Nordirak/Autonome Region Kurdistan

Zerbombte Städte, die schwarzen Fahnen der Terrormiliz „IS“, flüchtende Menschen – Bilder wie diese gingen vom Irak aus um die Welt. Weniger bekannt ist jener Teil des Iraks, der Millionen Flüchtende aufgenommen hat.

unterwegs mit Lena Hallwirth

GEBET HINTER DEN SCHÜTZENGRÄBEN

Wie zum Zeichen des Friedens und der Hoffnung steigen zwei Turteltauben über der sandfarbenen Landschaft auf. Doch dann erhebt sich unter lautem Getöse ein schwarzer Militärhubschrauber in die Lüfte und erinnert daran, wie zerbrechlich der Frieden in dieser Region der Welt ist. Hinter der Frontlinie beginnt man zu ahnen, welche kulturellen Schätze hier verborgen liegen. Nur wenige Kilometer von den Schützengräben entfernt schmiegt sich eines der ältesten christlichen Klöster der Welt an den Felsen. Bis heute leben syrisch-orthodoxe Geistliche in Mar-Mattai. Jedes Jahr im September empfangen sie Christinnen und Christen aller Konfessionen zum Fest des Heiligen Matthäus, dem das Kloster gewidmet ist. Auch sonst sind die Tore des Klosters geöffnet. Viele Familien treffen sich hier oben und schauen gemeinsam auf das Tal hinab, in dem ihre Wurzeln und die Ursprünge ihres Glaubens liegen.

AUTONOME REGION KURDISTAN

HAUPTSTADT: Erbil

EINWOHNER: 5,8 Millionen, plus über 1 Million Flüchtlinge (2017)

FLÄCHE: 46.861 km

BEVÖLKERUNG: Etwa 36% der Menschen sind unter 15 Jahre alt. Ein Großteil bezeichnet sich als Kurden. Zu den größten ethnischen Minderheiten gehören Araber, Turkmenen, Assyrer, Armenier und Jesiden. Die meisten Menschen sprechen eine der drei kurdischen Sprachen oder Arabisch.

RELIGION: Es herrscht große religiöse Vielfalt. Aus Angst vor Verfolgung flüchteten viele Jesiden, Christen und Angehörige anderer Minderheiten in die Autonomieregion, wo sie ihren Glauben weitgehend frei ausüben können.

7 UNTERSCHIEDLICHEN RELIGIONEN GEHÖREN MENSCHEN IN KURDISTAN AN.

Neben den mehrheitlich sunnitischen Muslimen und Christen verschiedener Konfessionen existieren hier einige uralte vorchristliche Religionen wie der Zoroastrismus, das Jesidentum und das Judentum. Auch Aleviten, Mandäer und Angehörige der im 14. Jahrhundert gegründeten Ahl-e Haqq Religionsgemeinschaft sind hier beheimatet.

ALLTAG IN DER STADT DER GEFLÜCHTETEN

Millionen Menschen aus Syrien und dem Irak suchten in der Autonomen Region Kurdistan Zuflucht. Zeitweise lebten in der Stadt Dohuk mehr Geflüchtete als ursprüngliche Bewohner. Trotzdem geht das ganz normale Leben weiter. Familien essen in den vielen Lokalen im Zentrum zusammen zu Abend, Freundinnen genießen gemeinsam ein Eis und Shisha-rauchende Männer spielen an kleinen Tischen Karten. Abends können sich Frauen bei einem Spaziergang durch die Stadt sicher fühlen. Auch die Ladenbesitzer des Basarsfühlen sich sicher: Statt ihre Ware über Nacht im Innern der Geschäfte zu verschließen, bedecken viele sie lediglich mit Planen und befestigen diese mit Steinen.

UNTER FREUNDEN

Eine Reise durch Kurdistan ist eine Fahrt von einer Freundin zur nächsten. Mit viel Wärme und großer Herzlichkeit heißen die Menschen auch unverhoffte Gäste willkommen. Schnell wird von irgendwoher ein Korb frischer Feigen gebracht oder ein süßer, aromatischer Schwarztee serviert. Zahlreiche Konflikte und die schwierige wirtschaftliche Situation überschatten das Leben der Menschen – dennoch ist ihre Lebensfreude ansteckend.

BLEIBEN ODER GEHEN?

Friedlich liegt die kleine weiße Kirche zwischen Weinreben und Feigenbäumen. Eine Familie hat sich darin zum Gebet versammelt. Schweigend bedecken die Frauen ihre Köpfe mit weißen Spitzentüchern. Nach dem Gebet kommen wir ins Gespräch. Wie leben sie als Christinnen und Christen im Irak? Wie so viele, die wir auf unserer Reise treffen, müssen sie erst mal erklären, wer derzeit wo lebt, denn ein Großteil der Familie ist nur zu Besuch in der Heimat. Krieg und Verfolgung haben sie über den gesamten Globus zerstreut. Zwei Enkelinnen leben in Sidney, ein Sohn hat in Deutschland Zuflucht gefunden, eine Tochter lebt mit ihrer Familie in Kanada. Man sehe sich nur mehr selten, sagt die Großmutter. Immer wieder erzählen mir die Menschen auf dieser Reise davon, wie wichtig ihnen ihre Familie ist. Sie nehmen aktiv am Leben ihrer Verwandten teil und verbringen viel Zeit miteinander. Was es für sie bedeutet, dass nun tausende Kilometer zwischen ihnen liegen, kann ich mir kaum vorstellen. „Manchmal bekomme ich Angst, dass ich alleine übrig bleibe“, erzählt mir Anmar. 1.000 Jahre lang sei Mosul die Heimat seiner Familie gewesen. „Jetzt gibt es meine Familie dort nicht mehr. Einfach so.“ Er weiß, wie wichtig es für das Christentum im Irak ist, dass er bleibt. Doch was ist mit seinem persönlichen Glück? Immerhin, mit seinem Job als Buchhalter kann er für seine Eltern sorgen. Ein Grund zu bleiben.

„Im Irak haben wir gesehen, wie zerstörerisch religiöse Intoleranz sein kann. Wir wollen sicherstellen, dass Kurdistan ein friedlicher Ort für alle Einwohner und Staatsbürger bleibt.“

Bayan Sami Abdul Rahman, Repräsentantin der Kurdischen Regionalregierung
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