Kinderarbeit in den Ziegelfabriken

Tausende Männer, Frauen und Kinder arbeiten in den vielen Ziegelfabriken von Nepal für einen Hungerlohn. Sie müssen alles tun, um das Notwendigste für ihre Familie zu haben. Die lokale Hilfsorganisation CDO Nepal begleitet Menschen in den Ziegelfabriken und bietet konkrete Unterstützung an. Vor allem den Kindern in den Fabriken.

Interview von MARKUS ANDORF und LENA HALLWIRTH

Die Arbeitsbedingungen in Ziegelfabriken sind katastrophal, die gesundheitlichen Schäden, die entstehen, in vielen Fällen irreparabel. Arati Basnet, Mitbegründerin und Direktorin der Hilfsorganisation CDO Nepal, setzt sich seit 2005 für die Arbeitenden in mittlerweile 18 Ziegelfabriken Nepals ein. Der wichtigste Schlüssel, damit eine gute Zukunft möglich wird, ist für sie Bildung.

1 | Wie genau ist die Situation für die Menschen in den Ziegelfabriken Nepals?

Die Männer, Frauen und Kinder arbeiten pro Tag 16 bis 17 Stunden und bekommen dafür acht bis neun Euro. Die Arbeit ist hart, der Staub und die schlechte Luft machen den Menschen zu schaffen. Die körperliche Anstrengung schwächt die Menschen, Erholung gibt es nicht. In den sechs Monaten, in denen sie pro Jahr in den Ziegelfabriken arbeiten, leben die Menschen in selbst gebauten Behausungen am Gelände der Ziegelfabriken. In vielen Fällen zu siebt auf etwas mehr als zwei Quadratmetern. Fenster oder Türen gibt es keine.

2 | Welche Auswirkungen haben die Arbeitsbedingungen auf die Menschen?

Der Staub und die große Luftverschmutzung in den Ziegelfariken ist der Grund für gesundheitliche Schäden, wie Atemwegserkrankungen oder Lungenkrebs. Viele schwangere Frauen in den Ziegelfabriken haben Fehlgeburten. Die hygienische Situation ist schlecht, für Medikamente ist meist kein Geld da. Die Menschen sammeln in zwei Meter tiefen Löchern notdürftig Wasser.

3 | Wie kann den vielen Kindern, die in den Ziegelfabriken leben und arbeiten müssen, geholfen werden?

Unsere Hilfsorganisation CDO hat ein Programm entwickelt, um den Kindern von Ziegelarbeitern gezielt zu helfen. Kinder müssen ausreichend mit nährstoffreichen Lebensmitteln versorgt werden und sie brauchen Bildung. Die Familien bekommen Unterstützung, sodass die Kinder in Tagesbetreuungszentren begleitet und unterrichtet werden können. Bildung ist der Schlüssel, um die Situation der Kinder zu verändern.

4 | Warum ist diese harte und gesundheitsschädigende Arbeit für viele dennoch die einzige Möglichkeit, ihre Familie zu versorgen?

Im Bürgerkrieg in Nepal zwischen 1996 und 2006 sind viele Männer gestorben. Für deren Frauen gab es danach kaum eine Perspektive. CDO will Frauen stärken, damit sie ins Leben zurückfinden. Durch das große Erdbeben im Jahr 2015 wurde im Land zudem vieles zerstört. Es braucht Entwicklung von Infrastruktur, Maßnahmen zur Förderung von Bildung und Gesundheitsstationen, die für die Menschen auch wirklich erreichbar sind. Seit 2015 konnten wir bereits zwei neue Gesundheitsstationen bauen. CDO hat Einrichtungen zur Verfügung gestellt wie auch Solarzellen, da es in den Dörfern kein Licht gibt.

5 | Unter den Ziegelarbeiterinnen und -arbeitern Nepals ist Aberglaube weit verbreitet. Wie wirkt sich das auf Frauen und ihre Kinder aus?

Gerade junge Mütter sind sehr beeinflusst von einem tief verwurzelten Aberglauben. Einige von ihnen trinken beispielsweise den lokalen Alkohol, weil sie glauben, dass sie dann mehr Muttermilch für ihre Säuglinge haben. Das ist aus Sicht der Frauen notwendig, damit die Kinder weniger schreien und sie mehr arbeiten können. Viele Frauen nehmen außerdem keine Eisentabletten, weil sie nach Blut riechen und sie diese deshalb für schädlich halten.

6 | Wie sieht das Empowerment von Frauen oder Müttern in der Realität aus?

Wir begleiten die Frauen, nehmen ihnen manchen Aberglauben und haben in vielen Fällen Erfolg dabei, aber es bleibt ein langer Weg. Oft bringen wir hochschwangere Frauen aus abgelegenen Dörfern in Krankenhäuser. Sonst würden sie in ihren Häusern unter schwierigen hygienischen Bedingungen gebären. Die Gesundheitsstationen wollen wir bewusst nachhaltig gestalten. Frauen sollen so begleitet werden, dass sie selbstständig mit ihren Kindern in die Zukunft gehen können.

7 | Vor allem nachhaltig soll die Begleitung der Menschen sein. Wie kann das auch weiterhin gelingen?

2007 haben wir mit Programmen begonnen, um Kinder in den Ziegelfabriken zu begleiten. Das gelingt uns mittlerweile in sechs Fabriken. Wir sind dankbar, in der Missio-Familie Unterstützung zu bekommen. Einige der Kinder sind mittlerweile als Lehrerinnen oder Lehrer oder in der Buchhaltung tätig. Diese Begleitung ist die einzige Brücke von den Ziegelfabriken in die Schule.