Unbekannte Schönheit am Indus

Die politische Situation und ethnisch-religiöse Konflikte schrecken Reisende häufig ab. Doch das Land in Südasien birgt viele Schätze: Im Norden treffen die drei höchsten Gebirge unserer Erde aufeinander, im Süden liegt das Arabische Meer. Dazwischen findet man historische Städte, Wüsten und vor allem gastfreundliche Menschen.

Unterwegs mit HANNAH SIEBERTZ

allewelt Juli/August 2020

Gekleidet wie die Sindhi

Auf unserer Reise durch den Südosten Pakistans besuchen wir ein kleines Dorf, in dem vorwiegend Christinnen und Christen leben. Das Leben hier ist sehr einfach, für die gesamte Dorfgemeinschaft gibt es nur eine Toilette. Eine Schule oder andere Dinge des täglichen Bedarfs sucht man hier vergeblich. Viele Kinder und die Frauen des Dorfes begrüßen uns in ihrer traditionellen Kleidung. Vor den tristen, braunen Hütten sehen ihre farbenfrohen Kleider noch bunter aus. Mit Händen und Füßen und meinen paar Brocken Urdu (die Nationalsprache Pakistans) versuche ich den Frauen zu sagen, dass ich ihre Kleidung wunderschön finde. Ehe ich mich versehe, haben sie mich in eine der Hütten gezogen und kleiden mich traditionell ein. Ich bekomme einen Unterrock und ein Tuch umgebunden. Dann werden noch meine Wimpern getuscht und die Haare gerichtet und plötzlich bin ich „eine von ihnen“. Ein Erlebnis, das ich noch lange in Erinnerung behalten werde!

Pakistan auf der Weltkarte

Hauptstadt: Islamabad

Einwohner: 216 Millionen (Schätzungen 2019)

Fläche: 796.095 km²

Bevölkerung: Vor 5.000 Jahren entstand im heutigen Pakistan eine der ältesten Hochkulturen der Welt. Mit der Zeit hinterließen viele Völker wie Perser und Araber ihre Spuren im Land. Der Mix aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen hat eine vielschichtige Gesellschaft geschaffen.

Religion: Der Islam ist eine Staatsreligion in Pakistan und dominiert das gesellschaftliche und politische Leben stark. Angehörige anderer Religionen wie des Hinduismus oder des Christentums werden häufig unterdrückt. Nur etwa 5% der Gesamtbevölkerung bekennen sich nicht zum Islam.

Anders als gedacht

Eine Vorstellung von dem riesigen Land, welches von Region zu Region kulturell so unterschiedlich ist, hatte ich vor der Reise nicht wirklich. In meinem Kopf war jedoch ein eher düsteres Bild vorherrschend. Ich stellte mir düstere Gassen vor, viele komplett verschleierte Frauen und eine gedrückte Stimmung. Aber tatsächlich sehe ich große, bunt geschmückte Lastwägen. Die (zugegebenermaßen) wenigen Frauen, die auf der Straße unterwegs sind, tragen bunte Gewänder und die Geschäfte sind genau so bunt bemalt, wie ich das in anderen asiatischen Städten auch gesehen hatte. Mein Bild von Pakistan ist definitiv kein düsteres mehr.

40 bis 60 Millionen Fußbälle werden jährlich in Pakistan hergestellt.

In der Stadt Sialkot im Nordosten des Landes werden mehr als die Hälfte aller Fußbälle weltweit genäht, die meisten von Hand. Doch neue, schnellere Herstellungsverfahren stellen die Näherinnen und Näher vor große Herausforderungen. Der Profifußball nutzt heute geklebte Bälle.

„Ausgerechnet Fußbälle! In Pakistan interessiert sich kein Mensch für diesen Sport. Wir lieben Cricket.“

Sadia, Näherin in einer Sportartikelfirma

Auf einen Tee

Während wir durch die Dörfer fahren, entdecke ich immer wieder kleine Geschäfte, wo man Tee trinken kann. Sessel oder Ähnliches findet man darin nicht, stattdessen stehen dort eine Art „Betten“ oder hölzerne Gestelle, deren Sitz- bzw. Liegefläche lose gewebt ist. Man nennt diese Betten „Charpai“. Darauf sieht man halb sitzend, halb liegend vorwiegend Herren, die ihren Tee trinken. Tagsüber werden sie oft genützt, um Treffen abzuhalten oder als Ersatz von Sesseln, in der Nacht wird darauf geschlafen. Es ist wegen der Hitze sehr angenehm, auf den Charpais zu schlafen, kühlt es doch den Körper von unten.

Religionen harmonisch vereint

Es ist Samstagnachmittag, wir fahren in das Dorf „Hinter dem Mangobaum“. „Es ist der einzige Mangobaum weit und breit, dahinter liegt das Dorf“, verrät uns der Fahrer. Wir sind zu einem großen Fest eingeladen: 80 neu getaufte Jugendliche und Erwachsene werden heute gefirmt. Die meisten sind vom Hinduismus zum Christentum konvertiert. In den Häusern der Familien hängen Kreuze und Bilder hinduistischer Gottheiten. Die Dorfbewohner empfangen uns mit einer Prozession und vielen Blumen. Auf der Feuerstelle kocht bereits das Reisgericht, welches uns vor der Messe stärken soll. Die Frauen bleiben unter sich, beim Essen und in der Messe. Anstatt des festlichen Weihrauchs entzünden die Menschen hier Räucherstäbchen für die feierliche Messe. Gefeiert wird in der lokalen Sprache Sindhi, doch ich kann zumindest erahnen, an welcher Stelle der Liturgie wir uns gerade befinden.

Nach etwa 2 ½ Stunden sind die 80 Firmlinge gefirmt und die Messe zu Ende. Was jetzt folgt, ist ein Fest: Sogar der Bischof, mit dem wir unterwegs sind, lässt sich zu einem Tanz hinreißen. Was in Österreich die „Agape“ mit Brot und Wein, ist bei dieser Feier eine Süßigkeit. Im Hinduismus heißt sie „Prasad“, eine Art geweihte Speise. Faszinierend, wie die in den Köpfen vorhandene hinduistische Religion hier auf das Christentum übertragen wird und zu einer Einheit verschmilzt! Das war wohl die ungewöhnlichste Firmung, die ich jemals mitgefeiert habe.

Hannah Siebertz

HANNAH SIEBERTZ

Im März durfte der Head of International Projects in die vielfältige Kultur Pakistans eintauchen und wurde von der Buntheit des Landes überrascht.