyler Missionaren gegründet, bildet heute aber ausschließlich Diözesanpriester aus. In den vergangenen 60 Jahren wuchs und wuchs es. Die Seminaristen wohnen in einem weiträumigen Campus, in dem auch schon Papst Johannes Paul II. im Oktober 1989 während einer Asien-Reise übernachtet hat, wie der Rektor stolz erzählt. Wer seinen geistlichen Weg hier geht, wird mit frühestens 27 Jahren zum Priester geweiht. In den vergangenen Jahren wurde die Ausbildung nämlich um ein spirituelles Jahr zur Vertiefung des Gebetslebens erweitert, sowie um ein pastorales Jahr, in dem die Seminaristen Pfarrern assistieren und so seelsorgliche Erfahrung sammeln.

RELIGIONEN AUF INDONESIEN

87,2 Prozent der Indonesier sind Muslime. Der Islam ist jedoch nicht Staatsreligion. Gemäß der Staatsideologie müssen die Bürger einer der fünf anerkannten Weltreligionen angehören: Islam, Christentum, Buddhismus, Konfuzianismus, Hinduismus. 

Die katholische Kirche ist gut integriert und wird im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern nicht als fremde Religion wahrgenommen. „Die Katholiken sind zwar eine Minderheit, ihre Stellung ist jedoch viel besser als etwa in Thailand“, sagt Pater Kirchberger. „Viele Katholiken waren an den Unabhängigkeitsbewegungen beteiligt und nahmen eine wichtige Rolle in Militär und Regierung ein, speziell in den 1970er und 1980er Jahren, als ihre Zahl in führenden Posten verhältnismäßig hoch war.“

Scheinbar unerschöpflicher heimischer Nachwuchs

Von den Nachwuchsproblemen, unter denen die Kirche in Europa leidet, ist man hier weit entfernt. Flores gleicht einem scheinbar unerschöpflichen Quell an Priester- und Ordensberufungen. Spätestens beim Besuch der Kirchlichen Hochschule von Maumere wird das offenkundig. Dort studieren neben 319 diözesanen Priesterstudenten noch 219 Seminaristen der Steyler Missionare sowie zahlreiche Seminaristen  kleinerer Ordensgemeinschaften. Von den zur Zeit 961 Studenten sind 127 Laien, aber 834 Priesteramtskandidaten.

Ausgerechnet im größten islamischen Land der Welt, wo 225 von 258 Millionen Einwohnern Muslime sind, ist eine kleine Insel zum asiatischen Hot Spot der katholischen Kirche geworden. Mit 15.175 Quadratkilometern Fläche ist Flores nicht ganz so groß wie die Steiermark. Mehr als 90 Prozent der knapp zwei Millionen Einwohner der Insel sind Katholiken – und zumeist praktizierende Katholiken. Die meisten Seminaristen stammen aus kinderreichen Familien, die ihre Berufung unterstützen: „Meine Eltern fördern mich. Sie sind stolz darauf, dass einer ihrer Söhne Priester werden möchte. Daheim herrscht große Freude“, erzählt Patrick Le, ein 27-jähriger Seminarist.

Der Rückhalt der Familie  ist nicht selbstverständlich, vor allem wenn man bedenkt, dass die meisten Bewohner von Flores arme Kleinbauern sind, die zu Hause jede helfende Hand brauchen. Sie verdienen mit dem Anbau von Mais, Knollenfrüchten oder kleinen Erbsen ihren Lebensunterhalt. Schon das Schulgeld für ihre Kinder kommt sie teuer. Darüber hinaus unterstützen die Familien der Priesterkandidaten das Seminar jährlich mit etwa 150 Euro, was dem Monatsgehalt eines mittleren Beamten entspricht.

Die Kirche genießt hier hohes Ansehen. Sie ist überall durch Schulen und soziale Projekte präsent. Zahlreiche Ordensgemeinschaften haben sich hier mittlerweile niedergelassen und prägen den Alltag. In Maumere trifft man untertags stetig auf Seminaristen: In den Morgenstunden fahren einige zum Hafen und zum Marktplatz, um Obst und Fische für die Küche der Hochschule einzukaufen. Am Nachmittag unterrichten mehrere Seminaristen in der örtlichen katholischen Oberschule Religion, und abends finden sich viele gemeinsam mit anderen Gläubigen zum Bibelteilen in den Häusern der Bewohner ein. Nicht wenige der angehenden Priester haben den Wunsch, später als Missionare in andere Länder geschickt zu  werden.

DAS CHRISTENTUM AUF FLORES

1520 kamen portugiesische Kaufleute auf Flores an und unterwiesen erstmals die Einheimischen im Glauben. Von 1862 bis 1920 betreuten Jesuitenmissionare die Insel. Sie tauften zahlreiche Gläubige und errichteten Kirchen, Pfarrhäuser und Schulen. Aufgrund personeller Engpässe übergaben sie 1914 ihre Mission an die Steyler Missionare. Die Steyler erhöhten die Qualität des Schulsystems, betrieben Landwirtschaft und führten durch die Druckerei die Pressearbeit ein. 1926 eröffneten sie das Knabenseminar, 1937 das Priesterseminar St. Paul. 1941 wurde Gabriel Wilhelmus Manek SVD als erster Einheimischer zum Priester geweiht und  zehn Jahre später mit erst 38 Jahren von Papst Pius XII. zum Titularbischof ernannt. 

Die Berufungswelle in Flores

Zu den zahlreichen Ordensgemeinschaften auf Flores gehören auch die Karmeliten. „Die große Berufungswelle kann wieder aufhören, wer weiß“, meint der Pater Stefanus Buyung Florianus, Prior der Kameliten, mit Blick auf die Situation in Europa. Für die vielen Berufungen auf Flores hat der bescheidene 49-Jährige eine einfache Erklärung: „Die religiöse Erziehung ist in den Familien hier ganz besonders stark.“

Pater Stefanus wirkt sehr gesammelt, er strahlt eine starke innere Ruhe aus. In seiner Kindheit übten das Gebet, die Marienverehrung und die Kontemplation der Karmeliten eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Sie formten auch sein geistliches Leben.

Zurzeit leben 63 Karmelitenpaters auf Flores. Der apostolische Eifer eines jungen Karmerlitenpaters hat den Zulauf nun verstärkt. „Ich wollte unsere Spiritualität mit den Menschen teilen“, berichtet Pater Willibaldus, 33. Auf seine Initiative hin brachte der kontemplative Orden in den vergangenen Jahren drei CDs mit Gesängen heraus. Die Ordensbrüder singen darauf die selbst komponierte Pop-Lieder von jungen Karmeliten. Einige Songs stammen auch von Pater Willibaldus.

Mehr als 22.000 CDs wurden bereits verkauft. Auch auf Osttimor, Malaysien und Singapur finden sich Käufer. „Viele wussten vorher nichts von den Karmeliten auf Flores. Nun ist unsere Bekanntheit gestiegen und noch mehr Menschen treten den Karmeliten bei“, erzählt Pater Willibaldus. Die Einnahmen investieren die Karmeliten in ihre Ausbildung.

Stefanus Buyung Florianus

„Wir haben besonders viele Berufungen auf Flores, weil hier die religiöse Erziehung in den Familien ganz besonders stark ist.“

Prior Stefanus Buyung Florianus
Patrick Le

„Ich war noch nie woanders, aber wenn ich hingeschickt werde, tue ich das sofort.“

Patrick Le, Seminarist

Eine dynamische, „expansive“ Mission stand am Anfang

Steyler Missionar Pater Georg KirchbergerBesonders verbreitet sind auf Flores die Steyler Missionare. Sie waren es auch, die hier ab dem Jahr 1914 die Mission vorangetrieben haben (siehe Info-Kasten). In der Anfangszeit waren die Steyler Missionare vor allem auf Pferden unterwegs. Es ging ihnen um eine möglichst rasche Verankerung der katholischen Kirche auf Flores. Es galt die kleine Insel inmitten von 17.507 weiteren indonesischen Inseln für den katholischen Glauben zu gewinnen. „Die Mission war zunächst mehr extensiv als intensiv“, erzählt der Steyler Missionar Pater Georg Kirchberger SVD, 68, der seit 1975 an der Hochschule von Maumere Dogmatik lehrt.

Der stets ruhige, gebürtige Bayer ist in Indonesien eine bekannte Persönlichkeit. Er hat die katholische Kirche des Landes nachhaltig geprägt: Mehrere Bischöfe gehören zu seinen Schülern, auch theologische Standard-
werke hat er auf Indonesisch verfasst. Auf Flores nennt man den 68-Jährigen achtungsvoll „Pater Kirch“. „Er hat eine ganz eigene Art zuzuhören“, sagt einer seiner Schüler. Ein Provinzial meinte einmal, Pater Kirchberger sei „wie eine Klagemauer“, an der sich die Studenten leichter aussprechen und ihr Herz ausschütten können.

Die vielen Berufungen sind eine große Freude, aber auch eine Herausforderung: Das Seminar der Steyler Missionare benötigt jährlich 900.000 Euro. Mit Spenden, Aufopferung und Gottes Gnade kann das Seminar seine Kosten decken, und viele angehende Steyler Missionare für die weltweite Mission ausbilden.

2018-10-02T17:53:03+00:00