On Air für eine gerechtere Gesellschaft

Frauen, Menschen mit Behinderungen, alte Menschen und Kinder kommen in ugandischen Medien kaum vor. Noch seltener können sie selbst das Wort ergreifen. Das erste Frauen-Radio gibt ihnen die Möglichkeit, gehört zu werden. Jetzt steht es vor dem Aus.

Text: LENA HALLWIRTH // Fotos: SIMON KUPFERSCHMIED

allewelt Mai/Juni 2020

Robinah Manufuka

„Hallo, hier ist Mama FM.”

Robinah Manufuka, Journalistin bei Mama FM

Gemurmel erhebt sich in dem festlich geschmückten Saal, kurz ist der Vortragende kaum mehr zu verstehen. Ist sie es? Ist sie schon da? Nein, falscher Alarm, die rund 50 Gäste kommen wieder zur Ruhe. Judith Nabakooba, die ehrenwerte Ministerin für Information und Kommunikationstechnologie und der Star der heutigen Veranstaltung anlässlich des Weltradiotags, lässt auf sich warten. Eineinhalb Stunden später fährt schließlich ihr silberner Geländewagen in den begrünten Hof von Radio Mama FM. Gütig lächelnd steigt die Ministerin aus, richtet die gelbe Schärpe um ihre Hüfte und schreitet in ihrem imposanten Kleid mit den hochstehenden Puffärmeln, genannt Gomesi, in den Saal. Hochgewachsen und mit offenem Haar strahlt sie Autorität aus. Verhaltener Applaus, die Menschen im Saal erheben sich, die ugandische Hymne wird angestimmt. Es ist ihr erster Besuch als neue Ministerin. Für Mama FM ist es die Rückkehr einer großgewordenen Tochter. Als Studentin verbrachte Judith Nabakooba unzählige Stunden im Studio des ersten Frauen-Radios Afrikas. 

Uganda Weltkarte

Hauptstadt: Kampala

Amtssprachen: Englisch, Swahili, Luganda (regional)

Einwohner: 38 Millionen (Schätzung 2018)

Fläche: 241.550 km²

Währung: Uganda-Schilling (UGX)

Religion: Christentum (84,8%), Islam (13,7%), andere Religionen/Konfessionslose (1,5%)

Gewalt, von der niemand wissen will

„Sie war hier vor vielen Jahren, als junges Mädchen, heute ist sie unsere Ministerin, unser Boss“, sagt Margaret Sentamu, Geschäftsführerin von Mama FM, mit Tränen in den Augen und lächelt ihrem ehemaligen Schützling zu. Mit ihrer Karriere hat die Ministerin gezeigt, dass Margarets Plan funktioniert: „In diesem Land wird uns beigebracht, dass Frauen nicht sprechen sollten, dass sie Männer bedienen sollten. Aber hier bei Mama FM wollen wir das grundlegend verändern und Frauen die Möglichkeit geben, zu glänzen. Denn wir erinnern uns: 51 Prozent der Bevölkerung sind weiblich, also müssen wir sicherstellen, dass sie mitentscheiden können“, fasst Margaret zusammen. Bei Mama FM bekommen junge Menschen neben dem journalistischen Handwerkszeug die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und ihre Meinung zu sagen. Gleichzeitig helfen sie benachteiligten Menschen, ebenfalls gehört zu werden, und sprechen Themen an, über die sonst keiner berichtet. Etwa die Gewalt, der viele Kinder zu Hause, in der Schule oder der Nachbarschaft ausgesetzt sind.

Judith Nabakooba

„Mama FM ist eine Plattform, wo jede einzelne Frau die Möglichkeit bekommt, zu sprechen und zu lernen.“

Judith Nabakooba, Ministerin für Information und Kommunikationstechnologie
Margaret Sentamu

„Sie war hier vor vielen Jahren, als junges Mädchen, heute ist sie unsere Ministerin, unser Boss.”

Margaret Sentamu, Geschäftsführerin von Mama FM

In einem schummrigen Studio hat Robinah Manufuka hinter Mikrofon und Schaltpult platzgenommen. Ihr gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe, sitzen die Studiogäste ihrer wöchentlichen Kinder-Talkshow. Vier Kinder zwischen fünf und 17 Jahren erzählen von Schlägen und Beschimpfungen, die sie selbst oder ihre Geschwister erleben mussten. Mit klarer, ruhiger Stimme erzählt Christine, die mit der Stoffwechselerkrankung Albinismus geboren wurde, wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sie schikanierten. Auch die drei erwachsenen Gäste teilen schmerzhafte Erinnerungen an ihre Kindheit und erzählen, wie Angst und Gewalt ihr Leben geprägt haben. Dann fordert Robinah dazu auf, anzurufen und mitzureden.

COMMUNITY RADIOS IN UGANDA

Insgesamt gibt es etwa 292 Radiosender in ganz Uganda, von denen die meisten gewinnorientiert sind oder von Politikern und Politikerinnen finanziert werden. Im Gegensatz dazu ist es die Aufgabe der vier Community Radios des Landes, benachteiligte Menschen und jene am Rande der Gesellschaft zu erreichen, Themen anzusprechen, die diese Menschen bewegen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. So sind die Hörerinnen (45%) und Hörer (55%) von Mama FM oft Menschen mit geringem bis mittlerem Einkommen und interessieren sich besonders für Sendungen über Menschenrechte, Gesundheit, den Umgang mit häuslicher Gewalt, urbane Landwirtschaft und Sport.

Quelle: Publikums-Befragung von Mama FM, Juli/August 2017

Hilfe per Radio

„Hallo, hier ist Mama FM“, begrüßt Robinah die Anruferin und schiebt ihre Brille zurecht. Die Leitung kracht und rauscht, dann erzählt die Anruferin von einem zweijährigen Kind in ihrer Nachbarschaft, um das sie sich Sorgen macht. Das Mädchen habe eine Behinderung und werde zu Hause weggesperrt. Robinah rät ihr, sich an die staatliche Beratungsstelle gegen Kindesmissbrauch zu wenden und gibt ihr die Notrufnummer. Es wird nicht das letzte Mal innerhalb der zweistündigen Sendung sein, dass sie die kostenlose Nummer durchgibt. Einige melden sich aber auch, um anderen Eltern ins Gewissen zu reden, Kinder nicht zu schlagen und nicht mehr Kinder zu bekommen, als sie liebevoll betreuen können. „Dass so viele Menschen angerufen haben, zeigt, dass sie uns zuhören und verstehen, was wir tun und was wir der Nation mitteilen wollen. Diese Sendung wird dazu beitragen, Kinder wie mich in Zukunft zu schützen“, ist die 17-jährige Christine nach der Sendung überzeugt.

Christine

„Diese Sendung wird dazu beitragen, Kinder wie mich in Zukunft zu schützen.”

Christine, 17 Jahre

Sie möchte anderen Kindern, die Gewalt erlebt haben, ein Vorbild sein und ihnen zeigen, dass sie eine Stimme haben und mit Mama FM auch die Möglichkeit, sie kundzutun, sagt sie voller Selbstbewusstsein. Neben Nachrichtenblöcken und Sport-News, kommen in zahlreichen Live-Sendungen Betroffene selbst zu Wort. Das ist alles andere als üblich in Uganda, wo etwa Frauen nur rund 24 Prozent der Zeit als Interviewpartnerinnen dienen und das hauptsächlich zu Haushalts- und Gesundheitsthemen, wie eine Studie der Uganda Media Women’s Association (UMWA) im vergangenen Jahr ergab. Um dem entgegenzuwirken, gründete UMWA vor 19 Jahren Mama FM. Hier wird bewusst darauf geachtet, Frauen und Männer unterschiedlicher Altersgruppen zu verschiedenen Themen zu befragen, Journalisten und Journalistinnen berichten zu lassen und neben Experten immer auch mit Expertinnen zu diskutieren.

Auch ohne Geld oder Schulabschluss dabei

26 Prozent der Menschen in Uganda können nicht lesen und schreiben. Für sie ist das Radio eine wichtige, manchmal sogar die einzige Informationsquelle abseits des Hörensagens der Nachbarn. Aber auch für die restliche Bevölkerung ist das Radio das Massenmedium schlechthin – vor der Zeitung oder gar den sozialen Medien, zu denen viele Menschen nach wie vor keinen Zugang haben. Unabhängig vom Bildungsniveau oder dem Einkommen kann damit jede und jeder schnell Informationen bekommen, sei es mittels einfachem Mobiltelefon, Autoradio oder einem klassischen Empfangsgerät. Besonders für Menschen, die in vielen anderen Bereichen vom Leben in der Gesellschaft ausgeschlossen werden, kann das Radio ein lebenswichtiger Begleiter sein.

In einer wöchentlichen Live-Sendung sprechen Menschen mit Behinderung bei Mama FM etwa darüber, dass Krankenhäuser selten Rampen für Menschen im Rollstuhl haben, dass bei überlebenswichtigen Bluttransfusionen Menschen ohne Behinderung bevorzugt werden oder dass Frauen, die ein Kind erwarten, von medizinischem Personal herablassend oder gar nicht behandelt werden. Über das Radio können sie auf ihre Situation aufmerksam machen und Druck auf die Politik ausüben. Mama FM liefert ihnen zudem praktische Informationen über spezielle Angebote und Stellen, an die sie sich wenden können. Geld verdient man mit solchen Sendungen keines, aber das darf Mama FM ohnehin nicht. Würde der Radiosender etwa Werbung schalten, könnte er als gewinnorientiert angesehen werden und seine Lizenz als Community Radio verlieren.

KURZ ZUSAMMENGEFASST: MAMA FM

Frequenz: 101.7

Slogan: The voice to listen. Die Stimme, auf die man hört

Reichweite: 70 Kilometer, das umfasst 16 Bezirke, in denen rund 13 Millionen Menschen leben

Sprachen: 90% Luganda, 10% Englisch

Sendezeit: 5 Uhr bis Mitternacht

Vision: Die Stimmen und Anliegen benachteiligter Menschen in den Fokus der Berichterstattung rücken – für eine gerechtere Welt

Ungerechte Lizenzgebühren

Andererseits müssen auch nicht-kommerzielle Radiosender unverhältnismäßig hohe Lizenzgebühren zahlen. Staatliche Förderungen gibt es keine. Mama FM lebt von Spenden, bleiben sie aus, kann Margaret ihre rund 40 Mitarbeitenden nicht bezahlen. „Im Jahr 2020 wissen wir ehrlich gesagt nicht, wie wir überleben sollen, wir haben bisher keinerlei Finanzierung erhalten“, erzählt sie und wirkt niedergeschlagen. Die Mitarbeitenden wissen über die finanzielle Lage Bescheid, viele haben sich entschieden, trotzdem zu kommen. Für einige ist das ein Minusgeschäft, denn auch der Bus in die Arbeit am Stadtrand Kampalas kostet Geld. Um sich über Wasser zu halten, haben viele einen Zweitjob. Die Programm-Managerin Catherine Apalat etwa steht jeden Morgen um fünf Uhr auf und bäckt bis neun Uhr traditionelles Fladenbrot. Damit beliefert sie die Schulen in ihrer Umgebung – eine wichtige Einkommensquelle für die junge Mutter, die sich parallel um ihre beiden Kinder kümmert, von denen das ältere zwei Jahre, das jüngere erst sechs Monate alt ist. Anschließend fährt sie zu Mama FM und in den Pausen wieder nach Hause, um ihr Baby zu stillen, das von einem Kindermädchen betreut wird.

Margaret Sentamu

„Im Jahr 2020 wissen wir ehrlich gesagt nicht, wie wir überleben sollen.”

Margaret Sentamu, Geschäftsführerin von Mama FM

Wie für viele hier ist das Radio Catherines große Leidenschaft. Besonders junge Menschen bekommen hier zudem verantwortungsvolle Aufgaben, die sie in anderen Medienunternehmen erst nach vielen Jahren übernehmen dürften. Für Frauen ist es ein sicherer Arbeitsplatz, an dem sie vor sexueller Belästigung und Übergriffen geschützt sind – ein respektvoller Umgang miteinander ist bei Mama FM nicht nur on Air Programm. Bekommen sie einen bezahlten Job angeboten, hören viele dennoch mit der ehrenamtlichen Arbeit auf. Margaret versteht das, trotzdem tut es weh, wenn eine talentierte Journalistin, die sie ausgebildet hat, zu einem kommerziellen Sender wechselt. Sie hofft auf die Unterstützung ihrer ehemaligen Schülerin, der Ministerin Judith Nabakooba. Diese hört sich an, was die versammelten Vertreter und Vertreterinnen der Community Radios fordern, auch wenn die gerade noch lautstark diskutierten Forderungen in Anwesenheit der Ministerin plötzlich nach schüchternen Bitten klingen. Dann bedankt sie sich für den Einsatz für die Schwächsten und verspricht, sich der Probleme anzunehmen, wenn es ihr möglich sei – schließlich stünden wichtige Wahlkampagnen an.

Jetzt Mama FM helfen
Lena Hallwirth bei Mama FM

BESUCH VOR ORT

Drei Tage lang durfte Missio-Redakteurin Lena Hallwirth im Februar 2020 Journalistinnen und Journalisten von Mama FM bei ihrer Arbeit begleiten und mit ihnen über ihre prekäre Arbeitssituation sprechen. Studiogast Christine hat ihr gezeigt, wie Mama FM Mut macht und Hoffnung schenkt.