Im Bann der Gegensätze

Peru: Das drittgrößte Land Südamerikas ist ein Land der Kontraste. Auf wüstenartige Küsten folgt das vergletscherte Hochgebirge, dahinter beginnt der Amazonas-Regenwald. Ebenso vielfältig sind Perus Kulturen und Traditionen.

Unterwegs mit Katharina Breiner

allewelt November/Dezember 2019

Hoch hinaus

Nach fünf Monaten im tropisch heißen Osten des Nachbarlandes Bolivien erscheinen mir die kühlen Anden um Cusco wie eine neue Welt. Das liegt vor allem an den ungewohnten Höhenlagen. Ich wollte es nicht so richtig glauben, aber das Atmen in über 3.000 Metern Höhe ist wirklich eine große Herausforderung. Plötzliche Kopfschmerzen, Schweißausbrüche und Schwindel sind völlig normale Symptome bei Neuankömmlingen in Peru. Um sie zu bekämpfen, trinkt man am besten Tee aus den Blättern der Kokapflanze, sagen die Einheimischen. Ich stimme ihnen zu, mir ist dieses Getränk schon aus Bolivien vertraut.

Hauptstadt: Lima

Einwohner: 32 Millionen (Schätzungen 2018)

Fläche: 1.285.216 km²

Bevölkerung: Nach Bolivien und Guatemala ist Peru das Land mit dem drittgrößten Anteil an indigener Bevölkerung in Lateinamerika (47% der Menschen sind indigener Abstammung). Die größte Ethnie sind die Quechua. Rund 7 Millionen Menschen in Südamerika sprechen die gleichnamige Sprache. Damit ist Quechua die größte indigene Sprachgruppe des Kontinents.

Religion: Peru ist seit der Kolonialisierung durch die Spanier katholisch geprägt. Bei einer Umfrage im Jahr 2017 bekannten sich 76% der Peruanerinnen und Peruaner zum Katholizismus. Wie in anderen Ländern Südamerikas erfreuen sich auch protestantische und evangelikale Kirchen immer größerer Beliebtheit.

Alles für den Tourismus

Größer noch als der klimatische Schock ist für mich der kulturelle. Schon bei der Ankunft am Flughafen in Cusco, der früheren Königsstadt des Inkareiches, sehe ich überall Werbung für exklusive Restaurants und luxuriöse Mitbringsel aus Alpaka-Wolle. Mir wird klar, dass Tourismus in Peru andere Dimensionen hat als in Bolivien. In den kolonialen Palästen Cuscos befinden sich heute Luxushotels für Touristinnen und Touristen, neben der barocken Jesuitenkirche leuchtet das Logo eines amerikanischen Coffeeshops. An den Straßenecken sitzen Frauen aus den Völkern der Quechua und der Aymara. In ihren bunten Trachten und mit Alpaka-Jungtieren oder Lämmern verdienen sie als „typische“ Fotomotive für die ausländischen Gäste etwas Geld.

3.000 KARTOFFELSORTEN ODER MEHR GIBT ES IN PERU

Seit tausenden Jahren bauen die Menschen in den Anden schon Kartoffeln an. Mit der Eroberung Südamerikas verbreitete sich die Knolle auf der ganzen Welt und ist heute das drittwichtigste Grundnahrungsmittel. In Peru ist die „papa“ ein wichtiger Faktor in der Landwirtschaft. Hunderttausende Familien leben vom Kartoffelanbau und machen das Land zum größten Produzenten Lateinamerikas.

“Soy mas peruano que la papa.”

– „Ich bin peruanischer als die Kartoffel.”

Peruanisches Sprichwort

Uralte Kulturen treffen Katholizismus – Koloniales Erbe

Beim Spaziergang durch Cusco und Arequipa entdecke ich in jeder Straße eine andere koloniale Prachtkirche. Der christliche Glaube ist ein fester Bestandteil des peruanischen Lebens. So wird im Februar zu Ehren der Jungfrau von Candelaria ein riesiges Fest gefeiert, bei dem indigene Bräuche mit der katholischen Tradition verschmelzen. Ganz in Lila gehüllt kommen zehntausende Gläubige in die Hauptstadt Lima zum Fest des „Señor de los Milagros“ (deutsch „Herr der Wunder“), einem der größten katholischen Feste weltweit. Wie in Bolivien ist die Begeisterung für religiöse Prozessionen enorm. Ich weiß, zurück in Österreich werde ich unsere Prozessionen in einem neuen Licht sehen.

Begegnung in Yanque

Die Sonne hat sich gerade gerade erst über die Bergspitzen geschoben. Nach über drei Stunden Fahrt im eiskalten Bus von Perus zweitgrößter Stadt Arequipa tun die wärmenden Strahlen gut. Unter mir breitet sich das Colca-Tal aus. Über eine enge, kurvenreiche Straße schiebt sich der Bus vorwärts. Rechts neben mir, tief unten in einem der tiefsten Canyons der Welt, glitzert der Rio Colca in der Morgensonne. Ich bin beeindruckt von der Schönheit dieser Landschaft, die an mir vorbeizieht. Dann taucht vor uns ein kleiner Ort auf: Yanque.

Das Dorf liegt direkt an der Hauptstraße durch das Colca-Tal und ist ein obligatorischer Stopp für die Touristen. Wir halten am Hauptplatz, wo geschäftiges Treiben herrscht. Kinder in bunten Trachten tanzen den traditionellen Wititi, einen Tanz, der noch aus der Zeit vor der spanischen Eroberung stammt. Ich staune, mit welcher Ernsthaftigkeit die Mädchen und Buben ihre Kultur präsentieren. Fasziniert und gleichzeitig bedrückt beobachte ich ein kleines Mädchen, das nach der Vorstellung ihre Runde unter den Touristen macht, um Geld zu sammeln. Ich stelle fest, dass es wie in vielen anderen Orten in Peru auch in Yanque nicht unbedingt nur der Nationalstolz oder das Traditionsbewusstsein sind, welche die Menschen dazu bringen, ihre wunderschönen Trachten anzuziehen. Vielmehr sind es Armut und Perspektivlosigkeit, die es notwendig machen, die eigene Kultur zu kommerzialisieren. Trotzdem machen diese Menschen meine Reise unvergesslich. Durch sie lerne ich neu, was es bedeutet, mit seiner Heimat verbunden zu sein.

Katharina Breiner

Während ihres sechsmonatigen Volontariats in Bolivien reiste die allewelt-Redakteurin auch ins benachbarte Peru. Sie besuchte beeindruckende historische Orte und einmalige Landschaften.