Frauen im Sonderangebot

Menschenhandel und Zwangsprostitution sind in Österreich eine Realität, die oft verdrängt wird. SOLWODI setzt sich für Frauen ein, die zur Prostitution gezwungen werden – viele von ihnen kommen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika. Schwester Anna Mayrhofer engagiert sich seit vielen Jahren gegen Menschenhandel und macht auf das Grundproblem aufmerksam.

von SCHWESTER ANNA MAYRHOFER FMM

allewelt März/April 2020

Ilona* ist 24 Jahre alt und wurde in Rumänien geboren. Ihr Vater war arbeitslos und Alkoholiker. Wenn er betrunken war, gab es oft Streit zu Hause. Niemand konnte ihm etwas recht machen und in seinem Ärger schlug er die Mutter und die Kinder. Die älteren Geschwister haben das Haus sehr früh verlassen. Die Mutter versuchte die Familie zusammenzuhalten und durch Gelegenheitsarbeit Geld zu verdienen. Ilona schwänzte oft die Schule, es kümmerte sich sowieso niemand um sie. Nach der Schule arbeitete sie kurze Zeit in einer Konservenfabrik. In ihrem Dorf gibt es wenige Arbeitsplätze. Ein Cousin, der in Österreich lebte, versprach ihr eine Arbeit, wenn sie nach Österreich mitgehen würde, und ihrer Mutter, dass er auf Ilona aufpassen werde.

Ilona fuhr mit ihm. Der Cousin brachte sie direkt in ein Bordell und erklärte ihr, was ihre zukünftige „Arbeit“ sei. Andere Frauen zeigten ihr, was sie zu tun habe. Ilona wollte weg, aber ihr Cousin schlug ihr ins Gesicht und drohte ihr. Er würde ihrer Familie und im ganzen Dorf erzählen, dass sie eine Hure sei. Als sie sich weiter weigerte, schickte er ein paar „Freunde“ zu ihr ins Zimmer, die Ilona vergewaltigten. Dann tat sie, was man ihr sagte.

Schwester Anna Mayrhofer Fmm

Schwester Anna Mayrhofer FMM

wurde 1966 geboren. Sie ist Franziskanerin Missionarin Mariens und Sozialarbeiterin. Als solche war sie langjährige Mitarbeiterin bei SOLWODI in Deutschland und ist jetzt Leiterin der Schutzwohnung in Wien.

Einmal im Monat durfte sie 500 EURO nach Hause schicken. Ihre Mutter freute sich. Sie konnte das Dach des kleinen Hauses reparieren und auch den Arztbesuch bezahlen, den sie schon seit Monaten hinausschob.

Wenn Ilona zwei- oder dreimal im Jahr ihre Eltern besuchte und deren Elend sah, wusste sie, warum sie sich in Österreich prostituierte, auch wenn der Cousin das meiste Geld daran verdiente. Aber das wusste niemand. Sie erfand Geschichten von ihrer angeblichen Arbeit als Kellnerin. Der Vater war endlich zufrieden mit ihr. Mit der Zeit hatte sie auch gelernt, wie das alles auszuhalten war: Alkohol und Schmerztabletten ließen alles leichter erscheinen.

„Die Nachfrage der Männer nach ‚gekauftem Sex’ fördert den Markt, der auch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert.“

Schwester Anna Mayrhofer FMM

Menschenhandel und Zwangsprostitution in Österreich

Im Heimatland ist die Lebenssituation von Frauen wie Ilona von materieller Armut, mangelnder Schul- und Berufsausbildung, Arbeitslosigkeit, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit gekennzeichnet. In ihren Herkunftsfamilien haben sie Abwertung erfahren, weil sie Frauen sind und vielfach Gewalt bis hin zum sexuellen Missbrauch erlebt. In diesen materiellen, psychischen oder emotionalen Notlagen werden sie mit falschen Versprechen auf eine gut bezahlte Arbeit ins Ausland gelockt.

Mithilfe finanzieller Abhängigkeit, Ausnutzung ihrer Hilflosigkeit, Androhung und Ausübung von psychischer und physischer Gewalt werden die Frauen in ausbeuterische Beziehungen, Arbeitsverhältnisse oder in die Prostitution gezwungen. So ist auch verständlich, dass die Grenzen zwischen Prostitution, Zwangsprostitution und Menschenhandel von außen gesehen nicht sichtbar und tatsächlich auch fließend sind.

SOLIDARITÄT MIT FRAUEN IN NOT

SOLWODI wurde 1985 von der deutschen Ordensfrau Sr. Dr. Lea Ackermann in Kenia gegründet und unterstützt in Deutschland, Rumänien und Ungarn Frauen und Mädchen, die Opfer von Frauenhandel, Zwangsprostitution, Gewalt und Ausbeutung geworden sind. 2012 gründeten sechs Ordensgemeinschaften auf Initiative von Schwester Patricia Erber SDS einen eigenständigen Verein SOLWODI Österreich. In Wien wurde eine Schutzwohnung für 10 Frauen und ihre Kinder und eine kleine Beratungsstelle finanziert. Der internationale Gebetstag gegen Menschenhandel am 7. Februar soll jedes Jahr die Menschen zur Solidarität einladen. Weitere Informationen: www.solwodi.at

Österreich ist Transit- und Zielland zugleich. 95 Prozent der Frauen in Prostitution kommen aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Nigeria, Tschechien, der Slowakei, China und anderen Ländern der Welt. Viele sind Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Die Identifizierung der Opfer von Menschenhandel ist schwierig, weil die Frauen aus Angst vor den Menschenhändlern und Ausbeutern meist nichts sagen. Die Täter bleiben unbekannt. Die Nachfrage der Männer nach „gekauftem Sex“ fördert den Markt, der auch nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert.

Das „Angebot“ sind junge, von Armut betroffene Frauen aus dem Ausland. Die Nachfrage kommt aus unserer Gesellschaft. Es sind unsere Männer, Brüder, Väter, Freunde, Söhne oder Arbeitskollegen, die diese Frauen kaufen. Dabei entsteht oft der Eindruck, als wäre es „normal“, dass sexuelle Befriedigung käuflich erworben werden kann, denn dazu hätten die Frauen wenigstens so die Chance, den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen. 

Der vielfach verwendete Begriff „Sexarbeit“ suggeriert den freiwilligen und selbstbestimmten „Verkauf sexueller Dienstleistungen“ und verharmlost Hintergründe und Auswirkungen der Prostitution. In einer kapitalistischen, reichen Gesellschaft, in der man sich alles kaufen kann, werden eben auch Menschen so zur Ware gemacht.

Beratung und Begleitung

Ilona kam durch eine Streetworkerin zu SOLWODI. Zusammen mit anderen Frauen und deren Kindern lebt sie in der anonymen Schutzwohnung. Die Sozialarbeiterinnen beraten und begleiten die Frauen bei medizinischen, rechtlichen, sozialen und psychischen Problemen und helfen bei Behördengängen, der Wohnungs- und Arbeitssuche. Gleichzeitig stärken sie das Selbstwertgefühl der Frauen und entwickeln mit ihnen gemeinsam neue Lebensperspektiven. Wichtig ist natürlich vor allem auch, sie psychologisch zu betreuen und psychisch zu stabilisieren.

Ilona hat einen Deutschkurs begonnen und geht regelmäßig zu einer Psychotherapeutin. Sie möchte ohne Angst leben lernen und die Bilder von den letzten Jahren aus ihrem Kopf bekommen. Wenn es ihr psychisch wieder besser geht, hofft sie eine Arbeitsstelle und eine eigene kleine Wohnung zu finden.

*Name geändert