Der beste Lehrer der Welt

Er gilt als „bester Lehrer der Welt“. Der Franziskanerbruder Peter Tabichi lebt seinen Beruf mit voller Hingabe. Seine Überzeugung: Bildung in naturwissenschaftlichen Fächern kann das Leben seiner Schülerinnen und Schüler im ländlichen Kenia verändern.

Interview von INES SCHABERGER

allewelt Jänner/Februar 2020

Peter Tabichi unterrichtet Physik und Mathematik in Pwani, Kenia – bis vor Kurzem mit nur einem Laptop, dafür mit umso mehr Kreativität. 80 Prozent seines Gehaltes schenkt er weiter, denn als Franziskaner lebt Peter Tabichi einfach und mit der Schöpfung verbunden. Der 37-Jährige hätte wohl sein Leben lang im Verborgenen weitergewirkt – doch dann erhielt er 2019 den mit einer Million US-Dollar dotierten „Global Teacher Price“ der Verkey-Stiftung für seine innovativen Unterrichtsmethoden und seinen Einsatz.

| Warum sind Sie Lehrer und Ordensmann geworden?

Meine Mutter starb, als ich 11 Jahre alt war. Mein Vater, ein Grundschullehrer, musste mich und meine Geschwister aufziehen und gleichzeitig seinen Lehrverpflichtungen nachkommen. Seine Demut, Belastbarkeit und Großzügigkeit haben mich inspiriert. Ordensmann wurde ich, weil ich mich voll und ganz dem Lehrberuf widmen wollte. Ich betrachte das Unterrichten als einen der edelsten Berufe, und ich bin wirklich stolz darauf, ihm mein Leben zu widmen.

| Vor welchen Herausforderungen stehen die Schülerinnen und Schüler in Ihrer Schule?

Unsere Schule befindet sich in einem abgelegenen Gebiet, das alle drei bis fünf Jahre von schwerer Dürre und Hungersnot heimgesucht wird. Etwa 95 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler stammen aus sehr armen Familien. Nur durch pures Glück können sie zu Hause zu Abend essen oder frühstücken, oft sind sie auf den Frühstücksbrei und das Bohnen-Mais-Mittagessen in der Schule angewiesen. Sie gehen rund drei bis sieben Kilometer zu Fuß in die Schule, auf schlammigen Straßen, die während der Regenzeit unpassierbar werden.

Obwohl es Schulen wie meine schwer haben und auf eine Lehrperson sehr viele Schüler kommen, haben wir dennoch große Erfolge erzielt. Das liegt am Potenzial der jungen Menschen Afrikas – an ihrer Neugierde, ihrer Intelligenz und ihrem Glauben. Das erlebe ich jeden Tag in meinem Klassenzimmer! Obwohl sie in ärmlichen Verhältnissen leben, nehmen meine Schülerinnen und Schüler an internationalen Wissenschaftswettbewerben auf der Weltbühne teil. Ich achte darauf, dass sie sich gegenseitig unterstützen. Leistungsschwächeren gebe ich Einzelunterricht. So verbringe ich fast meine ganze Zeit in der Schule.

| Wie hat sich Ihr Leben und das Ihrer Schülerinnen und Schüler seit der Preisverleihung in Dubai verändert?

Der Preis hat mir eine unglaubliche Öffentlichkeit und Zugang zu hochkarätigen Organisationen auf der ganzen Welt gegeben. Ich bin an mehr Orte gereist und habe mehr Menschen getroffen, als ich mir je hätte vorstellen können. Ich kann mich nun noch stärker für die MINT-Ausbildung (Anm.: die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) einsetzen. Denn Bildung in diesen Bereichen kann den afrikanischen Kontinent und den Rest der Welt verändern.

Vor der Preisverleihung hatten wir nur einen Computer, den wir mit der ganzen Schule teilen mussten, und unsere Schulgebäude waren armselig. Nun wird umgebaut. Ich plane, in ein Computerlabor und eine bessere Internetverbindung zu investieren. Im Umweltbereich setze ich auf die Produktion dürreresistenter Pflanzen. Das Leben der Schülerinnen und Schüler wird sich mit hochwertigeren Einrichtungen an der Schule auf jeden Fall verbessern, was eine enorme Erleichterung ist.

| Welche Auswirkungen hatte die COVID-Pandemie auf die Kinder in der Schule?

Die Pandemie hat die ärmsten Gegenden am härtesten getroffen, nicht nur hier in diesem ländlichen Teil Afrikas, sondern weltweit. Am meisten betroffen macht mich das Wissen, dass die ohnehin schon großen Herausforderungen der Kinder in Krisen- und Kriegsgebieten durch die Coronavirus-Pandemie noch schlimmer wurden. Meine Kollegen und ich haben den Schülerinnen und Schülern Handys mit Internetzugang mitgegeben, ihnen geholfen, lehrreiche Websites zu finden und den Eltern Tipps gegeben, wie sie ihre Kinder zu Hause unterrichten können.

| Was macht Sie glücklich als Lehrer?

Zwei meiner Schülerinnen, Esther Amimo und Salome Njeri, haben ein Messgerät zur Unterstützung von Menschen mit Seh- oder Hörproblemen entwickelt und wurden dafür mit dem UN-Preis für nachhaltige Entwicklungsziele auf der Internationalen Wissenschafts- und Technikmesse (Intel ISEF) ausgezeichnet. Diese fand in den USA statt und ermöglichte es den Mädchen, zum ersten Mal ins Ausland zu fliegen. Nie werde ich den Ausdruck auf ihren Gesichtern vergessen, als wir das Flugzeug bestiegen!

Illustration von Peter Tabichi

© Jessie Kohn

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