Von Mensch zu Mensch

Barbara und Julienne sind für jene da, die in unserer Gesellschaft oft vernachlässigt werden. Die beiden Sozialarbeiterinnen lieben ihre Arbeit, wenn auch die Herausforderungen groß sind.

von MARKUS ANDORF und LENA HALLWIRTH

allewelt Juli/August 2020

Leben fern vom Rampenlicht

Barbara Trobej

SOZIALARBEITERIN

Alter: 40 Jahre

Wohnort: Wien, Österreich

Barbara Trobej

Reges Treiben in der Wiener Innenstadt. Menschen eilen in die Arbeit und schauen dabei gebannt auf ihr Smartphone. Am Straßenrand sitzen hie und da Obdachlose und Bettler. Barbara ist auch auf der Straße unterwegs, das ist ihr Job – jeden Tag aufs Neue. Mit ihrer markanten schwarzen Brille und einer Kappe auf dem Kopf geht sie mit den Händen in der Hosentasche dorthin, wo sie wirklich gebraucht wird. Sie besucht einen jungen Mann, der gerade aus der Haft entlassen wurde und suchtkrank ist.

Als Sozialarbeiterin beim Verein „Grüner Kreis“ begleitet Barbara vor allem suchtkranke Menschen oder Menschen mit psychischen Problemen. „Ich habe echt keinen klassischen Bürojob. Meist bin ich auf der Straße unterwegs, besuche Klientinnen oder Klienten und höre ihnen zu. Ich versuche herauszufinden, was sie gerade brauchen“, beschreibt die 40-Jährige ihr tägliches Leben. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Barbara als Sozialarbeiterin. Noch besser macht sie ihren Job, wie sie glaubt, seit sie ihr „wichtigstes Fundament im Leben“ wiederentdeckt hat, ihren Glauben: „Vor fünf Jahren durfte ich Menschen kennenlernen, durch die ich in die Kirche zurückgekommen bin. Nach einer langen Zeit weit weg von Kirche und Glaube war es für mich ein echtes wieder Nachhausekommen.“ Der Glaube an Gott hilft Barbara auch ganz konkret, wenn sie wieder einmal einem völlig verzweifelten Klienten gegenübersitzt, der nicht weiterweiß: „Mein Glaube macht mich selbst gefestigt und stabil. Als Sozialarbeiterin begleite ich Menschen oft über Wochen oder Monate, das ist viel Beziehungsarbeit. Da ist es wichtig, Ruhe auszustrahlen und den Menschen zu zeigen, dass man einfach für sie da sein und zuhören will.“

Zu ihrem Markenzeichen, auch in ihrem Freundeskreis, gehören graue, ausladende „Schlapfen“, wie sie ihre offenen Plastikschuhe nennt. Barbara hat in der Sozialarbeit ihre Berufung gefunden und ist glücklich in dem, was sie macht. „Bevor ich als Sozialarbeiterin begonnen habe, habe ich etwas ‚Gescheites‘ gelernt: Bankangestellte. Aber das hätte mich auf Dauer nicht erfüllt.“ Barbara ist dankbar für ihre tagtäglichen Herausforderungen mit Menschen am Rand. Gesellschaftlich steht sie damit nicht im Rampenlicht. Sie hat einen Job, für den sie nicht gelobt wird. Aber auch einen Job, mit dem sie das Leben von Menschen nachhaltig verändert.

Kleine Brüder auf schiefer Bahn

Julienne Miyukuri

SOZIALARBEITERIN

Alter: 30 Jahre

Wohnort: Ruyigi, Burundi

„Eigentlich ist das hier wie eine Art Internat“, lächelt der Direktor. Hinter ihm erheben sich im Abstand weniger Meter zwei stacheldrahtbesetzte Mauern, die klar machen: Mit einem Internat hat dieser Ort nichts gemein. Nicht nur die Mauern, die Wachtürme und die vergitterten Fenster verdeutlichen das. Die Kinder, die hier, in einer der beiden Jugendstrafanstalten Burundis, leben, erhalten auch keine reguläre Schulbildung – der Staat verwehrt ihnen dieses Recht. Julienne Miyukuris Fenster sind ebenfalls vergittert. Ernst schaut die Sozialarbeiterin von den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch auf. Gemeinsam mit einem Kollegen in Teilzeit ist die 30-Jährige für die psychische und körperliche Gesundheit der 55 Buben, die hier zurzeit inhaftiert sind, zuständig. Trotz der abgelegenen Gegend befindet sie sich damit im Zentrum eines gesellschaftlichen Problems. „Es gibt viele Kinder, die verlassen werden und ohne ihre Eltern zurechtkommen müssen. Manche von ihnen landen dann hier. Wir müssen uns überlegen, wie wir als Gesellschaft mit vernachlässigten Kindern umgehen!“, fordert sie. Julienne weiß, dass sie das Versagen der Gesellschaft nicht ausgleichen kann. Immer wieder weist sie auf Missstände wie die mangelhafte Ernährung und die fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten für die 13- bis 17-Jährigen hin. Unterstützt wird sie von einem Priester, der mit den Kindern die Messe feiert, doch auch seine Möglichkeiten sind eingeschränkt.

Trotzdem mag Julienne ihre Arbeit. Sie ist mit vielen Burschen in Nachbarschaft und Familie aufgewachsen, die Buben hier sind für sie wie kleine Brüder, erzählt die Mutter einer Zweijährigen. Sie haben viel Rohheit, Ablehnung und Gewalt erlebt. Wenn sie die Anstalt verlassen, sollen sie ein besseres Leben führen können. Julienne hört ihnen zu, organisiert Spiele und Musikabende und nimmt sich ihrer Probleme an. „Als Christin fühle ich in mir eine große Liebe. Und wenn ich diese Liebe an andere weitergebe, dann sind ihre Probleme auch meine, dann muss ich helfen mit allem, was mir zur Verfügung steht.“ Ihr Glaube hilft ihr dabei, das Beste aus den schwierigen und oft frustrierenden Arbeitsbedingungen zu machen.

Julienne Miyukuri