Im Glauben unterwegs

Nigeria: Nachrichten von Terroranschlägen und Entführungen prägen das Image des bevölkerungsreichsten Staats auf dem afrikanischen Kontinent. Das Vorarlberger Ehepaar Ölz hat auf seinen zahlreichen Besuchen im Land die Menschen als gastfreundlich, traditionsverbunden und mit großer Glaubensfreude erlebt.

Unterwegs mit MARIANNE und HUGO ÖLZ

allewelt Jänner/Februar 2021

Auf der Suche nach Zukunft

Wir stärken uns mit Egusi-Suppe, Kassava und Spiegelei am Straßenrand. Ein Taxi hält und wir zwängen uns zu den anderen Fahrgästen. Der Fahrer bittet uns, die Tür zuzuhalten, denn eigentlich ist das Fahrzeug nur für neun Personen zugelassen und aktuell befinden sich 14 Personen auf den Sitzen. Doch das ist alles ganz normal hier im Südosten Nigerias. Über 70-mal war ich, Hugo, bisher in Enugu und kenne die Stadt gut. Hier auf den ausgedehnten Hügeln im Südosten Nigerias wurde in der Kolonialzeit Kohle abgebaut. Bis heute kommen viele junge Leute aus entlegenen Dörfern nach Enugu in der Hoffnung auf Arbeit und einen besseren Lebensunterhalt. Deshalb haben wir hier in der Stadt ein Berufsausbildungszentrum aufgebaut. Junge Frauen und Männer bekommen hier eine handwerkliche Ausbildung, mit der sie später ein sicheres Einkommen haben.

Nigeria Weltkarte

Hauptstadt: Abuja

Einwohner: 216 Millionen (Schätzungen 2019)

Fläche: 923.768 km²

Bevölkerung: Über 250 verschiedene ethnische Gruppen mit mehr als doppelt so vielen unterschiedlichen Sprachen leben in Nigeria. Die größten und bekanntesten Gruppen sind die Hausa-Fulani, Yoruba und Igbo. Ihre gleichnamigen Sprachen fungieren auch als Verkehrssprachen im ganzen Land. 

Religion: Nigerias religiöse Landschaft wird geprägt von Islam, Christentum und traditionellen Naturreligionen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung bekennt sich zum muslimischen Glauben, rund 45 % zum Christentum. Seit einigen Jahren wird das Land von islamistischen Gruppen und verschiedenen religiösen Konflikten erschüttert. 

Christentum trifft Tradition

Auf einer unserer Reisen begleitete uns Pfarrer Fritz aus Deutschland. Seine Pfarrgemeinde engagiert sich sehr für Hilfsprojekte in Afrika und er wollte unbedingt einmal direkt mit Menschen vor Ort in Kontakt kommen. An einem Sonntag waren wir zur Heimatprimiz eines nigerianischen Neupriesters eingeladen, den Pfarrer Fritz jahrelang finanziell unterstützt hatte. Die Dorfältesten wurden gebeten, das Fest mit einem Gebet zu eröffnen. Sie begannen zu beten: Zur Sonne, zum Regen etc. Zum Schluss antwortete die ganze Festgemeinde: „Durch Christus unseren Herrn!“ Da das Christentum erst vor 100 Jahren in diese Gegend kam, leben vor allem die Älteren oft einen Synkretismus aus traditionellen Religionen und dem christlichen Glauben.

50 ZWILLINGSPÄRCHEN PRO 1.000 GEBURTEN

In Igbo-Ora, im Südwesten Nigerias, werden – laut Statistiken – die meisten Zwillinge im weltweiten Vergleich geboren. „Stadt der Zwillinge“ nennen die Menschen ihre Stadt. Seit zwei Jahren feiern sie die Zwillinge sogar mit einem eigenen Festival. Warum es gerade dort so viele Mehrlingsgeburten gibt, ist nicht eindeutig nachgewiesen.

„Wenn es in einer Familie immer schon Mehrlingsgeburten gab, dann wird das von Generation zu Generation weitergegeben.“

Akin Odukogbe, Gynäkologe

Gelebter Glaube

Die Menschen in Nigeria sind sehr religiös, Glaube und Alltag leben sie nicht voneinander getrennt. Das haben wir schon gespürt, als wir das Land zum ersten Mal besuchten. Beim ersten Aufenthalt in Enugu hatte der Nigerianische Rundfunk Hugo in eine Live-Sendung eingeladen, wo die Moderatoren mehr über unser Vorhaben in ihrer Stadt erfahren wollten. Bevor wir auf Sendung gingen, eröffnete der Leiter das Gespräch mit einem Gebet zum Heiligen Geist. Ein prägendes Erlebnis und bezeichnend dafür, wie die Nigerianerinnen und Nigerianer mit dem Glauben umgehen

Ein Fest für die Liebe

Im 50. Jahr unserer Ehe lud uns Bischof Callistus Onaga ein, unsere Goldene Hochzeit in Enugu zu feiern. In Nigeria werden die Feste groß und lange gefeiert. Sie sollen den Menschen wieder Kraft für ihr häufig entbehrungsreiches Leben bringen. Alle Gäste tragen ihre schönsten traditionellen Gewänder – oft ihr einziger Besitz. Ein großes Orchester mit vielen selbstgemachten Instrumenten eröffnet den Gottesdienst, etwa 60 Priester tanzen zum Volksaltar. Der Chor animiert die Gemeinde begeistert zum Mitsingen. Dann nähern sich von allen Seiten tanzend gleich gekleidete Gruppen: Kinder, Frauen und Männer. Wir spüren: Hier geht es um nichts Geringeres als um die Liebe Gottes zu uns Menschen, und das Sakrament der Ehe ist ein Abbild dieser Liebe.

Die Festmesse dauert mehrere Stunden, dann wird eine mehrstöckige Hochzeitstorte aufgestellt. Jetzt sind alle Blicke auf uns gerichtet: Wie ist es möglich, 50 Ehejahre zu schaffen? Uns wird ein Mikrofon in die Hand gedrückt und etwas
überrascht teilen wir drei Dinge, die unsere Liebe über die Jahre gestärkt haben: „Ein positiver Blick und den anderen anzunehmen, wie er oder sie ist, das sind zwei wichtige Elemente für eine funktionierende Ehe. Und ganz wichtig – man muss immer wieder verzeihen.“ Freudig reagieren die Menschen auf diese Worte. Wir merken, dass die Botschaft der Liebe für alle Kulturen ein Geschenk ist.

Marianne und Hugo Ölz mit Pater Karl Wallner

MARIANNE UND HUGO ÖLZ

Das Ehepaar aus Hohenems reist seit 20 Jahren regelmäßig nach Nigeria. Im Oktober erhielt Hugo den Austria.On.Mission-Award für seinen Einsatz vor Ort.