Kein Machtwort, weit und breit

Die Lesarten von „Querida Amazônia“ könnten verschiedener nicht sein und vielleicht ist genau das ein Statement für die Kirche. Vatikan-Journalistin Gudrun Sailer schreibt über einen Papst, der entschieden hat, nicht zu entscheiden. Ein Kommentar aus dem Vatikan.

von GUDRUN SAILER

allewelt Mai/Juni 2020

Noch selten hat ein Schreiben von Papst Franziskus so viel Zustimmung bei konservativen und so viel Enttäuschung bei reformorientierten Kräften der katholischen Kirche ausgelöst wie „Querida Amazônia“. „Nicht gut, aber immer noch das Beste, was von diesem Papst zu erwarten war“, lautete das Urteil auf der einen Seite. „Überflüssig und mutlos“ auf der anderen. Beide Lesarten sind extrem. Extrem selbstbezogen, meine ich.

Warum? Weil beide engen und vorwiegend westlichen Denkmustern gehorchen und im Kern nur auf das eine schielen: den priesterlichen Zölibat, die Lebensform der (meisten) katholischen Priester. Beiden Seiten geht es da ums Grundsätzliche, nicht etwa um die außerordentlich konkrete sakramentale Not in Amazonien, die ist der Anlass, uns mit uns selbst zu beschäftigen und dem, was wir für gut und recht in der Weltkirche halten.

Doch was tut Franziskus? Er passt. Erwähnt den Zölibat nicht einmal. Verteidigt ihn nicht, lockert ihn nicht. Stattdessen regt er in „Querida Amazônia“ andere Wege an, damit Gläubige am Amazonas öfter Messe feiern und beichten können. Er schlägt vor, mehr auf die Bildung zu setzen, verweist etwa auf den Vorschlag aus der Synode, Seminare eigens für einheimische Priesteramtskandidaten einzurichten, damit indigene Berufungen bessere Chancen haben; viele einheimische Seminaristen in Amazonien fühlen sich nämlich kulturell nicht zu Hause in den großen, städtischen Priesterausbildungsstätten und geben auf, weil sie sich fremd fühlen.

Gudrun Sailer

GUDRUN SAILER

(*1970) stammt aus der Diözese St. Pölten und arbeitet seit 2003 als Redakteurin in der deutschen Abteilung von Radio Vatikan / Vatican News.

Wie pastoral umverteilen?

Was die einmal geweihten Priester anlangt, hat Franziskus eine Anregung für Bischöfe der neun Amazonasländer: Sie könnten ihre – ziemlich vielen – nach Nordamerika und Europa „entliehenen“ Priester von dort abberufen und stattdessen in den Regenwald entsenden. Würde allein Kolumbien seine angeblich 1.200 im Westen eingesetzten Priester bei einer entsprechenden Bereitschaft und nach guter Vorbereitung an den Amazonas schicken, wäre der Priestermangel dort behoben. Klar ist auch, dass diese Gewichtsverlagerung bei uns in Westeuropa und Nordamerika für einen ziemlichen Schock in der kirchlichen Praxis sorgen würde. Das Fehlen der lateinamerikanischen Priester würde uns aber auch besser als je verstehen lassen, was sakramentale Not ist. Das wäre dann gleichsam eine Form nachträglicher Solidarität mit unseren Brüdern und Schwestern in Amazonien.

„Morde an Indigenen, Brandrodung, Ausbeutung, Vergiftung, Sklaverei, Korruption: Empört euch! Und ändert euren Lebensstil! Das ist in Wahrheit der Aufruf des Papstes an uns im Westen.“

Gudrun Sailer

Der Papst nimmt sich zurück

Als katholische Gläubige sind wir es von alters her gewohnt, dass Päpste Machtworte sprechen. „Querida Amazônia“ verzichtet auf ein Machtwort in der Zölibatsfrage. Weder ein Hopp noch ein Dropp wird hier vorgelegt, auch die Fußnoten bleiben im Rahmen. An keiner Stelle und bei keinem Thema überschreitet Franziskus das geltende katholische Lehramt oder auch eines seiner eigenen prophetischen Dokumente. Und wenn das kluge Absicht wäre? Ein sich zurücknehmender Papst, der möchte, dass Dinge in Ortskirchen langsam, gut und in aller Stille heranreifen können, wozu aufsehenerregende Papst-Dekrete einstweilen nichts nützen würden? Ein Papst, der sieht, dass die Kirche heute nicht noch mehr Spaltung, Selbstbezogenheit und Rückzug in die eigenen Echokammern braucht? Ein Papst, der, wie er uns von Anfang an wissen ließ, nicht Räume der Macht besetzen, sondern Prozesse anstoßen will (Evangelii Gaudium, 223)? Schauen wir auf das ganze Dokument.

Die stärksten Passagen sind die, in denen der Papst gegen die Ungerechtigkeiten gegen Mensch und Ökologie in Amazonien anschreibt: Morde an Indigenen, Brandrodung, Ausbeutung, Vergiftung, Sklaverei, Korruption: Empört euch! Und ändert euren Lebensstil! Das ist in Wahrheit der Aufruf des Papstes an uns im Westen. Ein Aufruf, der wirklich Leben und Tod geknechteter Menschen und geschundener Natur in den Blick nimmt. Das ist es, was uns alle angeht. Und es ist steil. Wenn es uns ernst ist mit christlicher Solidarität, darf dieser Aufruf nicht verschwinden in kleinlicher Erleichterung oder Enttäuschung über das päpstliche Schweigen zur Zölibatsfrage.

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Pater Karl Wallner über „Querida Amazônia“