Kasachstan - meine zweite Heimat

Als ich das erste Mal von meinem zukünftigen Aufgabengebiet hörte, wusste ich noch gar nicht, wo sich der neuntgrößte Staat auf der Landkarte befindet. Seitdem hat sich viel verändert. Für mich wurde dieses Land zur zweiten Heimat, wenn auch nicht sofort und nicht ohne Schwierigkeiten. Schwierig ist es schon, die Landessprachen zu beherrschen: Kasachisch und Russisch. Nicht einfach ist es, die Kultur und Sitten der verschiedenen in Kasachstan ansässigen Völker kennenzulernen. Auch der Einfluss der Sowjeterziehung spielt nach wie vor eine große Rolle.

Die Katholische Kirche in Kasachstan ist im ganzen Land verbreitet, wenn auch als sehr kleine Minderheit. Sie hat eine große und traurige Geschichte, die eng mit den Deportationen vieler Christen während der Sowjetzeit verbunden ist. Viele Hunderttausende mussten innerhalb kürzester Zeit ihre Heimat verlassen und wurden in die weiten Steppen Kasachstans, das damals Teil des Sowjetimperiums war, verfrachtet, wo sie in den Karlagern – den Arbeitslagern in Kasachstan – Zwangsarbeit verrichten mussten. Die Kirche lebte im Untergrund weiter, die Gläubigen versammelten sich unter großer Gefahr nachts in Privathäusern zum Gebet und Gottesdienst. So konnte der Glaube überleben und wurde, soweit es möglich war, der nächsten Generation weitervermittelt.

Nach meinen ersten Erfahrungen, die ich in der Stadt Karaganda, im Zentrum Kasachstans, machen durfte, wurde ich in den Norden Kasachstans in die Pfarreien Korneewka und Tonkoschurowka versetzt, um ein Gebiet, das so groß wie das Bundesland Kärnten ist, seelsorglich zu betreuen.

Diese Pfarreien wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom Berliner Priester Prälat Lorenz Gawol gegründet. In der Gemeinde Korneewka errichtete er auch eine christliche Schule, die sich der Formung und Bildung der jungen Menschen, die in diesen abgelegenen ländlichen Regionen wenig Ausbildungsmöglichkeiten hatten, widmete.

Dabei ging es ihm nicht nur um eine formale Wissensvermittlung, sondern um die Weitergabe von menschlichen und christlichen Grundwerten, die notwendig für ein erfülltes Leben sind.

Das Pfarreileben ist sehr von den Witterungsbedingungen abhängig. Da wir im Winter bis zu minus 40 Grad erleben und immer wieder Schneestürme die Straßen unpassierbar machen, finden die Hauptaktivitäten vor allem im Sommer statt. Der 25. Mai ist für die meisten Kinder in Kasachstan einer der schönsten Tage: Mit ihm beginnen die Sommerferien, die bis zum ersten September dauern.

Im Folgenden möchte ich einen kleinen Einblick über die Aktivitäten im Sommer 2016 geben:

Generalversammlung des Päpstlichen Missionswerkes in Rom

Ende Mai konnte ich zunächst an der Generalversammlung des Päpstlichen Missionswerkes in Rom teilnehmen. Hier treffen sich die Länderdirektoren von Missio aus der ganzen Welt. Ein Treffen, das nicht nur gefüllt ist mit intensiver Arbeit, sondern immer interessante Begegnungen und Bekanntschaften ermöglicht. Kasachstan zählt bei diesem Treffen übrigens zu den „Exoten“. Wenn ich den afrikanischen und asiatischen Kollegen von unseren Schneestürmen berichte, dann ernte ich häufig nur ein ungläubiges Kopfschütteln. Höhepunkt dieses Treffens ist sicher die Audienz mit Papst Franziskus, in deren Verlauf jeder einzelne Nationaldirektor die Möglichkeit hat, den Papst persönlich zu treffen.

Kinderlager in Tonkoschurowka

Wieder zurück von Rom begann nun der Sommer mit einem wundervollen Kinderlager in Tonkoschurowka, an dem über 30 Kinder teilnahmen. Dieses Lager findet seit über 10 Jahren statt und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Es ist aber auffällig, dass in Tonkoschurowka selber immer weniger Kinder sind. Das Dorf stirbt leider langsam aus, viele Familien ziehen in die größere Nachbarortschaft nach Sagradowka, oder noch weiter weg. So kam es, dass fast die Hälfte der Kinder nicht aus Tonkoschurowka, sondern aus den umliegenden Dörfern zu uns kam. Eine Entwicklung, die nicht so schlecht ist, weil wir dadurch die Möglichkeit haben, viele neue Leute kennenzulernen und anzusprechen.

Die Katechese und das religiöse Programm bilden einen Schwerpunkt des Lagers und zusammen mit den Gruppenleitern werden zu biblischen Themen Theaterstücke, Tänze, Plakate … in der Gruppe vorbereitet und dann voll Freude präsentiert.

Es ist ein gutes Zeichen, dass die Kinder am Ende des Lagers immer sehr traurig sind, dass es keine „Verlängerung“ gibt – aber wirklich: Eine intensive Woche ist mehr als genug.


Jugendlager der „Bewegung der reinen Herzen“

Als nächstes folgte ein Jugendlager der „Bewegung der reinen Herzen“, deren geistiger Leiter ich bin, in der Kleinstadt Schutschinsk, das sich am Rand der sogennanten „kasachischen Schweiz“ befindet. Hier ragen plötzlich aus der Steppe kleine bewaldete Berge heraus, mit fantastischen Felsformationen, die jeweils eine eigene Geschichte zu erzählen haben. Es gibt am Eingang dieses Naturparkes das liegende Kamel, zwei mittelgroße Hügel, das das Gebiet bewacht. In einem See im Zentrum des Parks befindet sich eine Gesteinsformation, die besonders bekannt ist: Betrachtet man sie von der einen Seite, entdeckt man das runzelige Gesicht einer alten Frau. Wenn man nun allmählich diesen Stein, der aus dem See herausragt, umrundet, dann verwandelt sich das alte Gesicht allmählich in ein junges Mädchengesicht. Diese eigenartige Verwandlung ist so überraschend, dass man seinen eigenen Augen nicht traut.

An unserem Treffen nahmen 30 Jugendliche teil, ab 15 Jahren aufwärts, aus verschiedenen Pfarreien der Erzdiözese Astana. Im Verlauf dieser Woche besprachen wir den Jugendkatechismus, den wir versuchten, etwas systematischer kennenzulernen. Erst im vergangenen Jahr hatten wir von Biblia – Österreich eine großzügige Spende erhalten, mit der wir 500 YouCats besorgen konnten, die auf die einzelnen Pfarreien und Organisationen verteilt wurden. Es war, denke ich, eine sehr nützliche und wichtige Beschäftigung.

Das vielleicht eindrücklichste und tiefste Erlebnis war die gemeinsame Anbetung bis spät in der Nacht. Jeder hatte die Möglichkeit, einen Segen mit dem Allerheiligsten zu erhalten. Viele Jugendliche nahmen die Gelegenheit war, eine Beichte abzulegen. Es ist für mich als Priester eine interessante Erfahrung, dass unsere Katholiken in Kasachstan weitgehend einen überaus positiven Bezug zur Beichte haben. Sie wird als konkreter Ort der Versöhnung und Befreiung erfahren. Natürlich ist es nicht leicht, sich zu überwinden, aber wenn man erkennt, dass ich mich nicht selbst retten kann, dass ich mich nicht verstecken muss, dann fällt auch die Furcht weg, seine Sünden und Versagen Christus hinzutragen. Es ist heilbringend und die Jugendlichen wissen das!


Kinderlager in Korneewka

Als nächstes folgte das Kinderlager in Korneewka. Hier hatte ich schon lange gespürt, dass es nicht leicht werden würde. Wir hatten vor drei Jahren mit dem Experiment eines Sommerlagers in Korneewka begonnen. Damals war meine Maßgabe, dass ich das Lager durchführen würde, wenn zumindest 10 Kinder kommen würden. Damals kamen 18 Kinder – mehr als erwartet. Seitdem hat sich einiges getan: Dieses Jahr hatte wir 50 Anmeldungen, viel zu viel für unser begrenztes Kirchenterritorium. Dennoch wollte ich niemanden nach Hause schicken. Fazit: Es war großartig und unglaublich anstrengend. Vermutlich wurden meine Haare im Laufe des Lagers noch grauer als sie ohnehin schon sind...

Der Ablauf folgte dem Programm, das wir schon in Tonkoschurowka getestet hatten. Die Lagerleitung hatte neben mir eine junge Kasachin, die schon seit einigen Jahren für die organisatorische Seite der Lager verantwortlich ist, während ich den geistlichen Teil übernehme. Wir sind ein gut eingespieltes Team, gemeinsam mit den Gruppenleitern und der Küche gelang es, ein herrliches Lager durchzuführen.


Mit Jugendlichen in Karaganda

Nach einigen Tagen Ruhepause, führten wir die nächste Aktivität durch: Mit 10 Jugendlichen machten wir uns auf den Weg nach Karaganda, ca. 800 km südöstlich von Korneewka. Die Autofahrt war eine Qual. Erst nach über 10 Stunden Fahrt waren wir in der Stadt angelangt, wo wir bei der neuen Kathedrale, „Maria, Mutter aller Völker“ Quartier bezogen. Die Jugendlichen waren begeistert von der Schönheit und Größe des Gotteshauses. Wir verbrachten einen halben Tag nur damit, den Sinn und die Sakralität dieses Ortes zu erfassen.

Am folgenden Tag brachen wir zu einem Ort namens Dolinka auf. Hier hatte sich in der Sowjetzeit das Zentrum eines riesigen Systems von Arbeitslagern befunden. Zahllose Menschen wurden hierher deportiert, wo sie viele Jahre Zwangsarbeit verrichten mussten. Hinrichtungen und Folter gehörten zur Tagesordnung. Heute befindet sich an dieser Stelle ein herausragendes Museum, in dem man die Gefängniszellen, die Folterräume, die Erschießungsstätten noch sehen kann und in die grauenvolle Atmosphäre eintauchen kann. Diese Eindrücke machten unsere Fahrt zu einem unvergesslichen Erlebnis. Am kommenden Tag mussten wir schon nach Hause aufbrechen, weil in wenigen Tagen ein wichtiges Großereignis stattfinden sollte:

Das Jugendfest in Osjornoe

Das Dorf Osjornoe ist nur 20 km von Tonkoschurowka entfernt. Es ist das nationale katholische Heiligtum, in dem die Mutter Gottes vom reichen Fischfang verehrt wurde. Während und nach den Kriegsjahren herrschte in dieser Gegend eine große Hungersnot. Vertrauensvoll wendeten sich die katholischen Christen, die in diesem Dorf wohnten, an die Mutter Gottes, dass sie ihnen in irgendeiner Weise helfen möge. So geschah es auch, als sich plötzlich im See am Dorfrand zahllose Fische fanden, so viele, dass sie bis in die nächsten Städte exportiert werden konnten. So wurden die Dorfbewohner vor der drohenden Hungerskatastrophe bewahrt. Vor und nach diesen Hungerjahren - bis heute - finden sich im See tatsächlich keine Fische.

Im Laufe des jährlich stattfindenden Treffens pilgern die Jugendlichen mit dem Allerheiligsten zu einer Marienstatue, die am Seeufer aufgerichtet wurde. An diesem Glaubensfest nehmen jedes Jahr mehrere hundert junge Erwachsene aus Kasachstan, manchmal auch aus ganz Zentralasien statt. Dieses Mal hatte mich unser Erzbischof Tomash Peta gebeten, die Vorträge für die Jugendlichen zu übernehmen, eine wundervolle und anspruchsvolle Aufgabe. Neben den Vorträgen gab es ein reichhaltiges Programm, viele Treffen, Lieder, Tänze, Prozessionen, etc. Kurz gesagt: Eine wundervolle Zeit mit großartigen jungen Menschen. Es wäre wirklich so wichtig, dass diese Jugendlichen auch in Kasachstan bleiben würden, um so eine neue, tief gläubige Generation der Kirche zu bilden. Leider tragen sich aber viele mit dem Gedanken, Kasachstan zu verlassen, um in Russland, Polen, Deutschland ihre Existenz aufzubauen.

Auch bei diesem Treffen war bemerkbar, wie freudig und dankbar das Angebot zum Sakrament der Vergebung angenommen wurde. Dazu kommt noch, dass im Verlauf dieser fünf Tage ununterbrochen die Möglichkeit für eucharistische Anbetung bestand. Es war berührend zu sehen, wie die jungen Erwachsenen immer wieder einen Augenblick vor dem Herrn verweilten, und so Kraft schöpften für den Tag und für ihr Leben. Interessant waren die Zeugnisse aus den verschiedenen Teilen des Landes, besonders aus Gegenden, wo der Anteil der Muslime überdurchschnittlich hoch ist. Ein kasachisches Mädchen berichtete, dass sie das erste Mal in ihrem Leben auf dem Weltjugendtag teilnehmen konnte. Beeindruckend war für sie besonders die Erfahrung, in einer riesigen Gemeinschaft aufgehoben zu sein. Zuhause in Kasachstan ist es leider häufig so, dass sie als „Sektanten“ angesehen werden.

Herr, gib diesen jungen Menschen die Kraft, deinen Namen in einer Welt zu verkünden, die dem Christentum gegenüber gleichgültig oder sogar ablehnend gegenüber stehen.


Hochzeit

Ein letztes schönes Ereignis war eine Hochzeit, die ich in Karaganda assistieren durfte: Die Braut stammt aus der Stadt Temirtau, wo sich die Pfarrei befindet, in der ich zuerst in Kasachstan wirken konnte. Sie war eine Neubekehrte und blieb ihrem Glauben immer treu. Später, als sie als Au Pair in Deutschland arbeitete, erlebte sie erstmals Schwierigkeiten. Sie war es gewohnt, jeden Monat zur Beichte zu gehen. Aber es gab kein Angebot diesbezüglich. So machte sie sich kurzerhand selbständig und fragte einen Priester direkt, ob er ihr die Beichte abnehmen könnte. Der Priester war nach ihren Schilderungen fassungslos. So etwas war ihm seit Jahren nicht mehr passiert: Ein junger Mensch, der gerne und freiwillig zur Beichten geht ….

ER macht alles gut

Am Ende des Sommers angelangt, kann ich mit Dankbarkeit und Erleichterung zurückblicken: Alle Lager und Unternehmungen, die wir geplant hatten, konnten wir gut und ohne große Schwierigkeiten durchführen. Ja, die Erleichterung ist groß: Denn oft gibt es so viele Fragen und Probleme gleichzeitig zu lösen. Dazu kommt die tägliche Sorge um die Erwachsenen, Jugendlichen und Kinder, die der Herr uns anvertraut hat. Die größte Sorge gilt dem Heil ihrer Seelen. Manchmal, ehrlich gesagt, bin ich schon am Ende meiner Weisheit und rufe zum Herrn um seine Hilfe. Es ist entlastend zu wissen, dass wir niemanden retten können. Auch wenn ich die Nächte durchwache, mich in zahlreiche Aktivitäten verstricke, die Leute ununterbrochen belehre und beschäftige: Ich kann niemanden retten! Das kann nur Gott allein. Ist das nicht wirklich entlastend: Wir dürfen IHM in jedem Dienst, den wir verrichten, grenzenlos vertrauen, dass er alles gut macht! Er ist nicht stumm, taub oder gleichgültig!

Darauf dürfen wir wirklich vertrauen: Er möchte unser Heil, das Heil eines jeden Einzelnen.

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