Treu zu Gott und zu den Menschen

Der Außerordentliche Monat der Weltmission ist eine Chance, das Zentralste des Glaubens überhaupt zum Ausdruck zu bringen: Kurienerzbischof Giampietro Dal Toso, Präsident der Päspstlichen Missionswerke, schreibt über die weltweite Bedeutung von Missio und kommende Herausforderungen.

von Giampietro Dal Toso

allewelt November/Dezember 2019

Wir sind im Außerordentlichen Monat der Weltmission, der für die Kirche in erster Linie eine Aufgabe hat: die Berufung aller Christen in Erinnerung zu rufen, am Werk der Verkündigung des Evangeliums teilzunehmen. Dies ist der Wunsch von Papst Franziskus, und dies ist sehr klar in der Linie dessen, was er am Anfang seines Pontifikats mit dem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium gesagt hat: die Kirche ist von Natur aus missionarisch und die Kirche muss heute neue Formen finden, diese missionarische Identität konkret zu leben.

All das steht im Zusammenhang mit dem 100-jährigen Jubiläum des Apostolischen Schreibens Maximum Illud von Benedikt XV.: ein für die meisten unbekanntes Dokument, das aber ausschlaggebend in der Kirchengeschichte war, denn es rief dazu auf, die Missionsarbeit vom Kolonialismus fernzuhalten und lokale Berufungen zum Priesteramt auch in den Missionsländern zu fördern. Wo das geschehen ist, erleben wir heute eine Blüte der Kirche.

Giampietro Dal Toso

Giampietro Dal Toso 

wurde 1964 in Vicenza geboren. Er wuchs in Südtirol auf, wo er 1989 für die Diözese Bozen-Brixen zum Priester geweiht wurde. Als Sekretär des Päpstlichen Rats „Cor Unum“ koordinierte er die Hilfsaktionen des Heiligen Stuhls in den Krisengebieten des Nahen Ostens. Dal Toso wurde im November 2017 zum Präsidenten der Päpstlichen Missionswerke ernannt und am 16. Dezember 2017 in Rom zum Erzbischof geweiht. 

Missio ist modern

Das Charisma der Päpstlichen Missionswerke greift dieses Anliegen bis heute auf: Es gibt den Gläubigen die Möglichkeit, an der Missionsarbeit der Kirche teilzunehmen. Man kann sich natürlich fragen, wie man die eigene Berufung als Getaufte und Gesandte leben kann, die uns der Außerordentliche Monat der Weltmission vor Augen führt, dessen Thema ja ist: „Getauft und gesandt: die Kirche Christi missionarisch in der Welt“.

Die Päpstlichen Missionswerke geben jedem Christen die Gelegenheit, an der Verkündigung des Evangeliums teilzunehmen durch sein Gebet, sein Opfer, seine Spende, sein Lebenszeugnis.

Es ist ein modernes Charisma, aus drei Gründen:

– es ist an jeden Getauften gerichtet, in der Kirche sind alle mitverantwortlich;

– es entspricht dem pastoralen Ansatz der Evangelisierung von Papst Franziskus;

– es kommt dem heutigen Bedürfnis entgegen, das Evangelium nicht allein zu leben, sondern in Verbindung mit vielen Brüdern und Schwestern in einer Welt, die immer kleiner wird. 

Es ist kein einfacher Moment in der Kirche. Vielleicht war es aber nie einfach. In den westlichen Ländern erleben wir bestimmt eine große Umwälzung: Ich persönlich bin in der Volkskirche geboren und aufgewachsen, die aber jetzt ein neues Gesicht bekommt. Die großen Institutionen müssen schließen, weil wenig Berufungen da sind. Gleichzeitig erleben wir ein Aufkommen des Bedürfnisses nach Spiritualität: Ich war vor kurzem in Santiago de Compostela und war beindruckt von der Anzahl junger Menschen – viele davon dem Anschein nach nicht häufige Kirchenbesucher –, die dort durch ihr Gehen auf dem Jakobsweg zeigen, dass sie nach etwas suchen.

Das Charisma der Päpstlichen Missionswerke greift dieses Anliegen bis heute auf: Es gibt den Gläubigen die Möglichkeit, an der Missionsarbeit der Kirche teilzunehmen

Giampietro Dal Toso

Die große Lebendigkeit der Kirche

Meine Frage ist eher, ob wir als kirchliche Institutionen diese Zeichen wahrnehmen und bereit sind, darauf einzugehen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir gerade gegenüber jungen Menschen an Randproblemen stecken bleiben und die eigentliche Frage verpassen. In den Missionsländern erleben wir natürlich eine große Lebendigkeit der Kirche, die die Vor- und Nachteile jeder jungen Kirche zeigt. Es braucht ja Generationen, bis sich eine christliche Kultur etabliert.

Hier dürfen wir aber eben unseren pastoralen Einsatz und unsere katechetische Verantwortung nicht aufgeben: Die mediale Welt durchzieht den ganzen Planeten; sie birgt große Möglichkeiten, aber auch die Gefahr, uns alle auf eine einzige Kultur des Konsums und der Willkür zu reduzieren. Im Allgemeinen würde ich sagen, wir müssen uns als Kirche überall mehr und mehr auf das Wesentliche konzentrieren, das heißt auf den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus, der den Sieg des Lebens, eines jeden dafür offenen Lebens, besiegelt.

Mission ist ein Wort, das einerseits vielbedeutend ist, andererseits leider einen negativen Beigeschmack hat. Manche mögen denken, es sei ein Relikt einer Zeit, als wir anderen unsere Überzeugungen aufgezwungen haben. Jetzt solle jeder seinen persönlichen Glauben selbst finden und das Leben gestalten.

Zurück zum Ursprung

Die Päpstlichen Missionswerke wirken in über 130 Ländern der Welt und nutzen den entscheidenden Vorteil, direkt mit kirchlichen Partnern vor Ort zusammenarbeiten zu können. Kurienerzbischof Giampietro Dal Toso schärft seit Beginn seiner Amtszeit als Präsident der Päpstlichen Missionswerke das Charisma von Missio neu.

Immer mehr soll der ursprüngliche Gedanke der Missio-Gründerin Pauline Marie Jaricot sichtbar werden: Es geht um Gebet und Spende. Papst Franziskus wird nicht müde, zu betonen, dass die Päpstlichen Missionswerke keine Hilfsorganisation wie jede andere werden, sondern ihrem Urcharisma treu bleiben sollen. Dal Toso unterstützt dieses Anliegen des Papstes durch stärkere Vernetzung und intensiveren Austausch unter den Nationaldirektoren.

Was heißt Mission heute?

Mission bedeutet aber für mich, dass Gott mich in Christus zu meinem Heil erreicht hat, und dass ich mich in diese große Bewegung miteinbeziehen lasse, damit ich persönlich durch Wort und Tat Zeuge Christi werde, und andere miteinbeziehe, trotz meiner vielen eigenen Grenzen.

Für die Kirche bedeutet Mission als solche – wie das Zweite Vatikanische Konzil sagte – Verkündigung des Evangeliums und Gründung von neuen Kirchen. Auch unsere Breitengrade sind davon immer mehr betroffen: auch hier heißt es, das Evangelium zu verkünden und neue Glaubensgemeinschaften zu gründen, wo Glaube, Hoffnung und Liebe an konkreten Menschen sichtbar werden.

Allerdings: Wir müssen den Mut haben, wieder die großen Fragen über Gott, den Menschen und die Welt zu stellen. Wir glauben ja nicht an einen Gott, den wir uns selbst erdacht haben, sondern der sich gezeigt hat in Christus und darin uns die Wahrheit vergegenwärtigt hat. Ich bin mit Papst Franziskus zutiefst überzeugt, dass die christliche Verkündigung das trifft, wonach der Mensch sich am meisten sehnt. So bedeutet für mich Mission, treu sein zu Gott und zu den Menschen.