Der Motor stottert gewaltig

Ungerechtigkeiten sorgen für massive Unruhen – die Kirche will den Menschen Hoffnung geben

allewelt November/Dezember 2019

Seit einiger Zeit kommt es in Südafrikas Armenviertel, den Townships, verstärkt zu Unruhen. Bewohner blockieren Autobahnen, setzen Gebäude in Brand oder ziehen plündernd durch die Straßen. Manchmal jagen sie auch Ausländer – in letzter Zeit vor allem Nigerianer. Diese Szenen stimmen nachdenklich. Denn Südafrika ist das am meisten entwickelte Land Afrikas, der Motor des Kontinents. Doch unter der Oberfläche brodelt es.

Um das zu verstehen, muss man in die Geschichte zurückblicken: Lange regierte das rassistische Apartheid-Regime. Menschen mit dunkler Hautfarbe mussten in getrennten Wohnvierteln leben und hatten kaum Rechte. Erst Ende der 1980er-Jahre begann sich die Situation zu ändern. Dabei spielte die Kirche eine wesentliche Rolle.

Hilfe im Untergrund

Kirchliche Netzwerke fingen Militärdienstverweigerer auf, sammelten Geld für Schulen in den Townships, ernährten Familien. Der Weltkirchenrat verurteilte die „Apartheid als Sünde“, worauf ein weltweiter Boykott von Waren aus Südafrika folgte. 1994 kam es zu den ersten freien Wahlen und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela wurde Staatspräsident. Er träumte von einer Gesellschaft ohne Gewalt und Rassismus.

Rommel Roberts

„In den Köpfen der Menschen gibt es die Apartheid noch immer.”

Rommel Roberts

Armut und Korruption

Heute, 25 Jahre später, haben sich diese Ideale noch lange nicht verwirklicht. Der südafrikanische Theologe Rommel Roberts hat sich einst im Untergrund für das Ende des Apartheid-Regimes eingesetzt. Heute sagt er: „In den Köpfen der Menschen gibt es die Apartheid noch immer.“ Weiter: „Die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung lebt noch in Ghettos am Stadtrand. Die Wohnsiedlungen sind völlig überfüllt, die Wasserversorgung funktioniert nicht und die medizinischen Zustände sind miserabel. Die Leute wollen raus aus ihrem Township und endlich zur Gesellschaft dazugehören“, erzählt er dem „Lonely Planet Traveller“-Magazin.

Südafrika gilt auch als Staat mit der ungerechtesten Einkommensverteilung weltweit. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, ebenso die Kriminalität. Der 2018 abgedankte Präsident Jacob Zuma wirtschaftete das Land herunter. Sein Nachfolger Cyril Ramaphosa steht unter Korruptionsverdacht.

Hoffnung und Glauben

In dieser unruhigen Zeit gibt die Kirche den Menschen Halt. Rund 86 Prozent der Bevölkerung sind Christen. Die südafrikanische Bischofskonferenz prangert Ungerechtigkeiten an und war federführend an der Abdankung Zumas beteiligt. „Wenn Menschen in verzweifelten Situationen allein gelassen werden, greifen sie auf verzweifelte, ja oft auch destruktive Maßnahmen zurück“, weiß Bischof Sithembile Sipuka, Präsident der Bischofskonferenz. Für ihn ist klar, dass die Kirche den Menschen zur Seite stehen muss. Mittlerweile hat sich auch der Vatikan eingeschaltet und kämpft gegen die grassierende Fremdenfeindlichkeit im Land. Priester und Bischöfe sollen Hoffnung darauf machen, dass die Welt heute „brüderlicher und vereinter ist als je zuvor“.

UNSERE ZAHL

Unsere Zahl bezieht sich dieses Mal auf ein kirchliches Bündnis gegen das Mercosur-Abkommen.

36 ORGANISATIONEN APPELLIERTEN ERFOLGREICH FÜR EIN VETO ÖSTERREICHS

Menschenrechtsverletzungen oder Verstöße gegen den Klima- und Umweltschutz: Es gibt viel Kritik am geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten. Das Welthaus der Diözese Graz-Seckau, die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar und eine argentinische NGO verfassten daher einen offenen Brief an den EU-Unterausschuss des österreichischen Nationalrats. Dieser enthielt den Appell, das Abkommen nicht zu ratifizieren.

Das Schreiben unterzeichneten zahlreiche kirchliche Institutionen. Dazu zählen Missio Österreich, die Caritas, die Katholische Frauenbewegung und die Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission. Insgesamt schlossen sich 36 Organisationen aus Österreich, Argentinien, Brasilien, Chile und Paraguay dem Appell an. Mit Erfolg: Der Ausschuss stimmte gegen das Mercosur-Abkommen. Damit ist die österreichische Regierung verpflichtet, in Brüssel gegen das Abkommen zu stimmen.

Quelle: Kathpress

Erntemaschine bei Sonnenuntergang

Wussten Sie schon, dass …

… in Osttimor eine neue Kirchenprovinz errichtet wurde? 

Osttimor, offiziell Demokratische Republik Timor-Leste genannt, ist einer der katholischsten Staaten Asiens. Papst Franziskus hat nun die Diözese von Dili im Zentrum des Landes zum Metropolitan-Bischofssitz erhoben. Das Areal erstreckt sich über 4.775 Quadratkilometer und ist in fünf Distrikte mit 30 Pfarren unterteilt. Dem Vatikan zufolge sind auf dem Gebiet rund 94 Prozent der Menschen katholisch. 149 Priester versehen dort ihren Dienst.

… auf den Philippinen eine Bibel in Jugendsprache ein Verkaufsschlager ist? 

Mit diesem Erfolg haben die Macher wohl nicht gerechnet: 2018 hat die Philippinische Bibelgesellschaft eine durchaus umstrittene Übersetzung des Neuen Testaments – eine Mischung aus Englisch und Philippinisch – veröffentlicht. Schon nach drei Monaten waren 100.000 Exemplare verkauft. Nun wollen sich die Macher dem Alten Testament widmen.

… im November Papst Franziskus bereits die 32. Reise in seiner Amtszeit unternimmt? 

Franziskus ist seit sechs Jahren Papst – und wirklich viel unterwegs: Alleine im heurigen Jahr war er schon sechs Mal im Ausland. Erst kürzlich kehrte er von seiner Reise nach Südostafrika zurück. Und schon bald heißt es für ihn wieder Koffer packen: Von 20. bis 23. November besucht Franziskus Thailand, dann geht es weiter nach Japan.