Der Missio-Lichtblick

Wie Hilfe gelingen kann. Der Nationaldirektor von Missio Österreich über die Lehren eines unvergesslichen Besuchs auf Haiti.

Text: PATER KARL WALLNER

allewelt Mai/Juni 2021

Haiti hat mich geschockt und zugleich tief berührt. Als frisch bestellter Nationaldirektor von Missio Österreich besuchte ich im Februar 2017 das Land. Wenige Monate zuvor hatte Hurrikan Matthew die südwestliche Landzunge erfasst, bis zu 1.000 Menschen waren gestorben, fast 30.000 Häuser zerstört. Und plötzlich erlebte ich das erste Mal hautnah, was es heißt, mitten in einer Katastrophe zu sein. Es gab keinen Strom, keine Infrastruktur. Die Nacht verbrachten wir in einem zerstörten Pfarrhof. Untertags erlebte ich echte Todesangst bei den Fahrten mit dem Bischof über die aufgerissenen und ausgewaschenen Straßen, die steil zum Meer abfallen. Zugleich empfand ich grenzenlose Bewunderung für die Priester dort, die sich aus Blech notdürftig Hütten zusammenzimmerten, um bei den Menschen und ihrer Gemeinde bleiben zu können.

„Wir investieren nicht in Projekte, sondern in konkrete Menschen mit Nächstenliebe. Diesen helfen wir, damit sie anderen helfen können.

Missio-Nationaldirektor Karl Wallner

Ja, Haiti ist kein einfaches Umfeld. Erst Jahrzehnte der Diktatur, dann das grauenhafte Erdbeben, später der Hurrikan. Was in dem Land an Strukturen gegeben ist, haben aber auch wir, also der Westen, durch die Kolonialgeschichte mitverursacht. Gerade nach solchen Katastrophen ist die Spendenbereitschaft groß und Hilfsorganisationen versuchen, das unmittelbare Überleben der Menschen zu sichern. Das ist jedoch nicht unsere Aufgabe als Päpstliche Missionswerke. Unsere Arbeit beginnt danach. Am wichtigsten ist Bildung. Die Schulen, die ich bei meinem Besuch sah, glichen Baracken, mit einfachsten Mitteln improvisiert, damit es zumindest nicht mehr reinregnet. Wenn wir da helfen, helfen wir, den Schwächsten eine Zukunft zu geben. Auch Hunderte Kirchen waren zerstört. Sie wieder aufzubauen gibt den Gemeinschaften ihr Herz zurück. Unsere Aufgabe ist es, zu schauen, dass der Pfarrer dort wieder seinen Kindergarten, seine Schule, seine Krankenstation betreiben kann. So retten wir die Ärmsten vor Ort.

Und was wäre auch die Alternative? Nicht zu helfen? Ich habe auf Haiti atemberaubende Selbstlosigkeit erlebt. Denn eines muss man schon sehen: Ein Priester oder eine Ordensfrau arbeiten eben nicht 38,5 Stunden in der Woche, mit 5 Wochen Urlaub im Jahr. Sie sind sieben Tage die Woche für ihre Gemeinde da. Und sie waren es auch schon vor der Katastrophe. Genau diese Menschen sind unsere Partner vor Ort. Ohne sie ginge gar nichts. Und sie ziehen auch nicht weiter, sobald ein Projekt erledigt ist – ihre Mission währt ein Leben lang. Wir investieren daher nicht in Projekte, sondern in ganz konkrete Menschen, die sich der Nächstenliebe verschrieben haben. Diesen Menschen helfen wir, damit sie wiederum anderen helfen können.

Pater Karl Wallner mit einer Mutter und ihrem Baby

Pater Karl Wallner

besuchte 2017 selbst Haiti. Ziel waren entlegene Gebiete, die ein Hurrikan besonders in Mitleidenschaft gezogen hatte. Dort hilft Missio Österreich kirchlichen Partnern vor Ort beim Wiederaufbau. Zentral sind dabei Schulen und damit Zukunft für die Ärmsten.

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