Vom Menschenrecht auf Bildung

Kritisches Denken ist gefährlich – so sah es Myanmars Militärregime und zerstörte das Bildungssystem nachhaltig. Besonders am Land können viele weder lesen noch schreiben. Internate sind oft die einzige Möglichkeit, eine Volksschule zu besuchen.

Text: Lena Hallwirth // Fotos: Peter Goda

allewelt November/Dezember 2018

Der Schrei eines Hahns durchbricht die wohlige Ruhe der Nacht. Die dreizehnjährige Sar Phew reibt sich den Schlaf aus den Augen. Müde schält sie sich aus der dünnen Decke und beginnt, wie die anderen Mädchen, ihre geflochtene Schlafmatte zusammenzurollen. 37 kleine Gestalten versammeln sich im Dämmerlicht der aufgehenden Sonne, im Erdgeschoss eines schlichten Hauses, zum Morgengebet.

Auch die Buben im Nachbarhaus sind jetzt zu hören. Sar Phews Magen knurrt – bald gibt es Frühstück. Die Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren sind für Sar Phew so etwas wie eine Familie. Den größten Teil des Jahres wohnen, spielen, beten und lernen sie zusammen. Vor allem aber gehen sie gemeinsam zur Schule.

Menschenrecht auf Bildung

© Peter Goda

Das ist in Myanmar keine Selbstverständlichkeit. Trotz der allgemein geltenden Schulpflicht und entgegen den offiziellen Zahlen, können viele Kinder keine Schule besuchen. „Etwa die Hälfte der Jugendlichen in unserem Dorf kann weder schreiben noch lesen,“ erzählt Father Thomas

Er leitet das Internat, in dem neben Sar Phew weitere 56 Kinder untergebracht sind. Sie gehören der Volksgruppe der Karen an und sind mehrheitlich christlich. Hier, zwischen Reis- und Bohnenfeldern, sechs Autostunden von der Millionenstadt Yangon entfernt, mangelt es an Schulen – wie in vielen ländlichen Gegenden Myanmars. Stundenlang müssten die Volksschüler täglich von zu Hause aus gehen, um zur nächstgelegenen Schule zu kommen. Das Geld für Transportmittel fehlt meist.

Kinder als Arbeitskräfte

Menschenrecht auf Bildung

© Peter Goda

Dass Sar Phew und die anderen dennoch die Schule im kleinen Dorf Thayarwady besuchen können, verdanken sie der katholischen Kirche, die mehrere Internate baute. Hier können die Kinder das ganze Jahr über leben, bekommen zu essen und werden in die nahe gelegene Schule geschickt.

Eigene Schulen durften Religionsgemeinschaften bis vor kurzem nicht gründen. Unter dem Militärregime wurden alle Schulen verstaatlicht. Seit kurzem sind Privatschulen wieder erlaubt, müssen aber immer noch viele bürokratische Hürden nehmen. Internate und Sommercamps sind oft die einzige Möglichkeit, die Kinder schulisch zu fördern.

Die Eltern von der Notwendigkeit einer Schulbildung zu überzeugen, fällt jedoch nicht immer leicht. „Manchen Eltern ist es nicht wichtig, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Sie wollen sie bei sich haben, denn im Feld und im Haushalt wird jede zusätzliche Hand gebraucht“, sagt Father Thomas. Weniger als zehn Prozent der Eltern hätten selbst die Schule besucht. Von den rund 600 Dorfbewohnerinnen und -bewohnern haben nur drei die Oberstufe abgeschlossen. „Die Volksschule ist zwar verpflichtend für alle Kinder Myanmars, aber Regierungsbeamte, die das kontrollieren, haben wir hier noch nie gesehen“, so der Priester.

Menschenrecht auf Bildung

© Peter Goda

Die Familien, die sich die drei Doller pro Monat für das Internat nicht leisten können, werden gebeten, einen Beitrag in Form von Lebensmitteln zu zahlen. Können sie das nicht, springt die Kirche ein. Das sei ein Anreiz für manche Eltern, ihre Kinder hierher zu schicken. Der zwölfjährige Saw Chrit geht als einziges Kind seiner Familie zur Schule. Seine zwei älteren Schwestern kümmern sich zu Hause um den Haushalt und arbeiten mit der Mutter in den Bohnenfeldern. Ob seine kleinste Schwester einmal zur Schule gehen wird, weiß Saw Chrit nicht. Er möchte nach seinem Mittelschulabschluss nicht in der Landwirtschaft arbeiten, wie es die meisten hier tun. Saw Chrit will Mechaniker  werden.

„Buben werden oft früher aus der Schule genommen, weil sie schon mit zwölf Jahren eine große Hilfe bei der Feldarbeit sind oder allein in die Wälder gehen können, um Feuerholz für die Herstellung von Holzkohle zu sammeln“, sagt Father Thomas. Die Holzkohle verkaufen die Kinder am Straßenrand und tragen so zum Einkommen der Familie bei.

Gefährliche Bildung

Menschenrecht auf Bildung

© Peter Goda

Gemeinsam mit drei Brüdern vom Orden der „Missionaries of St. Paul“ kümmern sich vier Lehrerinnen und Lehrer um die kleinen Internatsbewohner. Rund um die Uhr sind sie für die Kinder da, helfen ihnen bei den Hausaufgaben, beten  mit ihnen und geben Englischnachhilfe.

An der Fremdsprache zeigt sich die Zerstörung des Schulsystems durch das Militärregime besonders deutlich. Aus Sicht des Militärs galt es, kritisches Denken um jeden Preis zu verhindern. Das einigermaßen gut funktionierende Schulsystem, das die britischen Kolonialherrscher eingeführt hatten, wurde abgeschafft. In Myanmars Schule wird seither vor allem auswendiggelernt. So können die Schülerinnen und Schüler englische Texte zwar lesen, verstehen dabei aber kein Wort.

Mi Nge lebt seit der ersten Klasse Volksschule hier im Internat. Sie mag vor allem die zwei Gebetszeiten jeden Tag. „Da ist es so schön ruhig“, lacht die Dreizehnjährige. „Hier ist immer viel los“, sagt Father Thomas, „die Kinder müssen bei uns sehr ordentlich sein, das ist bei so vielen Menschen in einem Haus wirklich wichtig. Wir wollen ihnen aber auch beibringen, gute Christen zu sein, also füreinander da zu sein und einander zu helfen“, so der Internatsleiter. Gerne würde er die Kleinsten in einem eigenen Haus unterbringen. So könnten sich die älteren Schülerinnen und Schüler besser auf ihre Aufgaben konzentrieren. Noch fehlen ihm dazu die Mittel.

Zeit zum Spielen

Menschenrecht auf Bildung

© Peter Goda

Neben den beiden Holzhäusern der Buben und Mädchen, befinden sich auf dem Gelände Waschräume, ein kleiner Kindergarten, eine Küche und ein Mehrzweckraum. Dazwischen ist jede Menge Platz zum Spielen. Dass sie hier viel mit anderen Kindern spielen kann, gefällt Sar Phew besonders gut am Internat. Wenn sie in den Ferien zu Hause ist, holt sie jeden Tag das Wasser und kocht für die ganze Familie. Ihr Bruder hütet derweil die beiden Wasserbüffel. Viel Zeit, um miteinander zu spielen, bleibt da nicht. „Hier im Internat gefällt es mir besser“, lächelt Sar Phew schüchtern.

„Etwa die Hälfte unserer Kinder haben einen Elternteil verloren. Vater oder Mutter müssen sich dann alleine um die vier bis fünf Kinder kümmern. Eltern trennen sich auch und heiraten jemand anderen, manchmal werden dann die Kinder aus der ersten Ehe zu uns ins Internat geschickt. Es gibt viele zerbrochene Familien“, sagt Father Thomas ernst. „Wir versuchen, den Kindern Stabilität zu geben und ihnen zu zeigen, dass sie uns vertrauen können.“ Im Internat sollen sie das können, was zu Hause oft nicht möglich ist: Einfach Kind sein.