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Abt Alois Wiesinger OCist

Abt Alois Wiesinger OCist – Mönch und Missionar

Kann man gleichzeitig Mönch und Missionar sein? Können kontemplatives Ordensleben in einem monastischen Kloster und Missionstätigkeit so gelebt werden, dass beides sich fruchtbar entfalten kann?

Abt Alois Wiesinger OCist ist zweifellos einer der bedeutendsten Promotoren des Missionsgedankens im Zisterzienserorden. Der Missionsgedanke, der zu einer – man darf es so nennen – Missionsbewegung im Zisterzienserorden wurde, hat diesen Orden nachhaltig geprägt und zeitweise auch durchgeschüttelt.Heute ist der Zisterzienserorden in aussereuropäischen Gebieten weitaus stärker vertreten als in Europa.

Alois Wiesinger wurde 1885 im oberösterreichischen Magdalenaberg geboren. Er wuchs in bescheidenen, um nicht zu sagen ärmlichen Verhältnissen auf. Mit Unterstützung wohlgesonnener Verwandter und vor allem seines Heimatpfarrers konnte er das nahe Stiftsgymnasium Kremsmünster besuchen. Nach bestandener Matura trat er im Juli 1905 in das Zisterzienserstift Schlierbach ein.

Im Herbst 1906 begann er das Theologiestudium an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Er war Konviktor am Sankt Nicolai Konvikt (heute Collegium Canisianum). Dieses Theologenkonvikt der Jesuiten war mit Studierenden aus vielen Ländern der Weltkirche besetzt. Wichtige Kontakte zu Missionaren oder kirchlichen Oberen in den Missionen wurden sehr oft auch über das Nicolai-Haus der Jesuiten geknüpft. Nach seiner Promotion (1912) war er kurze Zeit Aushilfskaplan und später, bis zu seiner Wahl zum Abt, Professor an der Theologischen Lehranstalt in Heiligenkreuz. Seine wissenschaftliche Arbeit im Bereich der Fundamentaltheologie, aber auch der kirchlichen Soziallehre setzt er bis fast an seinem Lebensende (1955) fort.

1917 wurde Pater Alois Wiesinger – erst 32-jährig – zum Abt des Stiftes Schlierbach gewählt. Von Anfang an bemühte er sich um eine monastische Erneuerung seines Klosters, v. a. um den Abbau mancher josephinischer Relikte (z.B. „Taschengeld“ für Mönche). Rasch galt er auch innerhalb der Österreichischen Zisterzienserkongregation als energischer Reformer, dem man einen wütenden Reformeifer vorwarf und „die krasseste Trappistenobservanz“ unterstellte. Eine gewisse Sympathie zu streng monastischem Ordensleben ist aufgrund enger Kontakte v. a. mit französischen Trappisten nicht von der Hand zu weisen. Eine wichtige Sorge war Wiesinger auch die wirtschaftliche Konsolidierung des Klosters. Die v.a. während der Zwischenkriegszeit angespannte finanzielle Lage des Klosters hatte später auch Auswirkungen auf die ins Auge gefassten Missionsgründungen.

Ein Herzensanliegen Wiesingers war die Mission. Das entscheidende Jahr in der Missionsinitiative der Zisterzienser ist zweifelsohne das Jahr 1925. Am damaligen Generalkapitel legte Abt Wiesinger maßgebende Missionsbeschlüsse vor. Bereits 1920 war er anlässlich der Gründung einer landwirtschaftlichen Fachschule in seinem Kloster Schlierbach auf die Missionsbenediktiner in St. Ottilien (Bayern) aufmerksam geworden. Die folgenden Jahre waren gekennzeichnet von der Suche nach für einen kontemplativen Orden geeigneten Missionsprojekten. Das aussichtsreichste dieser ersten Projekte wurde Wiesinger wiederum von St. Ottilien vermittelt. Der dortige Erzabt Norbert Weber erhielt auf einer Visitationsreise in Südkorea die Einladung des Bischofs von La Paz (Bolivien), August Sieffert, ein Missionsgebiet in seiner Diözese zu übernehmen. Erzabt Weber sah sich personell nicht in der Lage, dieses Angebot anzunehmen und reichte es an Abt Wiesinger weiter. Dieses konkrete Missionsangebot nahm Abt Wiesinger zum Anlass, dem im Oktober 1925 in Rom tagenden Generalkapitel des Ordens die Übernahme von Missionsaufgaben vorzulegen.

Die Missionsdebatte selbst kam – so scheint es – für die Kapitelväter überraschend. Die schon im März 1925 ausgegebene Traktandenliste sah sie nicht vor. Und Abt Wiesinger selbst bereitete die entsprechende Resolution zur Abstimmung vor:

„1. Nach dem Beispiele der heiligen Väter unseres Ordens wünscht das Generalkapitel, dass auch heute in den Missionsländern Zisterzienserklöster errichtet werden.
2. In diesen Klöstern soll ein vollkommenes Mönchsleben geführt werden, d.h. die Mönche sollen nicht einzelne Missionsstationen übernehmen, sondern im Kloster selbst ein liturgisches, monastisches Leben führen, durch Schulen und Landbau Zivilisation verbreiten und so die Arbeit der anderen Missionare vervollständigen.
3. Eine andere Art zu missionieren verbietet das Kapitel.“ (Akten Generalkapitel des Zisterzienserordens 1915 [lat.])
Diese Beschlüsse wurden einmütig vom Generalkapitel gebilligt. Im Engagement in den Missionen sah man die Chance, den Orden wiederzubeleben und über die Grenzen Europas hinaus zu verbreiten.Für Wiesinger war schon die ungeheure Verbreitung des noch sehr jungen Zisterzienserordens am Ende des 11. Jahrhunderts nur möglich aus dem dem Christentum eigenen Streben nach Mitteilung des Glaubens. Mission ist für ihn einerseits Ausdruck eines blühenden religiösen Lebens, andererseits bewirkt und fördert es dieses auch. Und Missionsarbeit verlangt für Wiesinger geradezu nach dem natürlichen Komplement im kontemplativen Ordensleben.

Für Wiesinger genügt es nicht, allein den Katechismus zu lehren, darüber hinaus ist es ein weites Arbeitsfeld, das ganze wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben zu verchristlichen. Einzelne Missionare könnten diese Aufgabe nur unzulänglich bewältigen. Nur Mönchsklöster seien in der Lage eine solche Akkommodation nachhaltig zu leisten. Auf dem Hintergrund seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Katholischen Soziallehre ist Wiesinger auch die ‚wirtschaftliche Erziehung der Völker‘, wie er es nennt, ein besonderes Anliegen. Die Klöster sollen diesbezüglich einfach einen lebendigen Anschauungsunterrichtgeben.
Daneben sind die Mönchsklöster in den Missionen geeignet, einen allgemeinen Beitrag zur Hebung der Bildung zu leisten. Dies soll sich besonders auf die Heranbildung eines autochthonen Klerus positiv auswirken. Schließlich sind es die kontemplativ geprägten Orden, die auch mit ihrem Gebetsdienst das Missionswerk der Kirche unterstützen.

Ein Blick in die Geschichte der monastischen Orden und der Missionen zeigt, dass mit diesem Missionskonzept nichts völlig Neues entworfen wurde. Es ist aber zweifellos die Leistung Wiesingers, relevante Missionsströmungen der Zeit und die „Missionstradition“ des eigenen Ordens sowie der benediktinischen Ordensgeschichte zu einem mit dem zisterziensischen Ordensleben kompatiblen Missionsprogramm verbunden zu haben. So ist etwa die Christianisierung des europäischen Festlandes wesentlich getragen vom Mönchtum. Wesentliche Grundzüge waren aber auch im Beitrag der Zisterzienser an der Missionierung und Kolonisierung des europäischen Ostens im 12. und 13. Jahrhundert vorgebildet. Erst durch die Möglichkeit der Anknüpfung an bereits bestehende Missionstraditionen im Mönchtum allgemein und speziell im eigenen Orden wurden die Kapitelbeschlüsse von 1925 konsensfähig. Ausdrücklich suchen sie diese Rückbindung an die Geschichte, wenn sie mit der Formel „nach dem Beispiele der heiligen Väter unseres Ordens “ eingeleitet werden.

Die Aufruf zur Teilnahme monastischer Orden am Missionswerk der Kirche und der Hinweis auf die Bedeutung von Klöstern als kontemplatives Komplement zu herkömmlicher Missionsarbeit in der Missionsenzyklika Rerum ecclesiaePius‘ XI. schuf quasi auch ein öffentlich-kirchliches Interesse für das Engagement monastischer Orden in den Missionen. Unter dieser Rücksicht stehen die Missionsbeschlüsse von 1925 sogar in der Linie eines von einer starken Missionseuphorie geprägten kirchlichen Zeitgeistes. Die Missionsbeschlüsse waren freilich in ihrer idealen Form, d. h. unter Ausschluss der Übernahme sogenannter Missionsstationen oder Pfarreien, nicht zu realisieren. Schon eine von Abt Wiesinger einberufene und organisierte Missionskonferenz 1926 in St. Ottilien weicht von den ursprünglichen Missionsbeschlüssen ab und gesteht Außenarbeit, wenn auch nicht primär, zu.

Das der Jurisdiktion des Stiftes Wilhering (Oberösterreich) unterstehende Kloster Apolo (Diözese La Paz, Bolivien, gegr. 1928) wurde vom mit Wiesinger eng befreundeten Prior P. Justin Wöhrer geleitet. Wiesinger wollte sogar als Abt resignieren, um selbst auch nach Bolivien zu gehen. Dies wurde ihm vom Generalabt allerdings untersagt. Das Kloster Apolo musste später aufgegeben werden; lediglich das etwas später gegründete Nonnenkloster konnte bestehen bleiben. Die zweite Gründung Spring Bank (Diözese Milwaukee, USA, gegr. 1928) unterstand zunächst Abt Wiesinger als Filiation des Klosters Schlierbach.
Die bedeutendste Niederlassung unter Wiesingers Führung ist zweifellos Jequitibá in Brasilien. Wiesinger reiste im Januar 1939 nach Brasilien, um die Verhandlungen zur Übernahme einer Stiftung für die Gründung des Klosters selbst zu leiten. Möglicherweise ist er dadurch auch einer Verhaftung durch die Nationalsozialisten entgangen. Abt Wiesinger leitete persönlich bis 1946 den Aufbau des Klosters.

Schon seit den zwanziger Jahren bemühte sich Wiesinger auch um eine Klostergründung in Ostasien, wo er Anknüpfungspunkte an das dort bestehende buddhistische Mönchstum sah, aber auch in Südasien. Mit zahlreichen Missionsbischöfen, vor allem aus China und Indien, stand er in brieflichem Kontakt.
Abt Alois Wiesinger war entschiedener Mönch und gleichzeitig ein Eiferer für die Missionen. Aus seinem Bemühen um eine missionarische Öffnung wurde trotz schwieriger Anfänge und Rückschläge ein gemeinsames Anliegen des gesamten Zisterzienserordens. Die visionären Ideen fanden nicht zuletzt Eingang in die Erklärung des Generalkapitels über die wesentlichen Elemente des heutigen Zisterzienserlebens von 1968 und in die Beschlüsse des Generalkapitels von 1969, wo es mit Blick auf das Dekret des II. Vatikanischen Konzils über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes heißt:
„Deshalb:

1. anerkennt das Generalkapitel die Arbeit der Missionsklöster als wichtige Aufgabe, die uns von der Kirche inständig aufgetragen ist und die mit dem klösterlichen Leben sowohl in seiner kontemplativen als auch aktiven Form gut harmonieren kann;
2. betrachtet es das Missionswerk in Äthiopien, Vietnam, Brasilien und in Bolivien als Anliegen des Gesamtordens.”
Abt Wiesinger hatte ein visionäres Programm, das versuchte missionarisches Engagement und monastisches Ordensleben fruchtbar zu verbinden. Es setzte auf die beispielhafte Ausstrahlungskraft der Klöster und nicht so sehr auf direkte aktive missionarische Arbeit. Man könnte es so zusammenfassen: Mission durch Präsenz, christliches Zeugnis durch das Beispiel.

Linktipp:
http://www.zisterzienserlexikon.de/wiki/Wiesinger,_Alois

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