Blutzeugen in Buddhas Land

Auf Sri Lanka haben am Ostersonntag islamistische Terroranschläge gegen christliche Kirchen auch die buddhistische Mehrheit geschockt. Jetzt bestaunen die Buddhisten die Friedfertigkeit der Katholiken.

Text: Stephan Baier Fotos: Any Spyra / Stephan Baier

allewelt September/Oktober 2019

Mit Buddha kann ich nicht sprechen, mit Jesus und Maria schon!“, sagt die 38-jährige Sayana Nishadi Wijeweera. Sie ist Buddhistin, wie 70 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Sri Lankas. Doch seit sie eine katholische Schule besucht hat, ist sie fasziniert vom Christentum. Am Ostersonntag besuchte sie nach langem Fasten die Morgenmesse im St. Anthony’s Shrine, wo sie zu den Taufbewerbern gehörte. Sayana entzündete am Ende der Messe gerade eine Kerze, als wenige Meter neben ihr ein islamistischer Terrorist die Bombe in seinem Rucksack zündete. Mindestens 54 Menschen riss er mit sich in den Tod. Sayana kam mit einem Gehörschaden davon. Die Säule, die zwischen ihr und dem Selbstmordattentäter stand, rettete ihr Leben. „Meine geliebte Kirche wurde angegriffen“, schoss es ihr in diesem Moment durch den Kopf.

Standort Sri Lanka

Sri Lanka

Hauptstadt: de jure: Sri Jayawardenepura, de facto: Colombo
Einwohner: 21 Millionen (Schätzung 2017)
Fläche: 65.610 km²
Währung: Sri-Lanka-Rupie
Amtssprache: Sinhala, Tamil
Religion: 70,2 % Buddhisten, 12,6 % Hindus, 9,7 % Muslime,
7,4 % Christen

Zwischen Leben und Tod

Der Heilige Antonius ist auf Sri Lanka mehr als populär. Die ihm geweihte Kirche am Hafen von Colombo gilt auch Buddhisten, Hindus und Muslimen als Nationalheiligtum. Viele gemischtreligiöse Familien kommen mit ihren Sorgen und Anliegen hierher. Der 40-jährige Hindu Velu Ranjithkumar etwa begleitete seine katholische Frau am Ostersonntag. Er selbst wurde durch das Attentat im Gesicht und an den Händen verwundet, die Haare seines Sohnes brannten, seine Frau kam ums Leben.

Der 64-jährige B.J. Gomez verlor seinen Sohn, die Schwiegertochter und drei Enkel. „Jetzt ist mein erster Job, zu beten“, weint er. Eine Hindu-Familie verlor den 28-jährigen Familienvater; seine zwei kleinen Kinder halten das Foto ihres Vaters in Händen. Viele hinduistische Symbole zieren ihre Wohnung, doch da findet sich auch ein Bild der Heiligen Familie.

Eine vom Hinduismus konvertierte junge Frau verlor ihren katholischen Ehemann und steht nun alleine mit dem kleinen Baby da. Die Regierung gab etwas Geld für die zwei Monate alte Christy. Dauerhafte Hilfe kommt nur von der katholischen Kirche. Die 22-jährige Medha und ihr 19-jähriger Bruder Imash starben bei dem Anschlag auf die Antonius-Kirche. Ihr Vater ist Buddhist, die Mutter katholisch. Früher hätten Buddhisten ihrem Sohn Vorwürfe gemacht, weil er ein Kreuz um den Hals trug, erzählt die Mutter. Jetzt machen sie ihr Vorwürfe, weil sie ihn am Ostersonntag zur Kirche gehen ließ. „Niemand hat ihn gezwungen. Er hat diese Kirche geliebt“, weint sie, während sie zwei vom Sohn gebastelte, kunstvolle Kreuze zeigt.

TERROR AM OSTERSONNTAG

Bis heute steht die große Uhr am St. Anthony’s Shrine von Colombo auf 8.45 Uhr. Genau in diesem Moment sprengte sich am Ostersonntag ein islamistischer Selbstmordattentäter im hinteren Teil der Kirche in die Luft. Mindestens 54 Menschen riss er mit sich in den Tod. Zeitgleich verübten Terroristen Anschläge auf die katholische Kirche St. Sebastian in Negombo, auf eine Pfingstgemeinde in Batticaloa und auf drei Hotels in der Hauptstadt Colombo. Insgesamt starben fast 300 Menschen, mehr als 500 wurden verwundet. Mittlerweile ist erwiesen, dass die Regierung Sri Lankas drei Wochen vor den Anschlägen konkrete Terror-Warnungen vom indischen Geheimdienst erhalten hatte – jedoch nichts unternahm.

Auch ein muslimischer Bub starb bei dem islamistischen Terrorakt. Sein Vater Mohamed Yaseen erzählt, dass der Imam zum Begräbnis kam. Ja, es gebe Spaltungen in der muslimischen Gemeinschaft, auch radikale Kräfte, die aus dem Ausland gefördert würden. Tatsächlich erlebte Sri Lanka nie Terrorakte wie diese, die am Ostersonntag zwei katholische Kirchen, eine Pfingstgemeinde und drei Hotels trafen. Colombos Kardinal Malcolm Ranjith sagt im Gespräch mit Missio: „Seit Jahrhunderten leben wir hier zusammen, ohne dass es je eine derartige Gewalt zwischen unseren Gemeinschaften gegeben hätte. Die Muslime sind friedfertige Leute, aber leider sehen sie sich selbst in den zurückliegenden 25 oder 30 Jahren dem starken Druck eines sehr radikalen, ideologischen Islam ausgesetzt.“ Der komme von außen und führe unter jungen Leuten zu einem „Geist der Radikalisierung“.

Fr Jude Raj Fernando

„Wir haben Ostern gefeiert. Unser Gott ist kein Gott der Rache, sondern der Liebe und der Barmherzigkeit.“

Fr. Jude Raj Fernando

„Wenn ich auf Maria schaue, bin ich getröstet. Mit Buddha kann ich nicht sprechen, mit Jesus und Maria schon.“

Sayana, Buddhistin, die sich auf die Taufe vorbereitet

„Wir wissen nicht, wie viele Selbstmordattentäter ausgebildet wurden und wo sie sind. Informationen deuten darauf hin, dass es noch mehr gibt.“

Kardinal Malcolm Ranjith

Gestärkt im Glauben

Was immer die Absicht der Terroristen war – sie haben sie verfehlt: Die katholische Kirche, die mit sechs Prozent der Einwohner eine kleine Minderheit inmitten der buddhistischen Mehrheitsgesellschaft bildet, geht gestärkt aus dem massenmörderischen Anschlag hervor. Mehr als zwei Monate nach den Anschlägen ist die vollständig restaurierte Kirche für eine Wochentagsmesse bis auf den letzten Platz gefüllt, die frommen Gläubigen küssen ehrfurchtsvoll die Statue des Heiligen aus Padua, rutschen auf den Knien bis zum Altar. Auf den Eucharistischen Segen folgt eine lange Litanei, darauf eine Messe mit Predigt und Betrachtung. Nach zweieinhalb Stunden bei gut 35 Grad Hitze sind alle klatschnass, aber die Kirche leert sich noch immer nicht. Die Katholiken bitten mit Weihwasser, Kerzen und Devotionalien die emsigen Geistlichen um ihren Segen.

„Die Bombe hat ihren Glauben nicht zerstört, sondern gestärkt“, sagt der Administrator des Heiligtums, Father Jude Raj Fernando. Er saß am Ostersonntag in seinem kleinen Büro mit Blick auf den Altar, rannte nach der Explosion in die Kirche, half den Verwundeten. Noch am selben Tag verkündete Father Jude vor laufenden Fernsehkameras: „Unser Gott ist kein Gott der Rache, sondern der Liebe und der Barmherzigkeit.“ Da wusste er bereits, dass die Terroristen zeitgleich eine Autostunde nördlich von Colombo, im mehrheitlich katholischen Fischerdorf Negombo, zugeschlagen hatten. Die dortige St. Sebastianskirche war zum 150-Jahr-Jubiläum frisch renoviert, nun ist sie eine Ruine.

DIE KIRCHE STEHT ALLEN OPFERN BEI

Manche der Terroropfer und ihre Hinterbliebenen erhielten etwas Geld von der Regierung. Viele jedoch klagen, dass die Behörden Hilfe versprochen, aber nichts ausbezahlt hätten. Die katholische Kirche dagegen hilft, und dies ungeachtet der Religionszugehörigkeit. Mitarbeiter der lokalen Caritas gingen von Haus zu Haus, um die Familien der Opfer zu besuchen und den Bedarf zu erheben. 334 Menschen erhalten medizinische Hilfe, die von der Caritas finanziert wird. Dazu kommt Lebensnotwendiges und langfristige Kosten, insbesondere für Familien, die ihren Ernährer verloren haben. Er brauche etwa zwei Millionen Euro für die Familien der Opfer, schätzt Caritas-Direktor Father Lawrence Ramanayake.

Friedfertigkeit gegen Rachegefühle

Kaplan Shameora Rodrigo hielt an diesem Ostersonntagmorgen die Predigt in St. Sebastian. Nach dem Kommuniongang eilten viele Gläubige bereits ins Freie, um zur Prozession Aufstellung zu nehmen. In diesem Durcheinander muss der Selbstmordattentäter in die Kirche gelangt sein. „Ich dachte, das sei ein Feuerwerkskörper“, erinnert sich Father Shameora. „Plötzlich war die Kirche voll Rauch. Teile des Daches fielen herunter, die Menschen schrien, Körperteile flogen herum. Das Fleisch von Menschen spritzte auf mein Messgewand, die Wände der Kirche waren voll Blut.“ 115 Menschen starben, viele durch die Bombe, andere durch herabfallende Teile des Daches.

Unter ihnen war die Frau von Priyantha Jayakody, der wegen einer Fußverletzung nicht selbst zur Kirche gehen konnte. „Wir hatten die Knüppel schon in der Hand“, sagt er unter Tränen. Doch dann kam Kardinal Ranjith, dem er einst als Ministrant gedient hatte, und untersagte Racheakte aller Art. „Deine Frau ist im Himmel. Sie wird für dich beten, damit deine Rachegefühle verschwinden“, habe der Kardinal zu ihm gesagt. „Unser Kardinal ist ein lebender Heiliger“, sagt Priyantha. „Die Menschen hören auf ihn. Wegen dieses Anschlags weiß die ganze Welt jetzt, wie Katholiken reagieren. Ich bin stolz, Katholik zu sein!“ Die Katholiken übten keine Rache. „Viele Buddhisten und Hindus bewundern die Friedfertigkeit der Katholiken und die Führungsstärke unseres Kardinals“, sagt Kaplan Shameora. „Hätten die Terroristen die Buddhisten angegriffen, so hätte es blutige Rache gegeben.“ ähnlich sieht das Father Prasad Harshan, der mit seinem aus fünf Priestern bestehenden „Faith Animation Team“ von Haus zu Haus geht, um allen Opfern und Hinterbliebenen beizustehen.

PRIESTER SIND DEN MENSCHEN NAHE

„Die Menschen sind dreifach verwundet: physisch, mental und auch spirituell“, sagt Father Prasad Harshan. Mit seinem „Faith Animation Team“ betet er mit den Angehörigen der Opfer und hört ihnen in ihrem Schmerz zu. Die Terrortoten vom Ostersonntag sieht er als Märtyrer, die in der Kirche und wegen ihres Glaubens starben. Psychologische Hilfe bekommen Opfer wie Hinterbliebene von Father Claude Nonis, einem erfahrenen Seelsorger und Traumatherapeuten. Er und sein Team aus 80 zertifizierten Beratern besuchen jedes Haus. Ein „Apostolat des Zuhörens“ nennt er das. Father Claude kennt die Phasen der Trauma-Bewältigung und auch das Ziel: „Tragen wir unser Leid zum Kreuz, zur Eucharistie.“

Die Verwundungen und Traumatisierungen seien schon spürbar, erzählt er. „Insgesamt aber wurde es zum Segen für die Katholiken in unserem Land, denn über Nacht war das ganze Land getauft . Es gibt ja die Taufe mit Wasser und jene mit Blut. Plötzlich wurde unserem ganzen Land die Anwesenheit der Katholiken und die besondere Art ihres Glaubens bewusst. Wir hatten ein wahres Osterfest! Am Ostersonntag begann es mit den zerfetzten Leibern, mit dem Blut der Märtyrer.“

Nun würden Buddhisten untereinander darüber sprechen, wie bewundernswert die Katholiken in ihrer Friedfertigkeit doch seien. Nicht nur Kardinal Ranjith und seine Priester, sondern viele Gläubige sind überzeugt, dass die neuen Märtyrer, für die in Negombo jetzt eine Kirche errichtet wird, dem Land reichen Segen bringen werden. Die innere Umkehr habe bereits begonnen, sagt Father Prasad. „Die Leute beginnen zu verstehen, was es bedeutet, in Christus zu leben.“

OPFERN IN SRI LANKA HELFEN