Dem Christentum droht der Untergang

Seit dem Ausbruch des Krieges sind Hunderttausende geflohen – es ist fraglich, ob sie zurückkehren.

allewelt März/April 2020

Der armenisch-katholische Pfarrer Hovsep Bidoyan ist gerade mit dem Auto im Osten Syriens unterwegs, um den Wiederaufbau einer zerstörten Kirche zu kontrollieren. Unterwegs gerät er in einen Hinterhalt der Terrorgruppe IS. Bidoyan stirbt im Kugelhagel. Sein Schicksal ist nur eines von Tausenden. Denn in Syrien herrscht seit neun Jahren Krieg, der besonders Christinnen und Christen schwer trifft. Viele von ihnen wurden getötet und vertrieben, einer der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt droht der Untergang.

Aus Protest wurde Krieg

Auslöser des Krieges war ein friedlicher Protest im Jahr 2011 gegen das autoritäre Regime des Präsidenten Baschar Al-Assad. Daraus wurde ein Religions- und Stellvertreterkrieg, mit Beteiligung von Nationen wie Russland, den USA und der Türkei. Zusätzlich versuchten IS-Kämpfer gewaltsam ein „Kalifat“ zu errichten. Christen mussten zum Islam konvertieren oder das Land verlassen, andernfalls wurden sie getötet.

Manuel Baghdi

Die Menschen sind von den Auseinandersetzungen schwer gezeichnet.

Manuel Baghdi

Die Lage beruhigt sich

Nach Jahren des Schreckens hat sich aktuell die Lage verbessert. Das Assad-Regime kontrolliert wieder mehr als die Hälfte des Landes und der IS verlor im Frühling 2019 das letzte Gebiet auf syrischem Boden. „Allgemein ist es sicherer geworden, es gibt deutlich weniger Bombardements und Kriegshandlungen“, berichtet Manuel Baghdi, der Sonderbeauftragte für Flüchtlingsangelegenheiten und Berater in Nahost-Fragen der Erzdiözese Wien, im Interview mit „allewelt“.

Es traut sich aber fast noch niemand, Investitionen zu tätigen oder den Wiederaufbau zu starten – außer christliche Organisationen aus aller Welt, weiß Baghdi: „Diese sind bereits dabei, Pfarren, Gemeinden, Schulen und Krankenhäuser wieder zu errichten und Medikamente sowie Lebensmittel zu verteilen. Eine Hilfe, die nicht nur Christen, sondern allen Menschen in dem Land zugutekommt“, betont er.

Zahl der Christen halbiert

Für das Christentum wird der Schrecken des Krieges aber noch lange zu spüren sein. Bis zum Kriegsbeginn war Syrien nach Ägypten das Land mit der größten christlichen Minderheit im Nahen Osten. Die Religion konnte relativ frei ausgeübt werden. Laut „vorsichtigen“ Schätzungen sind mittlerweile aber mindestens 50 Prozent der Christinnen und Christen aus Syrien tot oder geflüchtet. Das sind mehr als 600.000 Menschen, wie Baghdi sagt: „Wir können davon ausgehen, dass sich vor allem im Nordosten des Landes seit dem Einmarsch der türkischen Armee im Herbst 2019 mittlerweile gar keine Christen mehr aufhalten. Die Menschen sind von den Auseinandersetzungen schwer gezeichnet. Deshalb stehen wir alle in der Pflicht, den Wiederaufbau so schnell wie möglich zu fördern und die Sicherheit zu gewährleisten. Dann gibt es auch wieder eine Zukunft für Christen und alle Menschen in Syrien.“

UNSERE ZAHL

Unsere Zahl bezieht sich dieses Mal auf die immer dramatisch werdende Christenverfolgung in Westafrika.

50 MENSCHEN WURDEN 2019 IN BURKINA FASO AUFGRUND IHRES GLAUBENS GETÖTET

Bisher war der afrikanische Staat Burkina Faso (übersetzt: „das Land des aufrichtigen Menschen“) für seine religiöse Toleranz bekannt. Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime lebten friedlich zusammen. Doch durch den wachsenden Einfluss extremistischer Islamisten müssen Christen nun um ihr Leben fürchten. 2019 wurden laut dem internationalen Hilfswerk Open Doors 50 Gläubige ermordet – im Jahr zuvor gab es noch kein einziges Opfer von antichristlichem Hass in dem Land. Die Attentate sorgen weltweit für Bestürzung. Immer wieder lauerten Angreifer bei Gottesdiensten und töteten Mitfeiernde. Im Norden des Landes wurden Dorfbewohner, die Ketten mit Kreuzen trugen, ausgesondert und ermordet. Kirchen, Schulen und christliche NGOs wurden angegriffen oder aus Angst geschlossen. Die Situation hat sich innerhalb kürzester Zeit dermaßen verschlechtert, dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz von Burkina Faso und Niger, Laurent Birfuoré Dabiré, warnt: „Wenn die Welt weiterhin nichts tut, wird es hier bald keine Christen mehr geben.“

Quelle: Open Doors

Wussten Sie schon, dass …

… es in Südkorea immer mehr Katholiken gibt?

Auf der südlichen Hälfte der Koreanischen Halbinsel ist die Zahl der Gläubigen in den vergangenen 20 Jahren massiv gestiegen. Laut den Angaben des Koreanischen Katholischen Pastoralinstituts gibt es nun 5,8 Millionen Katholiken. Das bedeutet ein Plus von knapp 50 Prozent. Insgesamt machen Katholiken derzeit etwa 11 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

… der Jakobsweg und das Heilige Land 2019 Pilgerrekorde verzeichneten?

Wallfahrten liegen im Trend: Rund 630.000 Pilger zog es im Vorjahr nach Israel. So viele wie noch nie. Die meisten kamen dabei aus Italien. Und auch der Jakobsweg in Spanien verzeichnet einen Höchststand: Knapp 350.000 Menschen pilgerten dort. Neben zahlreichen Amerikanern waren wieder besonders viele Deutsche, Italiener und Portugiesen unter ihnen.

… in Äthiopien eine 1.700 Jahre alte Kirche entdeckt wurde?

Die Überreste der Basilika im römischen Stil stammen aus dem vierten Jahrhundert nach Christus. Es ist damit die älteste Kirche südlich der Sahara. Für die Forscher eine Sensation: „Der Fund deutet darauf hin, dass sich die neue Religion schnell über Fernhandelsnetze verbreitete, die das Mittelmeer über das Rote Meer mit Afrika und Südasien verbanden, was ein neues Licht auf eine bedeutende Ära wirft, über die Historiker wenig wissen“, heißt es dazu in einem Artikel des „Smithsonian Magazine“.