“Bis heute versuchen wir, zur Wiederversöhnung beizutragen”

25 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda, bei dem die Hutu-Mehrheit drei Viertel der Tutsi-Minderheit sowie andersdenkende Hutus ermordete, sind die Auswirkungen dieses Genozids im Land bis heute spürbar. Bischof Vincent Harolimana setzt sich daher für Frieden und Versöhnung ein.

Interview von INES SCHABERGER

allewelt September/Oktober 2019

Als „traurigen Jahrestag“ bezeichnet Bischof Vincent Harolimana die Erinnerung an das, was sich im Frühsommer 1994 in nur 100 Tagen in Ruanda abgespielt hat. Er sei kurz davor zum Studium nach Rom gegangen, habe jedoch die feindliche Stimmung davor und die Schwierigkeiten danach selbst erlebt, erzählt er unserer Missio-Redakteurin. Sie traf den Bischof, während er Priester seiner Diözese Ruhangeri besuchte, die unter anderem in Österreich studieren und arbeiten.

1 | Bischof Vincent, warum wurden Sie Priester?

Ich verspürte eine Berufung, meinen Brüdern und Schwestern zu dienen, indem ich mein ganzes Leben gebe. Ich war zunächst im sogenannten kleinen Seminar und profitierte später bei der Ausbildung im großen Seminar davon, dass Missio dieses Projekt unterstützt. Johannes Paul II. weihte mich bei seinem Pastoralbesuch in Ruanda im Jahr 1990 zum Priester.

2 | Sie wurden in Ruanda und in Rom ausgebildet. Wie unterscheidet sich die Priesterausbildung in Afrika und Europa?

In Europa sah ich Seminare, die fast leer sind. Die Männer, die eintreten, bringen dafür schon mehr Lebenserfahrung mit. In Ruanda gibt es viele junge Menschen in den „kleinen“ Seminaren, die am Ende ihrer Ausbildung eine gute Grundlage haben, um an einer Universität zu studieren. Viele gehen ins große Seminar weiter. Wir sind eine dynamische Kirche mit vielen jungen Menschen, die Priester werden möchten.

3 | Seit sieben Jahren sind Sie Bischof der Diözese Ruhengeri im Norden Ruandas. Was sind die größten Herausforderungen für die Menschen dort?

Viele unserer jungen Menschen im Land sind arbeitslos. Ruanda ist flächenmäßig sehr klein, hat aber eine hohe Bevölkerungsdichte. Wir stehen also vor großen ökonomischen Herausforderungen und müssen die Armut bekämpfen. Außerdem muss ein Land, das einen Genozid erlebt hat, immer wieder etwas für die Versöhnung tun. Es ist ein großes Problem, wenn Menschen beispielsweise versuchen, den Genozid zu leugnen.

4 | Wie war die Kirche im Genozid involviert? 

Während dieser tragischen Zeit gab es Priester wie Laien, die Zeugen der Liebe wurden und ihr Leben als Märtyrer hingaben. Manche hatten jedoch nicht den Mut, ihre christliche Identität zu zeigen und schlossen sich der Barbarei an. Viele Menschen mussten den Verlust ihrer Angehörigen verarbeiten, viele waren damit konfrontiert, dass sie selbst oder ihre Angehörigen zu Mittätern geworden sind. Als Kirche haben wir den verletzlichsten Mitgliedern der Gesellschaft mit materiellen Gütern geholfen. Bis heute versuchen wir, zur Wiederversöhnung beizutragen.

5 | Welche Auswirkungen hatte der Völkermord auf die Menschen?

Der Genozid hat unsere gesamte Gesellschaft und die Geschwisterlichkeit untereinander zerstört. Mit der Ermordung von fast einer Million Menschen innerhalb weniger Monate entstand eine unglaubliche Armut. Viele Witwen und Waisen standen plötzlich auf der Straße. Doch auch nach dem Genozid litt unsere Diözese bis 1998 unter Rebellengruppen aus dem Kongo. Aktivitäten in den Pfarren und Diözesen sollen heute zeigen, wie wir eine versöhnte Gesellschaft sein können.

6 | Wie unterstützen Sie konkret diese Wiederversöhnung in der Gesellschaft?

Wir gründeten „Gerechtigkeit und Frieden“-Clubs in den Schulen. Bei landesweiten „Jugendforen“ wurden Jugendliche bei Familien aufgenommen, ohne dass es auf die Ethnie ankam. Das war eine wichtige Erfahrung. Wir vermittelten außerdem Begegnungen zwischen Tätern und Angehörigen der Opfer. Manche der Angehörigen berichteten: „Ich konnte all die Jahre nicht vergeben, jetzt spüre ich so einen Frieden und eine Leichtigkeit.“ Täter, die um Vergebung baten, erzählten, dass ihnen eine unglaubliche Last von ihren Schultern genommen wurde.

7 | Nach dem Genozid wuchsen viele Kinder ohne Eltern auf und wurden als Kindersoldaten rekrutiert. Was tat und tut die Kirche dagegen?

Viele Kinder schlossen sich der Befreiungsarmee an, die nach Ruanda kam, um den Genozid zu beenden. Auch heute werden junge Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben von extremistischen Gruppen angeworben, die von deren Armut und Arbeitslosigkeit profitieren. Grundsätzlich versucht die Politik in Ruanda, das einzudämmen. Als Kirche sind wir aktuell nicht aktiv, weil Kindersoldaten in Ruanda verboten sind. Es gibt jedoch viele Rebellengruppen im Kongo, die nicht nach dem Alter der Kinder fragen.

Bischof Vincent Harolimana