Im Meer aus Müll

Der wohl dreckigste Ort der Welt liegt am Rande von Manila. Hier leben Familien im Müll und vom Müll. Eine Ordensschwester und ein Priester wollen etwas dagegen unternehmen.

Text: Jörk Nowak // Fotos: Hartmut Schwarzbach

allewelt März/April 2020

Immer sind die großen Burschen schneller als der kleine Charles und schnappen ihm den besten Müll weg. In den Straßen picken sie leere Cola-Flaschen und Plastikbehälter auf. Säckeweise bringen sie den schmutzigen Abfall zu den Recycling-Händlern, die ihnen ein paar philippinische Peso-Münzen in die Hände drücken. Charles wäre gerne wie die großen Burschen.

Denn wer ein paar Pesos verdient hat, kann sich Reis kaufen und für einen Tag satt werden. Der aufheulende Motor eines Müllwagens schreckt den siebenjährigen Charles aus seinen hungrigen Tagträumen. Sofort sprinten die großen Teenager dem Lastwagen hinterher. Der Älteste ist schon ganz nah dran und springt mit einem mutigen Satz hinten in den Müllwagen und landet in dem feuchten Abfall.

Während der LKW weiterfährt, wühlt er in der modrigen Ladung zwischen geplatzten Säcken, Hühnerknochen und Fischköpfen, morschen Holzbrettern und rostigen Stangen. Mit einem Siegerlächeln hält er wie eine Trophäe eine schwarze Spielzeugpistole hoch. Dann biegt der Müllwagen ab und Charles verliert ihn aus dem Blick. „Hier haben wir keine Chance“, sagt Charles zu seiner jüngeren Cousine Josette und fasst einen Entschluss: „Ich lerne schwimmen.“

Hauptstadt: Manila

Amtssprachen: Filipino und Englisch

Einwohner: 108 Millionen (Schätzung 2019)

Fläche: ca. 300.000 km²

Währung: Philippinischer Peso (PHP)

Religion: Katholiken (über 80%), Protestanten (etwa 10%), Muslime (5%)

Manila liegt am Meer und die Wellen spülen bei Wind viel Müll ins Hafenbecken. Charles hat die großen Burschen an diesem Ort selten gesehen. Hier trauen sie sich nicht rein. Wer schwimmen kann, hat eine Chance, ein wenig Geld zu verdienen. Charles lebt hier ohne seine Eltern. Seinen Vater hat er nie getroffen. Seit Jahren sitzt dieser im Gefängnis. Die Mutter suchte sich einen neuen Liebhaber und verschwand in eine andere Stadt.

Nur seine Großmutter und sein Großvater haben ihren Enkel nicht im Stich gelassen. Aber sie selber sind bitterarm. Ihre Slumhütte ist notdürftig aus Holzbrettern und Wellblech zusammengezimmert. Das Elendsviertel hier in Tondo ist seit Jahrzehnten die Müllhalde der Millionenmetropole Manila. Die Umweltverschmutzung dehnt sich zunehmend vom Land aufs Wasser aus. Acht Millionen Tonnen Plastikmüll vergiften Jahr für Jahr die Meere dieser Welt.

Charles

„Wir müssen das machen, sonst haben wir zu Hause nichts zu essen.“

Charles

Erste Schwimmübungen

Weil sich im Abfall der reicheren Stadtviertel noch einiges Verwertbares befindet, haben sich kleine Recycling-Läden angesiedelt. Die Ärmsten der Armen gehen hierhin und verdienen sich mit dem Müllsammeln wenigstens ein paar Pesos. Es wirkt, als hätte die Hauptstadt jene Slumhütten an den äußersten Rand gedrängt. Auf Pfählen stehen die Baracken, halb auf den Steinen der Hafenbefestigung und halb im Hafenwasser.

Hier macht Charles zusammen mit den Nachbarkindern seine ersten Schwimmübungen. Die drei Meter zwischen den beiden Pfählen paddelt er wie ein Hund und klammert sich dann an den Holzstamm, der sein Zuhause stützt. Es dauert nicht lange und Charles schafft schon längere Strecken. Nun geht es für den Jungen an die Arbeit. Er will möglichst viel Abfall aus dem Hafenbecken sammeln. Er nimmt Anlauf und platscht ins Wasser. Aufgescheucht gleitet eine Ratte von einer Holzpalette ins schmutzige Nass. Charles kämpft sich durch die Algen und hat schon eine Plastikflasche im Blick. Auf der Wasseroberfläche glänzt eine ölige Schicht, die von den Ozeanschiffen stammt, die in Sichtweite am Hafenkai angelegt haben.

Schwarze Rauchwolken ziehen auf. Einige Burschen haben lange Kabel gefunden und schmelzen mit einem Feuer die wertvollen Metalle aus der Ummantelung. Endlich kann Charles die Plastikflasche ergreifen. Als er mit seiner Beute in der Hand versucht zurückzuschwimmen, geht er für einen Moment unter, schluckt das dreckige Wasser und erreicht schwer atmend das Ufer.

Am Abend des langen Arbeitstages hat er einen großen gelben Sack mit Plastik gefüllt. Er schleppt ihn durch die engen Gassen des Slums. 50 Pesos bekommt er vom Altwarenhändler für seine Tagesarbeit. Mit dem Geld kauft er ein paar Handvoll Reis und läuft nach Hause. „Großmutter, Großmutter, schau mal, was ich verdient habe.“ Charles Großeltern sind stolz und beschämt zugleich.

Pfarrer Reynaldo Daguitera

„Die Kinder müssen auch etwas lernen und sie sollen spielen dürfen.“

Pfarrer Reynaldo Daguitera

„Er ist einer von uns“

Jeden Sonntag kommt Priester Reynaldo Daguitera zum Gottesdienst zu den Familien in den Wasserslums. Besonders die Situation der Kinder berührt ihn. „Wenn ich sehe, wie Charles und seine Freunde im giftigen Wasser nach Müll suchen, bricht es mir das Herz“, sagt er zu der Großmutter. Bei der Messe trägt er sein Priestergewand, wenn er die Familien in den Hütten besucht, einfach Jeans und T-Shirt. „Er ist einer von uns“, sagen die Menschen über ihn.

Pfarrer Reynaldo weiß, seine Predigten sind nur glaubwürdig, wenn die Nächstenliebe in Taten umgesetzt wird. Er will etwas verändern und startet mit einer Essensausgabe für die Kinder. „Doch wir können nicht alle versorgen“, sagt Reynaldo zu seinen Mitarbeitern. „Wir müssen die Mädchen und Buben wiegen. Diejenigen, die Untergewicht haben oder mangelernährt sind, kommen zuerst dran.“

UMWELTFREUNDLICHE PROZESSION

Millionen Katholikinnen und Katholiken ziehen am 9. Jänner barfuß durch die Straßen von Manila. In einer der größten religiösen Prozessionen der Welt geleiten sie den „Schwarzen Nazarener“ durch die Stadt. Spanische Missionare brachten die Christus-Statue im 16. Jahrhundert aus Mexiko mit. Ein Schiffsbrand schwärzte die Statue, daher hat sie ihren Namen. Fünfzehn Stunden dauert die Massenprozession durch die philippinische Hauptstadt. Hunderte Verletzte und 160 Tonnen Müll war die Bilanz im Jahr 2018. Deshalb appellierten die Kirche und Umweltorganisationen heuer verstärkt an die Gläubigen, sich ihrer Schöpfungsverantwortung bewusst zu sein.

In seiner Kirchengemeinde findet Priester Reynaldo einen engagierten Rentner, der für sein Leben gerne kocht. Der 82-jährige Katholik steht früh auf und bereitet ab 6:30 Uhr das Mittagessen für Dutzende Kinder zu. Mit Heißhunger schlagen Charles und die anderen Buben und Mädchen zu. Ein erster Schritt ist vollbracht. „Die Kinder müssen auch etwas lernen und sie sollen spielen dürfen“, sagt Pfarrer Reynaldo zu seinem Team.

Aber allein die große Schultafel vom Gemeindezentrum in den Slum zu transportieren, ist ein Kraftakt. Auf einem Karren holpert das Unterrichtsmaterial über die Hauptverkehrsstraße in die engen Gassen des Slums. Zuerst das Lernen, dann das Vergnügen, so lautet das Motto des Priesters. Also stehen Lesen, Schreiben und Rechnen auf dem Plan. Danach wird gesungen und getanzt. Charles und die anderen Kinder lieben es, dass ihr Priester bei allem mitmacht. Da tanzt er im Rhythmus der Musik mit umgedrehter Baseball-Kappe auf dem Kopf zu dem Pop-Hit „Despacito“. Charles strahlt und singt laut mit.

Wenig später findet er mitten im Müll einen Schatz. Priester Reynaldo starrt den Jungen ungläubig an, schaut auf die abgebrochene Kühlschranktür und versteht nichts. Charles schleppt die Tür zum Hafenbecken und lässt sie ins Wasser. Noch nie im Leben hat der Junge einen Kühlschrank benutzen können, aber er hat verstanden, dass das Styropor-Material die alte Tür in ein Boot verwandeln kann. Stolz wie ein Kapitän paddelt Charles durch das Hafenbecken und sammelt den Müll jetzt auf seinem kleinen Schiff.

Der Traum von Pfarrer Reynaldo

Pfarrer Reynaldo muss schmunzeln, gleichzeitig zeichnen sich Sorgenfalten auf seiner Stirn ab. Es gibt nicht genug Geld, um das Essen regelmäßig auszuteilen. Knapp einen Euro kostet die Verpflegung pro Kind. Ohne Hilfe von außen kann der Priester nicht wirklich etwas ändern und die Kinder nicht aus dem Teufelskreis von Armut und Müll befreien. Er vergrößert den Kreis der Unterstützer und kann die erfahrene Ordensfrau Schwester Mary John Mananzan für die Mitarbeit gewinnen. Sie war schon an vielen Projekten in Tondo beteiligt und will gezielt mit Programmen die Mütter unterstützen.

Ordensschwester und Mädchen

„Die Hütten haben alle keine Toiletten. Alles landet im Wasser des Hafenbeckens.“

Pfarrer Reynaldo Daguitera

Doch Reynaldo muss sich noch mehr einfallen lassen. In der Vergangenheit hatte er bereits für ein kleines Projekt Spenden aus Europa bekommen. In einem Brief berichtet er über die aktuelle Situation in Tondo und über die Familien in Not. Er schreibt von seinem Traum, ein Gemeindezentrum zu bauen. Darin sollen die Kinder tagsüber versorgt werden und gesunde, ausgewogene Ernährung erhalten. Nach dem Frühstück sollen die Kinder mit einem kleinen Bus in die Schule gefahren und später wieder abgeholt werden. Nach dem Mittagessen hätten sie dann im Zentrum Zeit und Platz zum Lernen, Ausruhen und Spielen. Das ist Priester Reynaldos Traum.

„Wir brauchen unbedingt Gelder, um regelmäßiger ärztliche Untersuchungen für die Kinder bezahlen zu können“, sagt er. „Denn die Hütten haben alle keine Toiletten. 2.000 Familien leben hier. Alles landet im Wasser des Hafenbeckens.“ Währenddessen schwimmen Charles und die anderen Kinder in der Kloake und suchen nach Plastik. Mit ein paar leeren Flaschen kommt Charles an Land. „Wir müssen das machen, sonst haben wir zu Hause nichts zu essen“, sagt er in einem bitteren, ernsten Ton. Pfarrer Reynaldo gibt seinen Traum nicht auf. Gemeinsam mit der Kirche im Land tut er alles, damit Charles und seine Freunde eine neue Perspektive bekommen.

MÜLLHALDE SÜDOSTASIEN

Egal ob USA, Deutschland oder Japan – alle schicken ihren Müll nach Asien. Was sich grotesk anhört, ist jedoch seit Jahrzehnten ein gängiger Wirtschaftszweig. Sind Müllverarbeitung und Recycling von Plastik im eigenen Land zu teuer, wird der Abfall um die Welt geschickt. China war lange Zeit führend in diesem Sektor. Seitdem die Volksrepublik den Import von ausländischem Müll verboten hat, werden Staaten wie Malaysia, Indonesien oder die Philippinen damit überschwemmt. Doch diesen Ländern fehlt zu oft die Infrastruktur, um den Abfall tatsächlich verarbeiten zu können. Die Folge: riesige, unkontrollierte Mülldeponien, die eine Gefahr für Menschen und Umwelt darstellen.