Kämpfen, träumen, beten

Priscilla und Julius strengen sich an. An ihrer Volksschule gehören die Geschwister zu den besten. Doch, ob sie auch zu den 62 Prozent gehören werden, die die Volksschule in Uganda erfolgreich abschließen, ist unsicher. Oft bleibt ihrer Familie nur, auf Gott zu vertrauen.

Text: LENA HALLWIRTH // Fotos: SIMON KUPFERSCHMIED
allewelt September/Oktober 2020

Priscilla rennt so schnell sie kann. Mit ihren nackten Füßen wirbelt die Achtjährige die rote Erde auf. Nur noch ein paar Meter, dann ist es geschafft: Atemlos und mit Schweißperlen auf der Stirn erreichen sie und die anderen Mädchen der vierten Klasse unter lautem Gegröle das Ziel. Es ist erst ihre zweite Schulstunde, aber die Sonne hat die dunstige Luft an diesem Tag Mitte Februar schon aufgeheizt. Unbeirrt springen die Kinder bei 30 Grad Celsius im Schatten „Hampelmänner“, balancieren auf einem Bein und feuern sich gegenseitig bei den Turnübungen an. St. Bernadette Primary School steht auf ihren blauen Schuluniformen mit den gelben Krägen. „Success after Struggle“ – „Erfolg nach Anstrengung“ lautet das Motto der katholischen Schule, die 1988 von Sacré Coeur-Schwestern gegründet wurde. Mittlerweile ist die Volksschule in einem Vorort der ugandischen Stadt Jinja eine der besten des Distrikts. Die Schülerinnen und Schüler schließen bei den landesweiten Prüfungen am Ende der siebenjährigen Volksschulzeit überdurchschnittlich gut ab. Und das, obwohl hier wie an vielen anderen ugandischen Schulen oft 60 Kinder und mehr von einer Lehrkraft unterrichtet werden.

Hauptstadt: Kampala

Amtssprachen: Englisch, Swahili

Einwohner: 38 Millionen (Schätzung 2018)

Fläche: 241.550 km²

Währung: Uganda-Shilling (UGX)

Religion: Christentum (84,8%), Islam (13,7%), andere Religionen/Konfessionslos (1,5%)e (1,5%)

Allseits beliebt

Bernadette ist nicht die einzige Heilige, die sich auf der Schulrangliste weit oben befindet. Auch die Heiligen Maria, Agnes, Franziskus und viele weitere sind vertreten – manche gleich mehrmals. Knapp 5.000 Volksschulen werden in ganz Uganda von der katholischen Kirche getragen. Fast 40 Prozent der Menschen sind katholische Christinnen und Christen. Katholische Schulen sind aber auch bei anglikanischen, freikirchlichen und muslimischen Eltern beliebt – sie stehen für Qualität und gute Führung. Wohlhabend sind sie deshalb noch lange nicht. Viele befinden sich in Gegenden, in denen Eltern vor großen Herausforderungen stehen, wenn neue Schulhefte, Kugelschreiber oder gar eine neue Schuluniform gekauft werden müssen.

Schwester Lucy Kabagweri und Schüler

„Manche unserer Kinder haben es sehr schwer zu Hause. Unsere Lehrerinnen und Lehrer arbeiten hart, damit sie sich in der Schule wohlfühlen und ihre Sorgen vergessen können.“

Schwester Lucy Kabagweri

Plaudernd und lachend steht Priscilla mit ihren Freundinnen in der Schlange vor der Essensausgabe. Ihr großer Bruder Julius kommt gerade aus dem Unterricht. Die Späße der jüngeren Kinder interessieren ihn nicht – schließlich gehört er mit seinen zwölf Jahren zu den Großen, bald wird er die Volksschule abschließen. Jetzt hat auch er Hunger. Geduldig schöpft eine Lehrerin Bohneneintopf und Posho, einen weißen Sterz aus Maismehl, in die Plastikteller der Kinder. Nahrhaft, sättigend und billig wird es an Ugandas Schulen täglich ausgegeben. Manche haben zusätzlich eine Banane oder ein paar „Samosa“ genannte Teigtaschen dabei. Doch die meisten der 1.400 Schülerinnen und Schüler können sich nicht einmal den Bohneneintopf leisten, erzählt Schwester Lucy Kabagweri, die St. Bernadette seit einigen Jahren erfolgreich leitet. Damit kein Kind hungrig lernen muss, dürfen sie sich kostenlos an einem großen Topf mit Haferbrei bedienen.

Gut reicht nicht

Zwei Schulbusse bringen die Kinder, deren Eltern sich das Fahrgeld leisten können, in die Schule. Andere Kinder gehen bis zu acht Kilometer zu Fuß, um St. Bernadette zu erreichen, berichtet Schwester Lucy. Für Julius beginnt der Tag bereits um drei Uhr morgens mit einem Gebet und den Hausaufgaben vom Vortag. „Ich will sichergehen, dass ich den Stoff wirklich beherrsche“, sagt der schmale Bub ernst. Er weiß, dass seine einzige Chance, an eine weiterführende Schule zu kommen, ausgezeichnete Noten sind. Die Prüfungen nur zu bestehen, ist für ein Stipendium nicht genug. Während die Ratten noch um die Hausmauern huschen, lernt er auf einem Schemel Mathematik. Um 3:30 Uhr läutet auch für Priscilla der Wecker, dann steht die Volksschülerin von der Matratze am Boden auf, die sie mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Patrick teilt. Anschließend holt sie Wasser von der Entnahmestelle der benachbarten Moschee, kocht Tee, wäscht sich und wartet mit ihren Brüdern, bis der Schulbus kommt. Abends bringt er sie wieder nach Hause.

COVID-19-bedingte Schulschließungen

Stand: September 2020

Seit 20. März sind die Schulen in Uganda geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. „Viele Kinder leiden alleine zu Hause, während ihre Eltern zu arbeiten versuchen, um zu überleben“, berichtet Schwester Lucy Kabagweri, Direktorin der St. Bernadette Volksschule. Virtuelle Unterrichtsangebote erreichen die allermeisten Schülerinnen und Schüler nicht. Einige Familien sind zurück in ihre Dörfer gezogen, nicht alle werden wiederkommen, wenn die Schulen wieder öffnen. Wann das sein wird, ist unklar. Derweil nimmt die Zahl der Infizierten trotz drastischer Maßnahmen stark zu. Ende Juli wurden die ersten Todesfälle gemeldet.

Zuhause ohne Rückzugsort

Die Sonne beginnt sich schon zu neigen, als die Geschwister von der vielbefahrenen Hauptstraße um eine Hausecke biegen und einen schmalen Innenhof betreten. Mehrere Türen führen von dem Hof in knapp neun Quadratmeter große Zimmer, die für 50.000 ugandische Shilling pro Monat, etwa 12 Euro, vermietet werden. Zwei Schlafstätten, ein Regal mit Kochutensilien, etwas Kleidung und bunte Heiligenbilder an der Wand – sehr viel mehr besitzt die Familie nicht. Wenn Julius und Priscilla zu Hause sind, verbringen sie die meiste Zeit draußen. Dort wäscht gerade eine Nachbarin ihr Baby in einem Plastikzuber, eine andere kocht auf einem kleinen Holzkohlefeuer. Privatsphäre hat hier niemand. 15 Menschen teilen sich ein Plumpsklo und einen kleinen, türlosen Raum ohne Dach, der als Badezimmer dient. Steht eine Waschschüssel am Eingang, weiß man, dass man warten muss. Besonders in der Früh ist das eine Geduldsprobe.

Auf dem Boden vor einem der Wohnräume sitzt Margret neben einem Topf, in dem sie Posho mit Bohnen kocht und begrüßt ihre Kinder. Routiniert holt Priscilla Wasser, dann waschen sie und Julius ihre Schuluniformen und hängen sie zum Trocknen auf. Der fünfjährige Patrick putzt währenddessen die Schuhe. Dazu taucht er seine kleinen Finger in die Schuhcreme und verteilt sie geschickt auf den abgeriebenen Stellen. Auch ihr Vater Didas ist heute schon zu Hause. Auf einem kleinen Feld baut er Mais, Erdäpfel und Maniok an, dazu fertigt er Ziegel von Hand. Ist das Gemüse reif und die Ziegel bereit, gebrannt zu werden, verbringt er Tag und Nacht auf dem Feld, um die Früchte seiner Arbeit vor Diebstahl zu schützen.

Priscilla und Julius waschen ihre Schuluniformen

„Meine Lieblingstiere sind Ziegen, die sind so süß und sie sind lecker!“

Priscilla, 8 Jahre
Ein Bub sitzt vor einem Schemel mit Heften

„Ich frühstücke nicht zu Hause, weil wir nicht genug Zeit und nicht genug Geld haben. Aber Gott hat mir geholfen – in der Schule wird sogar das Essen für mich bezahlt.“

Julius, 12 Jahre

Kostenlos und unterfinanziert

Die Grundschulbildung ist in Uganda kostenlos, doch nur 62 Prozent aller eingeschulten Kinder schließen das letzte Volksschuljahr ab. Das liegt unter anderem an den versteckten Kosten für Schulmaterialien, Transport und Essen. Nur zwölf der 42 Lehrkräfte, die an St. Bernadette rund 1.400 Kinder unterrichten, werden vom Staat bezahlt. Für die übrigen Gehälter werden die Eltern um einen Beitrag gebeten. Um möglichst vielen Kindern ein Stipendium zu ermöglichen, sammeln die Schülerinnen und Schüler der österreichischen Sacré Coeur-Schulen im Rahmen einer Schulpartnerschaft für ihre ugandischen Kolleginnen und Kollegen und lernen über ihren Alltag.

Unfreie Bauern

Dabei gehört nur ein Teil seiner Ernte ihm. Ein Viertel seiner Erzeugnisse muss er dem Besitzer des Landes, das er bearbeitet, überlassen. „Du musst dich gut stellen mit dem Besitzer, sonst wirst du sofort davongejagt. Wenn man sich seinen Regeln nicht unterwirft, verhungert die Familie und man selbst verhungert auch“, so Didas. Trotz seiner Mühe reicht sein Einkommen nicht zum Überleben. Jedes Wochenende wandert Margret deshalb mit ihrem Sohn Julius den weiten Weg in den Mabira-Wald, um Feuerholz zu sammeln. Was sie finden, transportieren sie gemeinsam mit anderen per Pick-up zurück. Doch die Geschäfte laufen schlecht. „Ich bete, dass viel Kundschaft kommt, sodass wir genug Geld für die Miete haben“, sagt Margret. Da stürmt eine aufgebrachte Frau in den Hof und verlangt, Didas zu sprechen. Sie werde es nicht länger hinnehmen, wirft sie dem großgewachsenen Mann an den Kopf, der vor seinen Kindern und den Nachbarinnen plötzlich sehr klein wirkt. Laut schimpfend fordert sie die ausständige Miete und droht, die Familie auf die Straße zu setzen. Mit leiser Stimme erklärt Didas der Frau seine Situation. Als klar wird, dass sie das Geld heute nicht bekommt, zieht sie wütend ab. Gedemütigt setzt sich Didas zu seiner Frau. Betretenes Schweigen.

Ein Ort zum Menschsein

Hätten Didas und Margret einen Schulabschluss, wäre womöglich alles anders gekommen. Während Margret in ihrem kleinen Dorf nicht einmal die Volksschule besuchen konnte, war Didas auf dem besten Weg, die Oberstufe abzuschließen. „Zuerst ist mein Vater gestorben, da war ich noch jung, dann ist meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen und ich musste die Schule verlassen. So habe ich mein heutiges Leben begonnen“, erzählt der 43-jährige Familienvater. In der Kirche lernte er die damals 19-jährige Margret kennen, er engagierte sich in der katholischen Jugend, sie sang im Kirchenchor. Kurze Zeit später heirateten sie und Margret bekam Julius, ihr erstes Kind. Was ihr als erstes an Didas aufgefallen ist? „Ich liebe ihn“, strahlt Margret ihren Mann an und lacht. Auch Didas strahlt.

Lehrer korrigieren Hefte vor einem Klassenzimmer.

„Meine Kinder haben ein Stipendium bekommen, wir müssen für nichts zahlen! Darauf sind wir sehr stolz.“

Didas, 43 Jahre

Bis heute ist der Gottesdienstbesuch für die Familie eine wichtige Unterbrechung ihres Alltags. In der großen, sauberen und hellen Kirche, sind der Landbesitzer und die Vermieterin weit weg. Die nächtlichen Ratten, die an ihrer Kleidung nagen und der Geruch nach Holzkohle und Urin sind in weiter Ferne. Gott ist hingegen ganz nah. Ihm vertrauen sie sich an, ihn bitten sie um Hilfe, wenn die Probleme, die sie nicht lösen können, sie zu überrollen drohen und wenn der Erfolg trotz der ganzen Anstrengung ausbleibt. Gott hilft und schützt sie, davon sind Margret und Didas fest überzeugt. So war es auch, als sie nicht wussten, wie sie ihren Kindern eine Schulbildung ermöglichen sollen. „Wir haben Schwester Lucy unsere Situation geschildert, wie wir leben, wie wir hungern. Schließlich rief sie mich an und sagte mir, dass meine Kinder ein volles Stipendium bekommen – wir müssen nichts zahlen. Wir haben gefeiert und gejubelt“, lächelt Didas. „Bis heute sind wir sehr stolz auf Schwester Lucy und die Sacré Coeur-Schwestern.“

Das Coronavirus und der Hunger

Rund die Hälfte aller Kinder in Uganda bekommen keine drei Mahlzeiten pro Tag. Trotz Fortschritten sind viele Kinder von Mangelernährung betroffen und bleiben in Wachstum und geistiger Entwicklung zurück. Ohne die günstigen und teils kostenlosen Mahlzeiten an Schulen könnte die Zahl der akut von Mangelernährung betroffenen Kinder drastisch zunehmen. Auch Lehrkräfte, die bisher von den Eltern bezahlt wurden, sind seit Monaten ohne Einkommen und wissen nicht, wie sie die Miete oder das Essen für ihre Familien bezahlen sollen. „Ich versuche, den Lehrerinnen und Lehrern mit kleinen Geldbeträgen zu helfen, sodass sie Grundnahrungsmittel und Seife kaufen können“, so Schwester Lucy.

Jetzt helfen
, Simon Kupferschmied und Elisabeth Rittsteuer

VOR ORT

Gemeinsam mit Projektreferentin Elisabeth Rittsteuer und Fotograf Simon Kupferschmied war unsere allewelt-Redakteurin Lena Hallwirth bei Priscilla und Julius zu Gast. Die Geschwister stehen für die vielen anderen Kinder, deren Weg zum Erfolg ebenfalls voller Hindernisse ist.