Raus aus der Komfortzone

Im Habit unterwegs zu sein, bringt immer Abenteuer mit sich. Besonders in Europa, wo Kirche und Religion viel an Bedeutung verloren habn. Schwester Eva von Jesus Schwingenschögel hat in Peru erfahren, wie bereichernd und zugleich herausfordernd das Leben sein kann, wenn man sich innerlich und äußerlich ganz in den Dienst für Gott stellt.

Interview von KATHARINA BREINER

allewelt Mai/Juni 2020

Als junge Studentin fand Schwester Eva von Jesus Schwingenschögel bei der Gemeinschaft der Seligpreisungen in Peru ihre Berufung zum geweihten Leben. 2018 hat die gebürtige Salzburgerin die lauten Straßen der peruanischen Hafenstadt Callao nach insgesamt elf Jahren verlassen. Heute leitet sie die österreichische Niederlassung der Gemeinschaft der Seligpreisungen in Maria Langegg. Seit letztem November ist Schwester Eva von Jesus zusätzlich für die gesamte Schwestern-Gemeinschaft auf der ganzen Welt verantwortlich.

| Sie waren viele Jahre als Missionarin in der Welt tätig, hauptsächlich in Peru. Was kann die Kirche in Österreich von der Kirche in den Ländern des Südens lernen?

Unsere österreichische oder europäische Kultur ist in gewisser Weise distanzierter als die südamerikanische. Bei uns läuft alles sehr strukturiert ab. Darin besteht eine Gefahr: Dass wir nämlich in den Strukturen versinken und dabei nicht mehr sehen, wie lebendig die Kirche sein kann. In Peru bilden Pfarren das Herzstück eines Ortes, da spielt sich das Leben ab. Bei uns müssen Familien, Pfarren und Gemeinschaften wieder neu zu solchen Lebenszentren werden. Der Glaube muss wieder Platz finden dürfen in unserem Alltag.

| Sie sind jetzt Generalverantwortliche des Schwesternzweigs Ihrer Gemeinschaft. Wie sieht Ihre neue Aufgabe aus?

Weltlich gesehen wäre meine Position wohl die einer Personalchefin (lacht). Ich bin für meine 280 Mitschwestern in all unseren Niederlassungen zuständig. Da gibt es immer viele Entscheidungen zu treffen: Wer wechselt in welches Haus? Wer möchte eine Ausbildung beginnen? Wer möchte eine ewige Profess ablegen? Tatsächlich aber merke ich, dass meine Arbeit viel tiefer geht als diese verwaltungspolitischen Fragen. Durch die Weihegelübde binden sich die Schwestern an die Gemeinschaft und ganz besonders an deren Verantwortliche. Ich habe dementsprechend eine große Verantwortung. Mein Anliegen ist es, meinen Mitschwestern zu helfen ihre Berufung neu auszudrücken. Ein geweihtes Leben kann so viele verschiedene Gesichter haben: Es gibt unter uns Ärztinnen, Krankenschwestern, sogar Künstlerinnen oder eine Touristen-Führerin.

| Welche Bedeutung hat eine Gemeinschaft wie Ihre für unsere heutige Gesellschaft in Europa?

Die Gemeinschaft der Seligpreisungen ist ja eine sehr junge Form des geweihten Lebens. Wir bestehen aus drei Zweigen: Geweihte Schwestern, geweihte Brüder und Priester und Laien. Zusammen sind wir eine „kirchliche Familie des geweihten Lebens“, wo jeder Lebensstand, jede Berufung seinen Platz findet. Und das ist, glaube ich, unsere große Stärke. Besonders in Kulturen, in denen Ordensgemeinschaften negativ mit Macht und Prestige assoziiert werden, wollen wir den Menschen auf Augenhöhe begegnen, in einem einfachen Miteinander.

| Wie wirken Ihre Jahre in der Mission bis heute nach?

Unsere Niederlassung in Callao ist mein Mutterhaus. Es prägt mich bis heute. Die Menschen in Südamerika leben ihren Glauben voller Freude und vor allem offen in ihrem Alltag. Bei uns in Europa wird der Glaube immer mehr in den Privatbereich verbannt. In Peru habe ich gelernt, dass dort der Glaube durch persönliche Beziehung lebt. Das ist eine Herausforderung, denn die Leute beobachten ganz genau, wie du den Glauben lebst. Aber genau das ist ja meine Berufung: Mit meinem eigenen Leben Zeugnis zu geben für das Wirken Gottes. Und zwar nicht nur in meiner privaten Komfortzone, sondern ganz selbstverständlich in meinem Alltag, wenn ich das Haus verlasse.

| Die südamerikanische Region Amazonien steht seit letztem Oktober im Zentrum der kirchlichen Aufmerksamkeit. Wie sehen Sie das nachsynodale Schreiben „Querida Amazônia“ von Papst Franziskus?

Wir in Europa tendieren stark dazu, unsere kirchenpolitischen Probleme aufs Ausland zu übertragen. Dabei ignorieren wir die wirklichen Sorgen und Nöte der Menschen in diesen Regionen. Papst Franziskus spricht mit „Querida Amazônia“ ganz bewusst die Bevölkerung Amazoniens an und eben nicht die strukturellen Fragen. Er zeigt in diesem Schreiben, wie nahe er den Menschen vor Ort ist, mit welcher Liebe er gerade der Urbevölkerung und deren Kulturen begegnet. Der Papst lädt uns, die Kirche, ein, die Thematik, wie er, durch die Brille des Evangeliums zu betrachten und dadurch neu zu entdecken, was Mission bedeutet. Dann kommen wir weg von Ämterfragen und hin zur Inkulturation. Für mich ist es ein sehr hoffnungsvoller, tröstlicher Text.

Illustration von Schwester Eva