Südsudan: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Das Land ist am Abgrund, doch die katholische Kirche kämpft um Frieden

allewelt September/Oktober 2019

Nyantay ist blind. Als in ihrem Dorf im Südsudan Kämpfe ausbrachen, stolperte sie durch einen Wald, stieß so oft an Bäume und fiel hin, dass sie schließlich hoffte, Löwen und Hyänen würden sie fressen. Nun lebt sie in einem Flüchtlingslager. Am meisten vermisst sie ihr Bett: „Ich sehe für mich keine Zukunft. Hier sitze ich nur an einem Platz und bin traurig.“ Nyantay ist kein Einzelschicksal. Denn der von blutigen Konflikten gebeutelte Südsudan im Herzen Afrikas zählt zu den Ländern mit den meisten Flüchtlingen weltweit. Trotz seiner Bodenschätze gehört er zu den ärmsten Ländern der Welt. Jeder zweite Mensch muss mit weniger als einem Euro am Tag auskommen. Jedes fünfte Kind stirbt vor seinem zehnten Geburtstag.

Blutige Konflikte

2011 erklärte der Südsudan seine Unabhängigkeit vom Sudan und ist damit der jüngste Staat der Welt. Doch bald darauf brach ein Konflikt zwischen der Armee des Präsidenten Salva Kiir Mayardit und der bewaffneten Opposition unter Riek Machar aus. Die Gründe für das grausame Blutvergießen liegen vor allem in Stammesgegensätzen und kulturellen Fragen. „Das Blut des Stammes ist stärker als das Wasser der Taufe“, beklagte Bischof Santo Loku Pio Doggale. „Unsere Regierung ist katholisch. Sie lesen die Bibel und besuchen die Gottesdienste. Doch wie viel aus den Lehren des Evangeliums setzen sie um?“

Papst Franziskus

„Ich bitte euch von Herzen, gehen wir voran!“

Papst Franziskus

Papst aktiv involviert

Die katholische Kirche ist aktiv bemüht, einen Weg des Friedens für das Land zu finden. Die Hoffnung liegt dabei auf einem 2018 geschlossenen Abkommen, die Gewalt ging danach zurück. Besonderen Einsatz zeigt dabei auch Papst Franziskus, der immer wieder an die politischen Führer appelliert. Diesen April machte er sein Anliegen sogar mit einer außergewöhnlichen Geste deutlich. Bei einem Treffen im Vatikan küsste er den Kontrahenten die Füße. „Ich bitte euch von Herzen, gehen wir voran!“ Präsident Kiir Mayardit berichtete später über diesen Moment: „Ich war schockiert und musste zittern, als seine Heiligkeit, der Papst, unsere Füße küsste.“ Den Kuss des Pontifex betrachte er als Segen, oder aber als Fluch, „falls wir mit den Leben unserer Bürger spielen“.

Große Erwartungen

Einer, der bei diesem historischen Moment dabei war, ist der südsudanesische Altbischof Paride Taban. „Das Treffen mit Papst Franziskus hat große Auswirkungen auf die südsudanesische Bevölkerung. Sie erwarten von den politischen Führern, dass sie den Friedensprozess vorantreiben“, sagte er im Interview mit „allewelt“. Aber die Konflikte hätten auch große Wunden in den Herzen verursacht: „Viele Menschen haben Hoffnung und Zukunft verloren. Sie brauchen Gebete, um ihren Mut, ihren Glauben wieder zu erlangen und Vertrauen aufzubauen.“ Papst Franziskus glaubt jedenfalls fest an eine bessere Zukunft für das Land und für die Menschen. Frieden sei möglich, sagte er. Dies verlange aber den Sieg über „Stolz, Neid, Machthunger, Eigeninteressen, Lüge und Heuchelei“.

UNSERE ZAHL

Unsere Zahl bezieht sich dieses Malauf jene Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil in ihrem Land Krieg oder Verfolgung herrscht.

70 MILLIONEN MENSCHEN SIND AUF DER FLUCHT

Es sind schockierende Nachrichten: So viele Menschen wie noch nie sind auf der Flucht. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR hat 2018 zum ersten Mal mehr als 70 Millionen Menschen gezählt, die ihre Heimat verlassen mussten. Das sind um 2,3 Millionen mehr als im Jahr zuvor – und das, obwohl die Zahlen laut UNHCR „konservativ angenommen“ wurden. Das Land, aus dem weltweit die meisten Flüchtlinge stammen, ist mit großem Abstand Syrien. 2018 verließen dort knapp weitere 400.000 Menschen ihre Heimat. Auch aus Afghanistan sind mittlerweile Millionen Menschen geflohen, ebenso wie aus dem Südsudan. Die größte Zahl der neuen Asylbewerber kam im Jahr 2018 aus Venezuela. Den größten Teil der Flüchtlinge machen Binnenvertriebene aus, also Personen, die innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht sind. Müssen die Menschen ihr Land verlassen, so kommt nur ein Bruchteil davon nach Europa. Die meisten Schutzsuchenden hat die Türkei aufgenommen (3,7 Millionen), gefolgt von Pakistan (1,4 Millionen) und Uganda (1,2 Millionen).

Quelle: UNHCR

Wussten Sie schon, dass …

… ein kolumbianischer Bischof in einem Armenviertel mit einem Feuerwehrwagen Weihwasser verspritzte?

Zu einer besonders spektakulären Aktion hat sich der Bischof von Buenaventura, Ruben Dario Jaramillo Montoya, entschieden, um ein Zeichen gegen die ausufernde Kriminalität in seiner Stadt zu setzen. Er fuhr mit einem geschmückten Feuerwehrauto durch die Straßen und segnete die besonders armen Viertel. Dazu rief er: „Dass Friede und Liebe diese Straßen erreiche!“

… die Geburtsstätte Jesu Christi kein gefährdetes UNESCO-Welterbe mehr ist?

Gute Nachrichten gibt es aus Bethlehem: Die Geburtskirche im Zentrum der Stadt hat lange als bedroht gegolten. Der zunehmende bauliche Verfall, Touristenmassen und sogar ein Tunnelprojekt hatten der Stätte zugesetzt. Doch seit einigen Jahren werden umfassende Renovierungsarbeiten vorgenommen, die nun kurz vor dem Abschluss stehen. Daher hat die UNESCO die Geburtskirche von der Gefährdeten-Liste gestrichen.

… der Vatikan bis Ende 2019 plastikfrei werden will?

Der Vatikan nimmt den Umweltschutz sehr ernst und hat seine Richtlinien verschärft. Bis Ende des Jahres sollen Einwegprodukte aus Plastik von seinem Territorium weitgehend verbannt werden. Auch in Sachen Recycling tut sich etwas: In den nächsten drei Jahren soll der Anteil an getrenntem Müll auf 75 Prozent steigen. Ziel ist es, so wenig Müll wie möglich zu produzieren.