Schwestern für Schwestern

Es sind Buddhistinnen, Musliminnen, Hinduistinnen und Christinnen – vor allem sind es Frauen in Not, denen die katholischen Ordensschwestern im südlichsten Myanmar beistehen wollen. Sie wurden getäuscht, erniedrigt und missbraucht. Nun machen sich die Frauen gegenseitig Mut. Gemeinsam verhindern sie, dass weitere junge Frauen zu Opfern gemacht werden.

Text: Lena Hallwirth // Fotos: Simon Kupferschmied

allewelt November/Dezember 2019

Krachende Musik dröhnt über den Strand von Kawthaung. Bunte Lichter erleuchten blinkend die Nacht und die Gesichter der vielen Menschen, die heute hier, am südlichsten Zipfel Myanmars, zusammen feiern. Rauch, Dampf und würzige Gerüche steigen von den Garküchen und Essensständen auf. Für die Kinder gibt es an diesem Festtag Süßigkeiten, importiert aus Thailand und quietschbunte Limonaden. Auch eine Gruppe buddhistischer Mönche aus den zahlreichen Klöstern der Gegend ist gekommen. Eingehüllt in wallende orange Gewänder sitzen sie auf Ehrenplätzen vor der bunt geschmückten Bühne und wirken etwas verloren zwischen Marktschreiern und Ringelspielen. Es ist der Nationalfeiertag der Mon, einer der ältesten der rund 135 Volksgruppen Myanmars, der von heute an drei Tage lang gefeiert wird. Die meisten Mon leben weiter im Norden. Doch in der kleinen Hafenstadt Kawthaung kommen Menschen aus dem ganzen Land, das mehr als doppelt so groß wie Deutschland ist, zusammen. Es sind Geschäftsleute, Glücksritter und Verzweifelte.

Vor zehn Jahren, wenige Monate nachdem ihre noch junge Ehe zerbrach, ist auch Ma Naing Naing hierhergekommen. Nie zuvor war sie weiter weg von zu Hause. In ihrem bisherigen Leben hatte die junge Frau nur ihr Dorf gekannt, wo sie nach dem frühen Tod ihres Vaters bei ihrem Onkel aufgewachsen war. Gemeinsam mit ihrer Mutter arbeitete sie auf den Feldern, was sie erwirtschafteten, reichte gerade so zum Überleben.

Nach der Scheidung musste sie ihre beiden kleinen Kinder alleine durchbringen. Sie sollten es einmal besser haben. Dafür war Ma Naing Naing bereit, alles zu tun, selbst wenn es bedeutete, sie zu verlassen. Wie Millionen Mütter weltweit ließ sie die beiden schweren Herzens bei der Großmutter zurück und machte sich auf den Weg. Sie hoffte, als Kellnerin genug Geld zu verdienen, um ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen – so war es ihr von einem Arbeitsvermittler versprochen worden.

Frau mit Thanaka-Paste

„Ich war sehr traurig, aber ich konnte es nicht einmal meiner Familie sagen.”

Ma Naing Naing

In Kawthaung angekommen, merkte sie bald, dass neben dem Servieren gekühlter Getränke vor allem Sex von ihr erwartet wurde. „Ich wollte einfach nur nach Hause. Ich habe die Leute um Hilfe gebeten, aber ich konnte meine Schulden bei dem Vermittler nicht bezahlen“, erzählt die junge Frau mit tonloser Stimme. Er hatte ihr Geld für Flug, Essen und Unterkunft vorgestreckt, jetzt verlangte er es zurück. Also musste sie bleiben. Ein Bordellbesucher versprach ihr schließlich, sie zu retten. Er bezahlte ihre Schulden, sie heiratete ihn. Kurze Zeit später wurde Ma Naing Naing schwanger. „Als ich ins Spital gegangen bin, um mich untersuchen zu lassen, haben die Ärzte mir gesagt, dass ich HIV-positiv bin.“ Ein Freier hatte sie mit dem tödlichen Virus infiziert.

Hauptstadt: Naypyidaw

Amtssprache: Burmesisch

Einwohner: 53,7 Millionen (Schätzung 2018)

Fläche: 676.578 km²

Währung: Kyat (MMK)

Religion: Buddhisten (87,9%), Christen (6,2%), Muslime (4,3%), andere Religionen/Atheisten (1,6%)

Unwissenheit, die einsam macht

Die Zahl der Menschen, die in Myanmar mit HIV leben, wird von den Vereinten Nationen auf 240.000 geschätzt. Alleine im Jahr 2018 starben etwa 7.800 Männer, Frauen und Kinder an der Krankheit. In den letzten Jahren scheint die HIV-Epidemie im Land nachzulassen, doch immer noch in zieren sich jeden Tag weitere 30 Personen mit dem Virus. Meist wird es bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr, mittels bereits verwendeter Spritzen oder von der Mutter auf das Kind übertragen.

Besonders gefährdet sind daher Menschen, die sich Drogen injizieren oder der Prostitution nachgehen. Kunden von Prostituierten geben das Virus auch an ihre Frauen weiter, deren Immunsystem folglich langsam zerstört wird. Dabei kann es nach einer Ansteckung viele Jahre dauern, bis die typischen Infektionskrankheiten und Tumore, die als AIDS zusammengefasst werden, auftreten. Nur wer seinen Status kennt, kann verhindern, dass etwa bei einer Geburt auch das Neugeborene injiziert wird. Mittlerweile kann das Virus mit Medikamenten in Schach gehalten werden, die einen Ausbruch von AIDS verhindern und das Risiko andere anzustecken minimieren. Auch die Übertragung von der Mutter auf ihr Kind kann verhindert werden.

Von all dem weiß Ma Naing Naings Familie wenig. Noch nie habe es in ihrem Dorf jemanden mit HIV gegeben, erzählt die heute 34-Jährige. Viele Menschen wissen nicht, wie die Übertragung funktioniert – und wie nicht. Die meisten würden nicht einmal Gemüse von jemandem kaufen, der HIV-positiv ist, das ergab eine repräsentative Umfrage in Myanmar. Nach der Diagnose habe sie tagelang geweint. „Ich habe mich so isoliert von allen anderen gefühlt“, erzählt Ma Naing Naing.

Bis heute hat sie ihrer gesundheitlich angeschlagenen Mutter nichts davon gesagt. Sie soll sich keine Sorgen um die Tochter in der Ferne machen, soll nicht noch kränker werden. Alleine ist die junge Frau trotzdem nicht – nicht mehr. Im Krankenhaus lernte sie die Missionsschwestern Unserer Lieben Frau (Ordenskürzel: RNDM) kennen.

Jeden Mittwoch begleiten die Ordensfrauen HIV-Patientinnen und -Patienten ins öffentliche Krankenhaus. Sie kümmern sich darum, dass sie ihre Medikamente bekommen und sie täglich einnehmen – nur so bleibt die Anzahl der Viren im Blut gering. Um gesund zu bleiben, müssen die Betroffenen ausreichend Nährstoffe und Vitamine zu sich nehmen. Wer sich kein gesundes Essen leisten kann, wird ebenfalls von den Schwestern versorgt. Darüber hinaus veranstalten sie regelmäßige Treffen und einen HIV-Aufklärungsunterricht, der von einem Arzt geleitet wird. Es sind vor allem Frauen und ihre Kinder, die sich deshalb heute in einem Haus des Ordens versammelt haben.

Porträt eines Doktors

„Mithilfe der Medikamente ist das Virus im Blut kaum noch nachweisbar und die Menschen können auch 70 Jahre alt werden. Es gibt gute Beispiele in Myanmar.”

Doktor Chit Yee Zaw

Liebe über Grenzen hinweg

Auf einem dunkelgrünen Teppich haben sie nebeneinander Platz genommen. Schwester Christina Thar Khing begrüßt sie, dann wird es still im Raum. Das Treffen beginnt mit einer gemeinsamen Meditation. Kniend oder im Schneidersitz, die Augen geschlossen und die Hände im Schoß gefaltet, sitzt die Gruppe minutenlang schweigend da. Selbst die Kleinsten werden dabei ruhig. Für die myanmarische Ordensfrau, in ihrem traditionellen Wickelrock, der hellblauen Bluse und der Kette mit dem Kreuz um den Hals, ist das nichts Ungewöhnliches. „Wenn wir miteinander meditieren, dann bitten wir um positive Energie und inneren Frieden“, erklärt Schwester Christina.

Katholische Orden und ihre einheimischen Mitglieder sind in Myanmar weitgehend akzeptiert, die Hilfe, die sie leisten, sogar meist sehr willkommen. Doch die Schwestern kennen die Grenzen der Toleranz gegenüber der kleinen christlichen Minderheit. Nur sechs Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Christentum, davon gehört ein Großteil protestantischen Kirchen an. Die Gruppe der Katholiken macht nur ein Prozent aus.

Lächelnde Frau

„Die meisten unserer Patientinnen sind Buddhistinnen. Aber es ist mir nicht wichtig, welcher Religion jemand angehört.”

Schwester Christina Thar Khing

Trotzdem ist die Angst groß im Land, dass Minderheiten an Einfluss gewinnen und dass buddhistische Gläubige zu Christentum oder Islam konvertieren. Seit einigen Jahren ruft eine einflussreiche Gruppe buddhistischer Mönche die Menschen sogar zur Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingya auf und unterstützt den andauernden Völkermord. Derzeit gilt ihr Hass besonders Muslimen, aber auch Christen müssen sehr vorsichtig sein. Ausländische Missionare werden nicht geduldet. Die Schwestern können nicht offen von Jesus Christus oder Gott sprechen – das würde ihre Mission gefährden. Sie wählen einen anderen Weg, um den Menschen die frohe Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes zu verkünden. „Durch die Art, wie ich lebe und wie ich ihnen helfe, wissen die Menschen schon über den Kern christlicher Spiritualität Bescheid“, ist sich Schwester Christina sicher. „Sie respektieren mich und meinen christlichen Glauben, dabei bleiben sie ihrem Glauben treu. Ich möchte, dass sie ein langes und glückliches Leben voller Selbstbewusstsein leben können, deshalb helfe ich ihnen.“

In der letzten Reihe sitzt beim heutigen Unterricht Amy San und hört dem Arzt, der jetzt zu den Frauen spricht, aufmerksam zu. Immer wieder verbirgt sie den Kopf in ihren Armen, um die anderen mit ihrem Husten nicht zu stören. Das langärmelige T-Shirt, das ihren schmalen, gekrümmten Oberkörper bedeckt, trägt die Aufschrift „Smile“ – „Lächle“. Doch das wäre zu viel verlangt. Amy San steigt langsam die Stiegen hinauf. Immer wieder hält sie am Treppenabsatz an, um röchelnd Luft zu holen. Oben angelangt, muss sie sich mehrere Minuten lang in der kühlenden Brise ausruhen. Als sie endlich wieder sprechen kann, klingt ihre Stimme belegt. In sich zusammengesunken erzählt sie von ihrer Reise, die sie mit 19 Jahren aus ihrem Heimatdorf nach Kawthaung und von hier über die Grenze nach Thailand geführt hat.

Billige Arbeitskräfte – billiges Vergnügen

Ein Fluss trennt die Stadt Kawthaung von ihrem thailändischen Pendant, der Stadt Ranong. Eine halbe Stunde dauert die Überfahrt per Boot. Thailand ist für viele hier ein Land der Verheißungen. Produkte, die in Myanmar kaum erhältlich sind, können in Thailand in jedem Supermarkt gekauft werden. Der Lebensstandard auf der anderen Seite ist deutlich höher als in Myanmar, das nach jahrzehntelanger Militärdiktatur zu einem der ärmsten Länder der Welt zählt. Arbeitsplätze, nach denen viele Jugendliche in Myanmar umsonst suchen, gibt es in Thailand viele. Besonders die Fischerei-Industrie, eine der größten der Welt, verlangt nach billigen Arbeitskräften. Über die teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen wissen viele nicht Bescheid oder nehmen sie in Kauf. Auch aus Thailand kommen Menschen nach Myanmar, um Geschäfte zu machen und um sich zu vergnügen – die Prostitution, die in Myanmar eigentlich streng verboten ist, blüht.

Prostituierte dürfen nicht auffallen. Wer nicht weiß, worauf er achten soll, sieht sie nicht. Was man sieht, sind die Buchstaben „K-TV“, die in der Dämmerung in den Straßen leuchten. Sie kennzeichnen Bars, Restaurants und Hotels mit einer Karaoke-Ausrüstung. Das ursprünglich aus Japan stammende Freizeitvergnügen, bei dem live und vor Publikum zu den Melodien bekannter Lieder gesungen wird, ist auch in Myanmar beliebt. Hinter Namen wie „Joy and Success“ oder „Happiness“ verbergen sich aber oft geheime Bordelle. Wie Ma Naing Naing wurde auch Amy von einem sogenannten Vermittler für einen Job als Kellnerin in Kawthaung angeworben und musste sich in einem „K-TV“ prostituieren. Wenige Jahre zuvor war ihre Mutter gestorben, in der neuen Familie ihres Vaters war das Mädchen nicht willkommen. „Ich bin ganz alleine“, sagt sie. Tränen vermischen sich mit der Thanakapaste in ihrem Gesicht und laufen über ihre Wangen. Wen hätte sie um Hilfe bitten sollen?

Amy San

„Als ich 19 Jahre alt war, hat mir ein Vermittler von einem gute Job in Kawthaung erzählt. Das habe ich ihm geglaubt und bin mit ihm gekommen.”

Amy San

Schließlich lernte sie ihren Mann kennen. Weil es in Kawthaung keine Arbeit für sie gab, ging das Paar nach Thailand. Gemeinsam arbeiteten sie auf einer großen Kautschuk-Plantage. Er erntete den milchigen Latex aus dem Stamm der Bäume, sie verkaufte gekochten Reis an die anderen Arbeiter und Arbeiterinnen. Eine schöne Zeit – „wir waren sehr glücklich dort“, erzählt Amy. Dann wurde sie krank. Ohne es zu wissen, hatte sie sich mit HIV infiziert. Drei Jahre nach ihrer Zeit in dem geheimen Bordell brach die Krankheit nun aus. Eine Woche verbrachte sie in einem thailändischen Spital, dann hatten die Ärzte sie soweit stabilisiert, dass sie die Reise zurück nach Kawthaung antreten konnte. „Ich wollte nicht in Thailand sterben, deswegen bin ich nach Myanmar zurückgekommen“, sagt sie ernst.

Mut zum Weiterleben

Amy ist noch keine 30 Jahre alt. Dank der Medikamente und der reichhaltigen Nahrung der Schwestern lebt sie. Wie lange, das weiß sie nicht. Tuberkulose hat ihre Lungen schwer geschädigt. Die Krankheit tritt vermehrt bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem auf. Sie ist eine der häufigsten Todesursachen von Menschen mit HIV. Mit den Schwestern über das Erlebte, ihre Ängste und ihre Verzweiflung zu sprechen und sich hier im Ordenshaus mit anderen Frauen, die ebenfalls Opfer von Menschenhandel wurden, auszutauschen, ist für Amy überlebenswichtig. Die Schwestern helfen ihr, den Mut nicht zu verlieren und weiterzuleben, sagt sie. Nach dem anfänglichen Gefühl der Isolation, hat auch Ma Naing Naing mithilfe der Schwestern gesehen, wie viele Menschen mit HIV leben. „Ich habe heute viele Freunde und es geht mir gut. Wir machen uns gegenseitig Mut. Mit der Hilfe der Schwestern habe ich gelernt, meine Krankheit zu akzeptieren“, so Ma Naing Naing.

„Anfangs waren manche Frauen skeptisch, ob wir sie vielleicht von ihrem buddhistischen Glauben abbringen wollen. Aber mittlerweile vertrauen sie uns sehr und erzählen uns offen von ihrer Geschichte.”

Schwester Jucie Thein Shwe

Findet kein HIV-Aufklärungsunterricht statt, lernen im Erdgeschoss der Ordensfrauen 36 Kleinkinder die ersten Zahlen und Buchstaben. Neben Kindern aus der Umgebung sind unter ihnen auch die Kinder der HIV-Patientinnen und Kinder, deren Mütter gerade ein Stockwerk höher an einer besseren Zukunft arbeiten. Um junge Frauen vor den Versprechungen der Menschenhändler zu schützen, haben die Ordensfrauen eine Schneiderei gegründet. Statt in einem vermeintlichen Restaurant arbeiten zu müssen, werden sie hier zu Schneiderinnen ausgebildet – ein Handwerk, mit dem sie eigenständig Geld verdienen können. Elf Frauen arbeiten dauerhaft in der Werkstatt der Schwestern, wo sie bunte Taschen, Geldbörsen und Schuluniformen für Bildungseinrichtungen des Ordens fertigen. So haben sie ein regelmäßiges Einkommen und können auch Geld an ihre Familien daheim schicken. Immer wieder erzählen Frauen, die zu Opfern des Menschenhandels wurden, den Frauen in der Schneiderei von ihren Erlebnissen. „Mein Rat an junge Mädchen ist, sehr gut auf sich aufzupassen und niemandem leichtfertig zu glauben. Präventionsmaßnahmen sind sehr wichtig. Aber wenn sie sich bereits mit HIV infiziert haben, dann möchte ich ihnen Mut zusprechen. Es gibt Medikamente und sie können glücklich leben. Esst gut, schlaft gut und betet!“, sagt Ma Naing Naing und lächelt.

Missio Redakteurin Lena Hallwirth

Besuch vor Ort

In der Hafenstadt Kawthaung haben Frauen, die zu Opfern des Menschenhandels wurden, ihre Geschichten mit unserer Missio-Redakteurin Lena Hallwirth geteilt und erzählt, was sie Mädchen raten, um sie vor gefährlichen Versprechungen zu schützen.