Steiniger Weg zum Frieden

Wenn, dann sind sie negativ: Schlagzeilen über das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Die Berichte der letzten Monate stellen Nigeria in kein gutes Licht. Entführungen und Ermordungen stehen auf der Tagesordnung. Besonders Christinnen und Christen sind das Ziel von Anschlägen. Laut Pfarrer Jacob Osondu Nwabor beeinflussen mangelnde Dialogbereitschaft und Korruption die andauernden Konflikte maßgeblich.

Interview von KATHARINA BREINER

allewelt März/April 2020

Seit 16 Jahren wirkt Jacob Osondu Nwabor schon in Österreich. Gemeinsam mit einem Kaplan aus Tansania betreut der Nigerianer sechs Pfarren im niederösterreichischen Weinviertel und ist als Dechant für 20 weitere Pfarren da. Regelmäßig besucht er seine Heimat. Nach seiner letzten Reise zeichnet er ein durchwachsenes Bild vom Land und erklärt, warum Wasser eine wichtige Rolle in den Konflikten spielt.

| Die Medien berichten in den letzten Monaten viel Negatives aus Ihrem Heimatland. Wie schlimm ist die Situation tatsächlich?

Die Lage ist angespannt, das spürt man überall. Die Menschen haben große Angst, denn sie wissen nicht, was morgen kommt. Wenn sie auf den Markt gehen, dann immer in dem Bewusstsein, dass sie möglicherweise nicht mehr nach Hause zurückkehren, weil sie unterwegs getötet oder entführt werden könnten. Vor allem die Christinnen und Christen leiden sehr darunter. Besonders, weil sie keine Hilfe von staatlicher Seite erhalten.

| Welche Maßnahmen gibt es denn überhaupt, um die Lage zu beruhigen oder die Bevölkerung zu schützen?

Die Regierung sagt, sie tue sehr viel für den Frieden, aber die Realität sieht anders aus. Ein Priester aus einer betroffenen Region meinte erst kürzlich, dass jeden Tag Christinnen und Christen ermordet werden und der Staat schaue einfach zu. Security-Einheiten aus Polizei und Militär kontrollieren auf allen Straßen die Fahrzeuge. Doch ich habe erlebt, dass sie nicht nur kontrollieren, sondern auch kassieren. Ein einfacher Busfahrer, der nur Passagiere von A nach B transportieren will, muss zahlen, damit er weiterfahren darf. Korruption ist leider allgegenwärtig. Fragen zu stellen oder gar Kritik zu üben, kann schnell tödlich enden.

| Was sind die Auslöser dieser Spannungen?

Der Norden Nigerias ist muslimisch geprägt, der Süden hingegen christlich. Das ist grundsätzlich kein Problem. Immer schon gab es sowohl christliche Gemeinden im Norden als auch Muslime im Süden. Sie sind Teil der Gesellschaft, sprechen die lokalen Sprachen und gehen ihrer normalen Arbeit nach. Es wird kein Unterschied zwischen den Religionen gemacht. Leider ist das friedliche Zusammenleben seit 2015 zunehmend gefährdet. Zum einen verbreiten islamistische Gruppen wie Boko Haram in Nordnigeria viel Leid und Schrecken. Sie sind absolut nicht bereit zum Dialog, sie wollen nur das Christentum weghaben.

Es herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst. Außerdem gibt es große Bewegungen im Land, die die angespannte Lage noch verschärfen. Angehörige des Nomadenvolks der Hausa-Fulani ziehen vermehrt mit ihren Rinderherden vom Norden in die südlichen Regionen Nigerias. Sie hoffen, dass sie dort mehr Wasser finden für sich und ihr Vieh. Auf ihren Wanderungen gehen sie mitten durch die Felder der ansässigen Bauern und zerstören so die Ernte. Die Bauern beschweren sich darüber, aber die bewaffneten Hirten lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie erschießen ihre Kritiker einfach. Das sind nur zwei von mehreren Einflussfaktoren der Krise.

| Wie sieht es generell mit der Wasserversorgung im Land aus?

Als ich nach Österreich kam, war das etwas ganz besonderes, einfach den Wasserhahn aufzudrehen und sofort sauberes Wasser zu bekommen. In Nigeria ist die Situation eine völlig andere: Unzählige Ortschaften haben keinen Zugang zu Wasser, geschweige denn zu sauberem. Deshalb habe ich zum Beispiel in meinem Heimatdorf einen Brunnen bauen lassen. Viele meiner Landsleute, die auch im Ausland leben, fördern solche Projekte zur besseren Wasserversorgung.

| Was tut die Kirche in dieser schwierigen Lage?

Die Rolle der Kirche ist keine einfache. Einerseits ist sie direkt betroffen von den Konflikten: Sie gehört zu den Angegriffenen. Sie muss vorsichtig sein, wie und wo sie sich äußert. Zu oft werden Kirchen in Brand gesteckt oder Priester entführt. Andererseits fungiert die Kirche als Anlaufstelle für die Menschen. In der Sonntagsmesse beten und singen Frauen, Männer und Kinder gemeinsam. Sie versuchen, auf diese Art ihre großen Ängste zu vergessen und ihre Traumata aufzuarbeiten. Die Kirche hilft, wo sie kann, damit die Menschen Hoffnung haben. Ohne kirchlichen Einsatz gäbe es in vielen Regionen beispielsweise keine Schulen oder Krankenhäuser. Diese Einrichtungen arbeiten trotz der Unruhen, damit das Leben nicht stillsteht.

Jacob Osondu Nwabor