Wie der Phönix aus der Asche

Nur mühsam findet man die kleine Insel Nkombo im Süden von Ruanda auf der Landkarte. Kleine Holzboote sind das einzige Transportmittel zwischen der Insel und dem Festland. 2008 zerstörte ein Erdbeben Nkombo fast vollständig. Doch die Menschen gaben nicht auf: Sie bauten ihre Häuser neu und loben Gott.

Unterwegs mit JUTTA BECKER

allewelt März/April 2021

Erdbeben 2008

Ein – laut Medien – moderates Erdbeben mit einer Magnitude von 5,9 erschüttert im Februar 2008 die Diözese Cyangugu im Süden von Ruanda an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Es ist 7:34 Uhr. Viele Menschen feiern gerade die Sonntagsmesse. Das Erdbeben fordert an diesem Tag 25 Todesopfer. In der Pfarre Nkanka drängen die Menschen in Panik aus dem großen Eingangstor der Kirche. Herabstürzende Steine erschlagen dabei zehn Personen. Über 450 Menschen in der Region werden verletzt, einige schwer.

Erst einen Tag später wird das Ausmaß der Katastrophe langsam sichtbar. Ein Ausmaß, das die Weltpresse nie erreicht. Viele Kirchen, Pfarrhäuser und Gesundheitszentren weisen irreparable Schäden auf. Schulgebäude sind völlig zusammengestürzt. Auch die Insel Nkombo im Kivu-See ist ein einziges Trümmerfeld. Auf die Frage „Wie konnte Gott das zulassen, die Menschen waren doch in der Kirche?” lächelt ein Priester und zeigt auf die zerstörten Klassenzimmer: Zum Glück war Sonntag und die 1.000 Kinder nicht in der Schule.

Ruanda Weltkarte

Insel: Nkombo

Einwohner: 20.000

Fläche: 22 km²

Bevölkerung: Viele Bewohnerinnen und Bewohner leben vom Fischfang im Kivu-See. Landwirtschaftliche Anbauflächen gibt es kaum, was die kinderreichen Familien und vor allem alleinstehende Frauen vor große Herausforderungen bei der Nahrungsbeschaffung stellt.

Religion: Rund 60% der Inselbevölkerung sind katholisch. Doch obwohl das Christentum sehr stark präsent ist, beeinflusst der Aberglaube nach wie vor den Alltag vieler Menschen.

Mütter des Lichts

Durch die verminderten Fischbestände im Kivu-See ist die Fischerei nicht mehr lukrativ. Viele Männer verlassen deshalb die Insel, um im Nachbarland Kongo Arbeit zu suchen. Für die Frauen von Nkombo bedeutet das oft große Schwierigkeiten, müssen sie doch plötzlich allein die Familie versorgen. Kleine Gebetstreffen stärken und ermutigen die Mütter in ihren täglichen Herausforderungen. Mit Unterstützung der Caritas lernen sie außerdem, wie sie Ziegen, Kaninchen und Hühner züchten, um so die Nahrungssituation ihrer Familien zu verbessern. Die Verteilung von Ziegen ist für alle auf der Insel eine unbeschreibliche Freude.

900 MENSCHEN LEBEN AUF EINEM QUADRATKILOMETER

Die Insel Nkombo ist dicht bevölkert. 909 Menschen leben auf einem Quadratkilometer. Durch die damit verbundenen sehr begrenzten Anbauflächen, gibt es keine ausreichende Ernährungssicherheit. Der Kivu-See ist zwar fischreich, aber es gibt nicht mehr viele Fische, so dass viele junge Leute weggehen, um anderswo nach einem Einkommen zu suchen.

„Wenn wir mit schwierigen Situationen in unserem Leben konfrontiert werden, sollten wir immer lernen, die Hoffnung zu bewahren, denn für Gott ist nichts unmöglich: Nkombo ist ein Beispiel dafür.“

Abbé Théogène Ngoboka, Caritas-Direktor in Cyangugu, Ruanda

Der Priester und die Jugend

Vor einigen Jahren mussten die Priester auf den wackeligen, kleinen Holzbooten nach Nkombo übersetzen. Heute gibt es auf der Insel eine eigene Pfarre, die viel zur ihrer Entwicklung nach dem Erdbeben beigetragen hat: Nachdem Wohnhäuser und Schulen wieder aufgebaut waren, baute die Pfarrgemeinde eine eigene Pfarrkirche. 2019 weihte der Diözesanbischof eine neue Kapelle und die ganze Insel feierte diesen Tag. Bei der Heiligen Messe las der junge Diakon Théogène Niyongira aus dem Evangelium. Ein Jahr später feierte er hier seine Primiz. Er ist der fünfte Priester von hier.

Spiel der Hoffnung

Ich kann mich genau an meinen ersten Besuch auf der Insel Nkombo im Jahr 2008 erinnern. Die Sonne schien und die Überfahrt vom Festland war fast ein wenig romantisch. Ein frischer Wind wehte über den See und Fischerboote fuhren an uns vorbei. Am Ufer wartete eine Delegation auf uns, unzählige Kinder kamen angelaufen. Wir gingen gemeinsam den staubigen, steilen Weg vom Seeufer hinauf zu den Schulen, besser gesagt zu dem, was von ihnen übrig geblieben war nach dem Erdbeben. Überall zerstörte Lehmhäuser und daneben kleine Blechverschläge, in denen die Menschen jetzt wohnten.

Und dann stand ich neben einer Zeltkonstruktion für eine Schulklasse. Ein Stein neben dem anderen und auf dem Rest einer Mauer saßen die Kinder, dies war einmal ihre Schule gewesen. Mir standen die Tränen in den Augen. Mitten in dieser Zerstörung kam ein Junge mit einem alten Volleyball auf uns zu. Mitten im Nichts war da plötzlich ein Spielfeld und ein altes Volleyballnetz. In Sekunden bildeten sich zwei Teams und ich durfte den ersten Aufschlag geben. Der Volleyball pfiff über das Netz und die Hände reckten sich zum Ball und weiter zum Himmel. Welche Hoffnung! Heute stehen hier nicht nur moderne Schulgebäude, sondern es gibt eine Kirche, ein Gesundheitszentrum und einen Pfarrhof und die Kinder jubeln beim jährlichen Jugendforum. Gott ist groß!

Jutta Becker

JUTTA BECKER

Seit 12 Jahren reist sie regelmäßig nach Afrika. Über WhatsApp ist sie mit Priestern, Bischöfen und Ordensleuten das ganze Jahr in Kontakt.

Print Friendly, PDF & Email