Venezuela: Wenn aus Reichtum Armut wird

Die Kirche und mutige Christinnen und Christen helfen, die Not der Menschen zu lindern.

Stellen Sie sich vor, Sie heben heute 1.000 Euro von ihrem Konto ab – und am Ende des Jahres sind sie nur einen Cent wert. Genau das droht den Menchen in Venezuela, denn dort rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einer Gesamtjahresinflation von zehn Millionen Prozent. „Wir haben wirklich Hunger. Wir essen nur noch Getreide. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Bitte helft uns!“, schreit eine Frau verzweifelt in eine Fernsehkamera und steht dafür stellvertretend für 31 Millionen Venezolaner. Szenen wie diese stehen in Venezuela an der Tagesordnung. Einst war es dank seiner Erdölvorkommen ein reiches Land. Als die Einnahmen noch sprudelten, wurden damit Sozialprogramme finanziert, gleichzeitig aber Investitionen in die Infrastruktur oder in die Entwicklung neuer Einnahmequellen als Alternativen zum Erdöl vernachlässigt. Mit dem Sinkflug des Ölpreises schlitterte das Land in die Krise. Der Sozialismus war gescheitert. Hyperinflation, Korruption, bittere Armut und ein politischer Machtkampf zwischen Staatschef Nicolás Maduro und seinem Gegner, dem selbst ernannten Interimspräsidenten Juan Guaidó, waren die Folgen.

Kardinal Baltazar Porras

„Unsere ständige Botschaft ist Frieden und eine Suche nach Versöhnung und Vergebung.“

Kardinal Baltazar Porras

Millionen Menschen haben Venezuela deswegen bereits verlassen, und es werden täglich mehr. Die, die bleiben, kämpfen um das tägliche Brot. Die Bevölkerung verbringt die meiste Zeit damit, sich für subventionierte Lebensmittel, Wasser oder GasKartuschen anzustellen, berichtet Jesuitenpater Klaus Väthröder von der Jesuitenmission aus Nürnberg, der zwölf Jahre in dem Land gelebt und es kürzlich besucht hat. Ein Einkauf in Supermärkten ist wegen der hohen Preise für die allermeisten undenkbar, erzählt er. Besonders hart trifft es alte Menschen, die sich teilweise schon 24 Stunden vor Auszahlung ihrer Pensionen vor den Banken anstellen müssen.

„Denn es kann vorkommen, dass der sechzigste Pensionist schon keine Pension mehr bekommt.“

In diesen Zeiten der Krise hilft die Kirche, wo sie kann. Lebensmittel und wichtige Medikamente werden verteilt. Es gibt auch Berichte über Christen, die bewusst in Venezuela bleiben, um zu helfen statt auszuwandern. Pater Väthröder bestätigt die zentrale Rolle der Kirche in Venezuela, einem Land, in dem 96 Prozent der Einwohner katholisch sind. Vor allem versucht sie, die Menschen im Land zu ermutigen. Politisch hat sich die Bischofskonferenz klar positioniert: gegen Maduro, auch nicht für Guaidó. Sie erkennt nur das Parlament als einzige legitime politische Vertretung des Landes an. Kardinal Baltazar Porras, Erzbischof von Caracas, ruft dazu auf, nicht in Hass zu verfallen.

„Unsere ständige Botschaft ist Frieden und eine Suche nach Versöhnung und Vergebung.“

In dieser dramatischen Situation bleibt die Hoffnung, dass es mit dem Land wieder bergauf geht. Viele Menschen weltweit beten für Venezuela, darunter auch Papst Franziskus.