Täglich an die Grenzen

Sie geben alles für kranke Menschen und Menschen in Not: Ulrike begleitet als Krankenpflegerin Sterbende und Schwester Jacqueline begleitet Babys auf ihrem Weg ins Leben. Beides ist oft sehr herausfordernd und bringt die Frauen an ihre Grenzen.

von MARKUS ANDORF

allewelt März/April 2021

Letzte Schritte auf dem Weg

Ulrike Schörg

KRANKENPFLEGERIN

Alter: 41 Jahre

Wohnort: Guntramsdorf, Österreich

Ulrike Schörg

Maria hat es schon geahnt. Etwas ist nicht in Ordnung in ihrem Körper. Jetzt die Diagnose: „Du hast Krebs.“ Fortgeschrittenes Stadium. Sie wird nicht mehr lange leben. „Alleine Gott wird entscheiden, wann ich sterben muss.“ Davon ist sie überzeugt. Leicht ist es für sie dennoch nicht, dem Tod entgegenzublicken.

Maria ist mittlerweile im Stationären Hospiz Mödling. Hier fühlt sie sich gut betreut. „Unsere Patientinnen und Patienten sollen sich bei uns wohlfühlen und in dieser schwierigen Phase ihres Lebens gut begleitet werden“, sagt Ulrike Schörg, langjährige Krankenpflegerin. In der Coronapandemie versucht das Hospiz Mödling das beste aus der Situation zu machen: „Zum Glück dürfen auch weiterhin Angehörige, wenn auch reduzierter, kommen und ihre Angehörigen beim Sterben begleiten. Das ist wichtig für sie.“

Seit zehn Jahren ist die 41-Jährige eine der Pflegekräfte, die den Menschen kurz vor ihrem Lebensende zur Seite stehen.Mit der Frage „Wofür lebe ich eigentlich noch?“ ist sie in ihrer Arbeit oft konfrontiert: „Ich weiß, dass ich auf diese Frage keine Antwort geben kann. Ich kann nur da sein und mit den Menschen dieses letzte Stück ihres Weges gehen.“

Ulrike Schörg ist selbst überzeugte Christin. Ihr Glaube nimmt gerade mit Blick auf ihre tägliche Arbeit einen wichtigen Platz in ihrem Leben ein: „Ich darf daran glauben, dass das Sterben nicht ein Ende oder Abschluss ist, sondern ein Übergang. Wir begleiten Menschen bis zu einer Tür, einer Brücke und lassen sie dann weitergehen.“ Die Krankenpflegerin sagt selbst, dass sie mit jeder Herausforderung wächst. Patienten haben oft auch tiefe spirituelle Bedürfnisse, sagt Ulrike: „Immer wieder kommt es vor, dass ich gemeinsam mit Patienten oder einfach nur still für sie bete. Das gibt Mut und Zuversicht, dass sie in Gott geborgen sind, was auch immer kommen mag.“

An manchen Tagen kommt die erfahrene Krankenschwester an ihre Grenzen. „Herr, ich verstehe es einfach nicht. Warum muss das sein?“ Tiefere Glaubenszweifel kommen für sie aber nicht auf: „Ich lasse mich in die Hände Gottes fallen und vertraue ihm meine Patienten an, auch wenn ich vieles nicht begreife.“

Ein Herz für die Armen

Jacqueline Ndouga

HEBAMME

Alter: 57 Jahre

Wohnort: Makak, Kamerun

Clarisse schleppt sich in der Nacht zur Geburtentstation von Schwester Jacqueline Ndouga in Makak im Süden von Kamerun. Es ist 1:35 Uhr, der ganze Unterleib der schwangeren Frau ist voller Blut. Schwester Jacqueline tut alles, um Clarisse zu helfen. Schließlich kommt ihr Kind 3 Monate zu früh auf die Welt und stirbt wenige Tage später. „Ich wünsche mir so sehr zwei oder drei Brutkästen! So hätte ich viele Babys wie auch das von Clarisse retten können“, sagt die Ordensschwester.

Schwester Jacqueline kennt in Makak fast jeder, sie tut alles für die Menschen in dieser sehr armen Region nahe der kamerunischen Hauptstadt. Manchmal arbeitet sie 70 Stunden lang durch, weil eine Schwangere nach der anderen hereinkommt und dringend Hilfe braucht. „Ich konnte die Hebammenkunst in Europa studieren, nach meiner Rückkehr nach Kamerun fand ich die Geburtenstation in einem furchtbaren Zustand“, sagt Schwester Jacqueline. Schritt für Schritt verbessert sie seither die Ausstattung der Station: ein modernes Ultraschallgerät, bessere Medikamente. Und es braucht ein neues Dach, denn durch Regen und Hitze ist es nicht mehr dicht.

Die Ordensfrau ist in ihrer Arbeit tagtäglich mit großer Armut und großem Leid konfrontiert, sie orientiert sich dabei immer am Evangelium und am Vorbild Jesu: „Das Evangelium drängt uns, mit armen Menschen zu sprechen und sie wirklich kennenzulernen.“ Schwester Jacqueline erlebt als Hebamme viele Formen von Armut: „Viele sind arm, weil sie schlecht ausgebildet sind oder wenig wissen. Dann gibt es viele schwangere Frauen, die einfach nicht wissen, wie sie ihr Baby ernähren können.“

Schwester Jacqueline will in jeder Begegnung mit Menschen „ihr Herz öffnen“ und zum anderen Jesus sehen: „Armut und Arme werden gerne vergessen!“ Gerade in der aktuellen Coronapandemie sind die Herausforderungen für die Menschen in Kamerun groß: „Besonders zu Beginn der Krise hatten wir wenig Möglichkeiten, uns zu schützen. Jetzt wird es besser, aber Ausgangsbeschränkungen und andere Maßnahmen haben den Menschen, die kaum etwas haben, sehr zugesetzt“, sagt die Ordensfrau. Schwester Jacqueline lässt sich auch von der aktuellen Situation nicht einschüchtern. Sie kämpft weiter für die Ärmsten der Armen.

Schwester Jacqueline Ndouga
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