Raum für alle

Der Verein „The Upper Room“ baut Brücken zwischen Indien und Österreich. Die Gründer Anson Samuel und Georg Schaberger wollen jungen Menschen Raum für ihre Ängste, Fragen und Zweifel geben. Startschuss für ihre Arbeit in Österreich war dabei ausgerechnet die Coronavirus-Pandemie.

Text: INES SCHABERGER // Fotos: The Upper Room“
allewelt Jänner/Februar 2021

September 2020, Ritzing im Burgenland: An der österreich-ungarischen Grenze laufen 25 junge Erwachsene in kleinen Gruppen kreuz und quer durch den Wald. Sie haben sich schon gegenseitig im Laub vergraben, ein „Gespräch“ mit einem Wurzelmännchen gefilmt und einander huckepack über die Grenze getragen. Nun sind sie auf der Suche nach dem nächsten Posten der Schnitzeljagd. Zutaten für Palatschinken in kleinen Schüsseln über dem Kopf weitergeben – mit verbundenen Augen?! Ein Teil der Eier, der Milch und des Mehls landet in den Haaren und auf den T-Shirts der 17- bis 30-Jährigen. Zum Glück ist einer der nächsten Hinweise in einer Boje mitten im See versteckt. Ausgedacht haben sich die verrückte Schnitzeljagd Anson Samuel und Georg Schaberger. Der Priesterseminarist aus Indien und der Theologie- und Musikstudent aus Österreich haben dieses Wochenende im Wald initiiert. Eigentlich hätte es in Indien stattfinden sollen, so wie in den Jahren zuvor.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Amtssprachen: Hindi, Englisch sowie 21 weitere lokale Amtssprachen

Einwohner: 1,380 Milliarden

Fläche: 3.287.263 km²

Währung: Indische Rupie (INR)

Religion: Hindu-Religionen (79,8 %), Islam (14,2 %), Christentum (2,3 %), Sikhismus (1,7 %), Buddhismus (0,7 %), Jainismus (0,4 %), Andere (0,9 %)

Die Gründer von „The Upper Room“, einem Verein, der sich für Dialog und Bildung einsetzt, haben bereits mehrere Camps dieser Art für junge Erwachsene in Vasai, Goa und Lonavla organisiert. Ihr Ziel: junge Menschen vernetzen, damit sie sich gegenseitig in ihrem Lebens- und Glaubensweg unterstützen können. „Viel zu oft sehen wir uns in Kirche und Gesellschaft als Einzelpersonen. Dabei ist es viel schöner, einen Ort zu haben, wo man gemeinsam mit anderen verrückt sein, beten, sich engagieren kann“, erklärt der 24-jährige Georg, warum er solche Kurzexerzitien für junge Erwachsene organisiert.

Auch für 2020 war schon alles geplant. Dann kam das Coronavirus, internationale Reisen waren kein Thema mehr. Die beiden Studienkollegen und besten Freunde beschlossen kurzerhand, das Camp in Österreich durchzuführen: mit Schnitzel-
jagd, Lagerfeuergesprächen und gemeinsamen Gebetszeiten.

Statt am indischen Strand treffen sich die Camp-Teilnehmer nun in den burgenländischen Wäldern, statt in einem Exerzitien-Haus schlafen sie in Zelten unter Baumkronen. Anson bringt selbstgemachten Chai. Mit dem süßen Milchtee aus Indien diskutiert es sich einfach besser über Gott und die Welt. Es geht darum, dass wir Menschen mit bestimmten Brillen auf die Welt sehen – was würde sich ändern, wenn man versucht, die Sichtweise des anderen zu verstehen?

Anson Samuel

„‚The Upper Room’ ist ein Ort, an dem Fragen und Zweifel in Ordnung sind.“

Anson Samuel, Priesterseminarist und Gründer von „The Upper Room“

Mix der Kulturen

Vor dem Waldwochenende in Österreich ist er sehr nervös gewesen, erzählt Anson. „Ich hatte Sorge, ob die Art und Weise, wie wir die Camps in Indien machen, nicht zu verrückt oder kindisch für junge Erwachsene in Österreich sind.“ Umgekehrt hatte Georg bei seinem ersten Camp in Indien im Jahr 2017 Bedenken, wie er mit Kultur und Sprache zurechtkommen würde. All ihre Sorgen waren unbegründet, erzählen die beiden.

In Indien wie in Österreich reagierten die jungen Erwachsenen positiv auf die verrückten Spiele, die tiefgründigen Diskussionen und den Mix der Kulturen. „Menschen haben das einfach in sich, dass sie gut miteinander umgehen. Es braucht nur ein bisschen Unterstützung“, sagt Anson. Zu sehen, wie Menschen einen Raum füreinander schaffen, in dem sie sich ohne Angst sagen können, was sie denken, bewegt den 33-Jährigen sichtlich.

Seit dem Beginn von „The Upper Room“ engagieren sich viele Freiwillige in dem Verein. Mittlerweile sind auch ein paar Personen in Österreich und Indien für einige Stunden angestellt. Eine davon ist Diana Fernandes. Die Content-Writerin hat ihr Büro in Mumbai und organisiert „alles, was mit Schreiben zu tun hat“. Sie koordinierte auch die ersten Camps in Indien. „Viele der Jugendlichen, die zum ersten Camp im Jahr 2016 kamen, sind seither jedes Jahr dabei, weil man hier offen über alles reden kann, was man in der eigenen Familie oder Pfarre vielleicht nicht ansprechen kann“, erzählt sie bei einem WhatsApp-Telefonat. Sie beobachtet, wie die Treffen von einem Monolog mit eingeladenen Sprechern und Expertinnen immer mehr zu einem Dialog werden: „Die Jugendlichen beobachten nicht mehr nur, sondern bringen sich selbst aktiv ein“, sagt sie.

„THE UPPER ROOM“

„The Upper Room“ ist ein Verein mit Sitz in Österreich, der zwischen Kulturen und Religionen vermitteln will und jungen Menschen Zugang zu Bildung finanziert. Der Name ist angelehnt an das biblische „Obergemach“: der Ort, an dem Jesus den Jüngern die Füße wusch und das letzte Abendmahl mit ihnen feierte. Ähnlich wie der ungläubige Thomas an diesem Ort sagen konnte: „Ich zweifle“ und Jesus begegnete, sollen auch junge Menschen bei „The Upper Room“ frei über ihren Glauben und ihre Zweifel miteinander ins Gespräch kommen können. Dazu organisieren die Gründer Anson Samuel und Georg Schaberger gemeinsam mit Freiwilligen Camps für junge Erwachsene in Österreich und Indien und führen Online-Webinare durch. Außerdem unterstützt „The Upper Room“ die Schulbildung einzelner Schülerinnen und Schüler in Nord-Ost-Indien finanziell und betreibt ein Lernzentrum, in dem Schulabbrecher sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten. Dazu ist „The Upper Room“ auf Spenden angewiesen.

Ein eigenes Musical

An Herausforderungen mangelt es dem jungen Start-Up nicht. An Kreativität aber ebenso wenig. 2019 schrieb Anson Samuel den Text zu einem eigenen Musical. „Hiob. Wo bist du, Vater?“ erzählt die biblische Geschichte von Hiob, der unvorstellbares Leid erleben muss und mit Gott ringt.

Uraufgeführt wurde das Musical aber nicht in Österreich, sondern in Nord-Ost-Indien: 70 Jugendliche, welche die Schule abgebrochen hatten, probten die Lieder und Tänze über mehrere Tage und präsentierten sie anschließend dem Bischof und Priester der Diözese Miao, drei Schulen und weiteren Interessierten. Ein halbes Jahr später gab es in Assam ein weiteres Musical-Camp mit Schülerinnen und Schülern, die Probleme mit Marihuana, Alkohol oder anderen Drogen haben. Ihre Lehrpersonen waren auf der Suche nach neuer Inspiration, die ihren Schützlingen dabei helfen würde, Wege aus der Abhängigkeit zu finden. „Es war eine Freude, zu sehen, wie die Schülerinnen und Schüler an dieser Herausforderung wachsen“, freute sich Marlis Birkner, die den Chor für das Musical leitete.

„Eure Geschichte ist eine Inspiration für die Jugend in den entlegensten Dörfern unseres Bezirks!“

Esther Saibung Khozol, Schuldirektorin in Nord-Ost-Indien

Für eine bessere Zukunft

Anson Samuel hat selbst ein Jahr in Nord-Ost-Indien als Lehrer gearbeitet, das „schönste und prägendste“ Jahr seines Lebens, wie der in der Millionenstadt Mumbai Geborene sagt: „Ich hatte zuvor noch nie mit Menschen gelebt, die so mit der Natur verbunden sind.“ Es ist ihm ein großes Anliegen, die Bildung in kleinen, abgelegenen Dörfern zu fördern. Deshalb finanziert „The Upper Room“ derzeit die Ausbildung von 9 Mädchen und 11 Burschen vom ersten Kindergartenjahr bis zum letzten Masterjahr. Die Kosten tragen Einzelpersonen aus Österreich, die eine Patenschaft für einen Schüler oder eine Schülerin übernehmen. Viele Schülerinnen und Schüler in Nord-Ost-Indien schaffen den Schulabschluss jedoch nicht. Dafür gibt es viele verschiedene Gründe, erzählt Lucia Jungk, die bei „The Upper Room“ für das Projektmanagement in Indien zuständig ist: „Drogen- und Opiumanbau ist in Nord-Ost-Indien weit verbreitet, viele Schülerinnen und Schüler werden früh abhängig und fliegen dann von der Schule.“

„HIOB“ – EIN MUSICAL IN Nord-Ost-Indien

„Von Nord-Ost-Indien zu unserem Studio in Wien zu dir ins Wohnzimmer“, heißt es im Video zur CD „Hiob. Wo bist du, Vater?“ Das Musical haben Schulabbrecher in Nord-Ost-Indien erstmals aufgeführt. „Wo ist Gott inmitten all des Leides?“ ist die Grundfrage des Musicals, das die biblische Geschichte kreativ und zeitgemäß nacherzählt. Anson Samuel schrieb die Texte dafür, Musik und Chorsätze kamen von Georg Schaberger und Marlis Birkner, die Gesangspädagogik in Wien studieren. Gemeinsam mit Mitstudierenden, Freundinnen und Bekannten nahmen sie die Lieder in Niederösterreich und Wien auf. Eine Crowdfunding-Kampagne soll die Produktionskosten der CD auf Englisch und Deutsch sichern und die verschiedenen Projekte von „The Upper Room“ fördern. Geplant ist, das Musical nun zum Beispiel in Schulen und Pfarren in Österreich einzustudieren.

Auch finanzielle und familiäre Probleme führen dazu, dass ein Kind die Schule verlässt, um etwa auf Geschwisterkinder aufzupassen. Die militärische Lage in Nord-Ost-Indien ist zudem unsicher und das Schulsystem schlecht ausgebaut. „Manchmal erscheinen Lehrpersonen einfach nicht zum Unterricht, die Schülerinnen und Schüler sind deshalb nicht gut genug vorbereitet auf die staatlichen Prüfungen, die Zentralmatura, am Ende der 10. Klasse.“ Das Problem: Wer die Abschlussprüfungen nicht schafft, darf das letzte Schuljahr nicht wiederholen. Die letzte Chance besteht darin, die Prüfungen als „Externer“ abzulegen.

Am Ende der Musicaltage boten Lucia Jungk und die anderen von „The Upper Room“ deswegen den Teilnehmenden an, sich zu einem „Hostel“, einem Lernzentrum anzumelden. „Wir wollten ein Umfeld und die Infrastruktur schaffen, wo sich die Schulabbrecher gemeinsam auf die Abschlussprüfungen vorbereiten können“, erzählt Lucia.

Georg Schaberger

„Bei uns ist jeder willkommen, so wie er oder sie ist.“

Georg Schaberger, Student und Gründer von „The Upper Room“

Doch plötzlich fehlte die bereits zugesagte Unterstützung vor Ort. Mehrere Monate vergingen. Schließlich konnte das Lernzentrum doch noch eröffnet werden. Organisationen aus Österreich hatten die Finanzierung für die Miete und den Betrieb des Hauses übernommen.

Diana war vor Ort und half mit, die Lernunterlagen für die Schülerinnen und Schüler zu besorgen, Putzutensilien zu kaufen und Tagespläne zu erstellen. „Voller Eifer ergriffen die Jugendlichen diese Möglichkeit zum Lernen“, erinnert sie sich. „Sie haben das Talent und die Fähigkeit, sich zu entfalten und brauchen nur einen kleinen Schubs dazu“, ist sie überzeugt. Viele Stunden täglich lernten die Schülerinnen und Schüler Englisch, Geschichte und Informatik.

Rückschläge gehören dazu

15. Juli 2020. Georg hat Geburtstag. Nach Feiern ist ihm aber nicht zumute. Laufend kommen die Prüfungsresultate der Schülerinnen und Schüler aus dem Lernzentrum herein. Sechs von ihnen haben die Abschlussprüfungen nicht geschafft. War alle Mühe umsonst? Werden die Jugendlichen nun alles hinschmeißen? Und was soll er den Sponsoren aus Österreich sagen? Georg zweifelt an sich und dem Projekt. Aufgeben ist aber auch keine Option.

Zwei Personen schaffen die Wiederholungsprüfungen. Ein Mädchen wagt einen zweiten Versuch, als das Lernzentrum im Oktober wieder öffnet. Weitere 12 Mädchen und 12 Burschen sind neu dabei. Sie kochen selbst und eignen sich vieles im Selbststudium an. Wangkop unterrichtet den Umgang mit dem Computer, andere Lehrpersonen stehen für Fragen zur Verfügung. „In Indien bezahlen die Schülerinnen und Schüler pro Prüfung, die sie ablegen wollen“, erklärt der Wirtschaftsstudent, der für die Buchhaltung zuständig ist. „Die größte Herausforderung ist es nun, genug Platz und finanzielle Mittel für all unsere Schülerinnen und Schüler zu schaffen“, meint Diana.

Auch die politische Situation in Indien beunruhigt. „Die Schönheit des Landes, die Einheit in Verschiedenheit geht immer mehr verloren. Religionen werden gegeneinander ausgespielt“, sagt Georg Schaberger. Soziale Arbeit zu leisten, wird dadurch immer schwieriger. Schülerinnen und Schüler, die gerne ins Lernzentrum kommen möchten oder finanzielle Unterstützung bräuchten, gäbe es jedoch genug. Georg und Anson träumen außerdem davon, eine eigene Musikschule in Nord-Ost-Indien zu gründen.

Bis die Coronavirus-Pandemie überwunden ist und internationale Reisen wieder möglich sind, plant das Team von „The Upper Room“ einstweilen Projekte in Österreich: „Unser Musical ‚Hiob‘, das Mitte Dezember auf CD erscheint, möchten wir gerne mit Schulen, in Pfarren oder mit Firmgruppen einstudieren und aufführen“, verrät Lucia.

WELTWEIT VERBUNDEN IN ZEITEN VON CORONA

Weil die Coronavirus-Pandemie physische Treffen unmöglich machte, setzte „The Upper Room“ auf digitale Verbundenheit: Während des ersten Lockdowns im Frühjahr veranstalteten Georg Schaberger und Anson Samuel einen sechsteiligen Online-Kurs zum Glaubensbekenntnis. Spiele, gemeinsame Gebete, ein Input und Diskussionen zu den einzelnen Teilen des Credos standen jeden Sonntag am Programm. Aktuell findet eine zweite Webinar-Serie rund um interreligiösen Dialog statt: Christinnen und Christen, Juden, Hindus und Musliminnen erzählen von ihrem Glauben, ihren Ritualen und Festen. In der dazugehörigen WhatsApp-Gruppe gehen die Diskussionen noch wochenlang nach den Einheiten weiter.

Zurück in den Alltag

Sonntagmittag in den Wäldern Burgenlands: Das erste Camp von „The Upper Room“ in Österreich ist zu Ende. Nun heißt es: Zelte abbauen, aufräumen, Abschied nehmen. „Auf der Heimfahrt im Auto sprachen wir darüber, dass wir noch nie eine so krasse Atmosphäre von Akzeptanz erlebt haben wie an diesem Wochenende“, erinnert sich Teilnehmerin Lea Schagerl. Für Veranstalter und Priesterseminarist Anson Samuel war das Camp ein großer Meilenstein. „Zuvor hatte ich Angst, ob ich etwas zum spirituellen Leben der jungen Leute in Österreich beitragen kann. Seit unserem Camp kann ich mir vorstellen, als Priester in Österreich zu wirken und mit jungen Menschen zu arbeiten“, sagt der gebürtige Inder zuversichtlich. Ideen haben er und das Team von „The Upper Room“ genug: Die nächsten Camps sind schon in Planung. Und sicher ist: Es wird nicht das letzte Camp in Österreich gewesen sein.