Mit dem Herzen hören

Telefon-Seelsorgerin: Sie fangen auf, wenn keiner da ist und geben Halt, wenn die Sorgen zu groß werden: Sieglinde und Ritu hören am Telefon Dinge, die Menschen noch nie jemand anderem anvertraut haben – und finden dann die richtigen Worte.

von CHRISTOPH LEHERMAYR

allewelt Mai/Juni 2021

Die Seelenstreichlerin

Sieglinde Brantner

TELEFON-SEELSORGERIN

Alter: 81 Jahre

Wohnort: Perchtoldsdorf, Österreich

Sieglinde Brantner

Das Ritual ist ihr längst ein vertrautes. Immer, bevor Sieglinde ihren Dienst antritt, sucht sie den Stephansdom auf. „Herr“, betet sie, „gib mir heute die Kraft, all die richtigen Worte zu finden, die ich brauche.“ Was sie danach, gleich gegenüber, im Haus der Erzdiözese erwartet, weiß sie nicht. Gewiss ist nur: das Telefon wird läuten. Eine Frau schluchzt, ein Mann schreit. Die eine flüstert, dass ihr Partner sie schlägt, die andere klagt, dass ihr die Kinder entgleiten. Einer fürchtet um die Firma, ein anderer um sein Leben.

„Hier anzurufen ist immer auch ein Sieg über die eigene Persönlichkeit, über dieses innere Nein, das einen davon abhält, auszusprechen, was einen quält“, sagt Telefon-Seelsorgerin Sieglinde. Sie sitzt ganz aufrecht, schließt oft die Augen und hört zu – seit 25 Jahren, ehrenamtlich. Der Beginn kam mit der Pension und dem Bedürfnis, Licht spenden zu wollen für die, die nur noch Dunkelheit umgibt. Daher die Telefonseelsorge, erreichbar rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, unter der kostenlosen Nummer 142. Sieglinde spricht mal ganz leise, dann wieder bestimmt und resoluter. Angepasst an die Person, von der sie nur die Stimme am anderen Ende der Leitung kennt. „Wir sind hier ein Auffangbecken, wo alles hereinkommt. Wir halten das Weinen aus und auch das Schreien. Meist hat den Menschen lange keiner mehr zugehört oder sie mit ihren Sorgen ernst genommen.“ Sieglinde tut es. Sie lässt sich auf jeden Anrufenden ein, spricht Mut zu, gibt Kraft und macht Hoffnung. Wo vor einer halben Stunde alles ausweglos schien, tut sich auf einmal ein Weg auf. Ihr eigener Glaube ist ihr dabei Fundament. „Auch wenn ich es von mir selbst aus nicht anspreche, spüren die meisten wohl, dass da etwas ist, das Halt gibt.“

Als professionelle „Seelenstreichlerin“ wie sie es nennt, ist Sieglinde auch ein Vorposten für die Frakturen einer Gesellschaft. Und seit Corona werden die Risse größer. „Viele sind vollkommen vereinsamt, aber auch zunehmend sprachlos. Nicht nur die Jungen verlieren das Vokabular, auch die Älteren. Dabei befreit Reden die Seele.“ Vier Stunden vergehen. 16 Anrufe. Jeder gleicht einer Expedition in einen anderen Abgrund. Und doch reißt keiner Sieglinde mit. „Mitgehen, mitfühlen, aber nicht mitleiden“, lautet ihr Rezept. Nur so kann sie anderen eine Stütze bleiben. 

Freundin vor dem Abgleiten

Ritu Rajesh

TELEFON-SEELSORGERIN

Alter: 19 Jahre

Wohnort: Neu-Delhi, Indien

Furchtsame Finsternis hat sich über Delhi gestülpt. Kaum eine Menschenseele ist auf den Straßen der sonst so turbulenten Metropole. Seit die Covid-Pandemie Indien erreicht hat, gelten abends strenge Ausgangssperren. Dafür dringt aus den engen Hütten der Armenviertel umso lauterer Lärm. Es wird gekocht und getratscht, aber auch geschrien und geweint. Da läutet in einer Hütte das einzige Handy der Familie. Ritu ruft an.

„Hallo?“, antwortet ein Bub zögerlich, als ihm seine Mutter das Telefon reicht, „Wer ist denn da?“ Plötzlich erhellt sich seine Miene. Minuten später hat der zwölf Jahre alte Bub seinen Platz gefunden. Es ist seine Lieblingsecke in dem einen kleinen Zimmer, wo er mit den Eltern und Geschwistern lebt, isst, spielt und schläft. Ritus Stimme ist weich und sanft. Bald kichert der Bub. Und auch Ritu lacht. „Am Anfang habe fast nur ich gesprochen und er hat mir zugehört“, erinnert sie sich, „bis etwas geschah. Auf einmal erzählte er mir von dem, was ihm Angst macht, ihn quält und was sonst keiner hören will.“

Denn Ritu ruft nicht irgendwen an. Auf ihrer Liste stehen die Namen und Nummer von Kindern und Jugendlichem, die an der Kippe stehen. Sie leben in den ärmsten Vierteln von Delhi, haben mitunter Gewalt erfahren, wurden geschlagen oder drangsaliert. Und sie laufen Gefahr, das, was sie erlebt haben, selbst bald anderen anzutun“, sagt Ritu. Die Salesianer Don Boscos aber geben diese Kinder nicht auf. In Delhi sind sie für gewöhnlich draußen auf den Straßen und drinnen in den Slums. Doch Covid änderte alles. Die Schulen schlossen, die Kinder durften nicht einmal mehr zum Spielen raus. Daheim ballten sich bald die Probleme. Die Eltern, meist Tagelöhner, verloren häufig ihre Arbeit.

„So kamen wir auf die Idee mit dem Telefonieren.“ Mitfinanziert von der SAVE-Foundation, legten Telefon-Seelsorgerin Ritu und ihre Kolleginnen los. „Aus Plaudern wird Geborgenheit, aus Verständnis Zuversicht“, sagt sie, die psychologisch geschult ist. „Im besten Fall werde ich zur großen Schwester oder Freundin dieser Kinder. Und dann gibt es noch jemanden, von dem ich ihnen erzähle. Einen, der sie nie im Stich lässt, sie immer auffängt und dessen Nummer nie besetzt ist: Gott.“

Ritu Rajesh
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