Tage der Angst, Tage der Hoffnung

Ein Ghetto-Star fordert den Langzeit-Herrscher heraus. Es klingt wie ein modernes politisches Märchen. Doch dessen Ende bleibt in Uganda aktuell unklar. Das hat Folgen für die vielen Projektpartner von Missio Österreich vor Ort. Entscheidende Wochen liegen vor ihnen.

Von Christoph Lehermayr

Alles an der Geschichte des Mannes mit dem roten Barett auf dem Kopf hat das Zeug dazu, verfilmt zu werden. Aufgewachsen in einem Slum von Ugandas Hauptstadt Kampala, irgendwo zwischen Wellblechhütten, offenen Latrinen und großer Not, beginnt er zu singen. Seine Musik, mal mehr Reggae, dann wieder Rap, ist authentisch, ehrlich ­– und bald erfolgreich. Denn der Mann, der sich nun Bobi Wine nennt und getaufter Katholik ist, spricht vielen aus dem Herzen, wenn er Armut und Elend anprangert, aber auch Auswege aufzeigt und fragt, was die große Politik mit all dem Leid zu tun hat.

Wine, rasch einer von Afrikas bekanntesten Popstars, vergisst dabei nie, woher er kommt – und schämt sich auch nicht dafür. Ganz im Gegenteil. So manch hartes Wort aus früheren Songs bereut er später und engagiert sich für die Armen. Der „Ghetto-Lord“, wie sie Wine bald nennen, kehrt zurück in die Slums seiner Kindheit, lässt dort von ihm bezahlte Toiletten aufstellen und unterstützt Programme, die den Menschen helfen sollen. Bis der Film reißt und im Fast-Forward-Modus in der Gegenwart anlangt. Wine sitzt darin in seiner Villa, die Ehefrau und ein 18 Monate altes Baby an der Seite. Er ist eingesperrt. Das Haus ist von Soldaten umstellt, die Zufahrt abgeriegelt. Keiner kommt durch. Nicht einmal Wines Anwälte. Denn Wine hat es gewagt, den Präsidenten herauszufordern. Ihn, der seit 35 Jahren an der Macht ist. So lange, dass kaum einer der 42 Millionen Menschen in Uganda, wo das Durchschnittsalter bei 16 Jahren liegt, jemand anderen an der Staatsspitze kennt. Auch Bobi Wine nicht. Denn der ist gerade einmal 38.

Der Bobi Wine von morgen

Früher hätte Wine einer von Schwester Lucy Kabagweris Schülern sein können. Viele von ihnen wachsen so auf wie er, in den kleinen Hütten mit dem kahlen Boden, den staubigen Matratzen und der großen Hoffnung. Sie sehnen sich, wie einst auch er, nach Aufstieg und sind bereit, dafür hart zu arbeiten und eifrig zu lernen.  Voller Stolz streifen die Mädchen und Buben jeden Tag ihre blaue Uniform mit dem gelben Kragen über und machen sich auf den Weg zur St. Bernadette Volksschule. Was sie dort erwartet, ist ein großes Wort und ein verheißungsvolles Versprechen: Zukunft. Die ist dank der Unterstützung aus Österreich möglich. Denn obwohl der Schulbesuch in Uganda gratis ist, scheitert er für viele Kinder an versteckten Kosten wie Lernmaterialien, Transport und Essen. Missio Österreich fördert daher gemeinsam mit den heimischen Sacré Coeur-Schulen Patenschaften. Kinder aus armen Familien erhalten Stipendien, werden verpflegt und auch mehr Lehrkräfte können bezahlt werden.

Wenn die Direktorin der katholischen Schule, Schwester Lucy, am Telefon seufzt, dann nicht aus Verzweiflung, sondern weil sie Großes bewältigt. Ein paar Tage sind seit der Präsidentenwahl vergangen. Der Amtsinhaber hat, wie bei den fünf Wahlen zuvor, auch diesmal den Sieg für sich reklamiert. Und nun Soldaten mit schwerem Gerät nicht nur zu Bobi Wine geschickt, der ihm Wahlbetrug vorwirft, sondern gleich überall in der ganzen Hauptstadt postieren lassen. Die Schulen, seit Ausbruch der weltweiten Covid-Pandemie komplett geschlossen, kehrten erst ab Oktober zu einer Art Notbetrieb zurück.

„In unseren Gebeten danken wir den Menschen in Österreich, uns gerade jetzt nicht im Stich zu lassen.“

Schwester Lucy Kabagweri

„Hinter uns liegen harte Monate“, gesteht Schwester Lucy, „der monatelange Lockdown hat fast alle Eltern arbeitslos gemacht und ihnen jedes Einkommen genommen. Wir stellten daher auf Internatsbetrieb um, damit die älteren Kinder ihren so wichtigen Abschluss machen können.“ Mit viel Improvisation und Mühe gelang es, Schlafplätze zu schaffen. Missio Österreich finanziert zudem drei Mahlzeiten am Tag. Eine neu angeschaffte Solar-Anlage auf dem Dach hilft, den gestiegenen Strombedarf zu decken. Schwester Lucy schildert das alles ausführlich und man merkt ihr mit jedem Satz an, wie sehr ihr daran liegt, diese schwierige Zeit zu meistern und dabei auf keines der ihr anvertrauten Kinder zu vergessen. „In unseren Gebeten danken wir den Menschen in Österreich jeden Tag dafür, uns gerade jetzt nicht im Stich zu lassen“, sagt sie. Schon seit Weihnachten blieben die Schulen in Uganda wegen der Wahl erneut geschlossen. „Dabei haben wir alles für die Rückkehr der Kinder vorbereitet. Eigentlich sollte es schon so weit sein, aber derzeit ist so viel Militär auf den Straßen, die Lage ist ungewiss, das verunsichert uns.“

Im Herbst seiner Herrschaft

Der Machthaber Yoweri Museveni ist nervös. Einst als gefeierter Revolutionär in den Präsidentenpalast eingezogen, gestehen ihm selbst Kritiker zu, anfangs viel für Uganda erreicht zu haben. Gerade Programme im Kampf gegen HIV/Aids erhielten auch international Lob. „Das Problem von Afrika im Allgemeinen und Uganda im Besonderen sind nicht seine Menschen, sondern deren Führer, die von der Macht nicht lassen können“, sagte Museveni einst selbst. Nun, mit 76 Jahren längst im Herbst seiner Herrschaft angelangt, ist dieser Grundsatz vergessen und Museveni jedes Mittel recht. In vertraulichen Gesprächen schildern etliche Projektpartner von Missio Österreich, die zu deren eigenem Schutz anonym bleiben, wie selbst die Pandemie als Mittel zur Einschüchterung genützt wird. So sollten drakonische Covid-Maßnahmen verhindern, dass die Opposition in ihren Hochburgen Wahlkampf betreibt. Als es Bobi Wine und andere doch taten, folgten erst Verhaftungen und bald schon Schüsse. Allein im November starben so 54 Menschen.

Uganda und die Pandemie

Dabei steht Uganda Covid-19 hilflos gegenüber: Im ganzen Land, das drei Mal so groß wie Österreich ist, gibt es gerade einmal 55 Intensivbetten, die meisten davon in privaten Spitälern. Die Kosten eines Covid-Tests entsprechen mit umgerechnet 42 Euro einem kompletten Monatslohn. Somit können die offiziell gemeldeten 38.000 Covid-Fälle und 309 Tote seit Ausbruch der Pandemie gelinde gesagt nicht mehr als ein Richtwert sein.

Umso unruhiger macht die Machthaber der Mann mit dem roten Barett, der in seinen Songs nicht nur effektiver vor der Pandemie warnte als sie es taten, sondern auch ihre Korruption offen ausspricht. Mit gleich 73 Ministern leistet sich Uganda die drittgrößte Regierung der Welt. Kurzerhand werden vor der Wahl das Internet und damit auch alle sozialen Medien, sowie die Mobilfunk-Netze im Land gekappt. „Es ist wie in den 80er-Jahren, nicht einmal im Fernsehen gibt es anständige Nachrichten, da das Internet für Livestreams fehlt“, berichtet ein Gesprächspartner von den gespenstischen Tagen der Abschottung.

Stimmzettel vs. Kugeln

Erst fünf Tage nach der Wahl, als Bobi Wine längst in seiner Villa festgesetzt ist, kehren Verbindungen zur Außenwelt zurück. Der Regierungssprecher postet auf Twitter Bilder bewaffneter Milizionäre in Kampala und stellt sie jenen aus Washington D.C. gegenüber, wo zur Angelobung von Joe Biden Soldaten aufmarschiert sind. „Bei uns soll es Einschüchterung sein und dort also Sicherheit?“, fragt er, sich der Ironie selbst nicht ganz sicher.

Und Bobi Wine, der seit er zum Politiker umsattelte, immer wieder bedroht, verprügelt und verhaftet wurde? „Was wir tun ist moralisch und richtig“, teilt er in einer Sprachnachricht aus seinem erzwungenen Exil mit: „Während wir den Luxus haben, in unserem eigenen Heim eingesperrt zu sein, sitzt mein gesamtes Wahlkampfteam im Gefängnis, sind Kollegen auf der Flucht oder abgetaucht.“ Er verspricht, den Kampf fortzusetzen, „gewaltfrei“, wie er immer wieder betont.

„Die Freiheit wird kommen“, sang er kurz vor der Wahl, „und wenn es eine Revolution dazu braucht“, heißt es im Song weiter, während Nelson Mandela im Video auftaucht – „by the ballot or the bullet“, also „ob per Stimmzettel oder durch Kugeln.“ Bobi Wine jedenfalls will klagen, Beweise für die Wahlmanipulation vorlegen und vor Gericht ziehen. Die blutige Alternative ginge allein von den Machthabern aus. Denn noch ist die Lage in Uganda ruhig. Aber Angst und Ungewissheit ziehen wie Gespenster durch jedes Gespräch.

„In unseren Gesichtern sind wir gelassen, aber nicht in unseren Herzen“, schreibt ein Missio-Partner über WhatsApp, „die Regierung hat ihre Macht ohne ein Mandat des Volkes um weitere fünf Jahre verlängert. Die Wahlen waren weder fair noch frei.“ Gefragt, ob das die Menschen einfach so hinnehmen würden, fällt die Antwort klar aus: „Der Diktator hat die Waffen. Uns bleibt nur die Unterwerfung.“