Nadel und Faden für ein besseres Leben

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Nadel und Faden für ein besseres Leben

Tausende flüchteten vor der brutalen Verfolgung durch das Militärregime aus ganz Myanmar in die Kleinstadt Kawthaung im äußersten Süden des Landes. Hier fristen viele ein Leben in der Illegalität und werden leicht Opfer von Menschenhändlern. Schwester Rita Phyo versucht junge Frauen vor diesem Schicksal zu schützen.

1 | Wie sind Sie auf das Thema Menschenhandel aufmerksam geworden?

Als meine Mitschwestern und ich nach Kawthaung kamen, haben wir begonnen, die Kinder der vielen Migranten zu unterrichten. Wenn wir gefragt haben, wo ihre Eltern sind, bekamen wir immer dieselbe Antwort: ‚Meine Eltern sind in Thailand.” Oder sie haben vom Tod ihrer Eltern und Geschwister erzählt. Wir haben so viele traurige Geschichten gehört. Wir mussten etwas gegen den Menschenhandel tun.

2 | Wie gehen die Menschenhändler vor?

Hier in Kawthaung gibt es nur wenig und sehr schlecht bezahlte Arbeit. Es reicht kaum zum Überleben. Jugendliche werden mit Versprechen von hohen Löhnen nach Thailand gelockt. In der Hoffnung auf einen Job in der Fischerei oder als Hausmädchen fahren sie mit dem Boot über die Grenze. Dort müssen sie für wenig Geld sehr hart arbeiten. Nach einiger Zeit bekommen manche angeboten, in Hotels oder Bars zu arbeiten. Ihnen wird gesagt, dass sie damit zehnmal so viel verdienen könnten – Geld, das ihre Familien in Myanmar dringend brauchen. Ihre finanzielle Notsituation wird ausgenützt und sie beginnen als Prostituierte zu arbeiten.

3 | Wie schaffen sie es, sich aus dieser Zwangslage zu befreien?

Viele Prostituierte werden mit HIV oder anderen Krankheiten infiziert. Sie kommen meist erst nach Myanmar zurück, wenn die Krankheit bereits ausgebrochen ist. Ohne Behandlung sind das Todesurteile. HIV ist ein Tabu. Betroffene werden von Nachbarn und sogar der eigenen Familie gemieden. Die HIV-Rate in Kawthaung ist sehr hoch, doch aus Angst vor dem Stigma lassen sich viele nicht testen.

4 | Wie helfen Sie den Betroffenen?

In unserer HIV-Beratungsstelle hören wir den Frauen zu. Oft haben sie traumatische Erfahrungen gemacht, sind hoffnungslos und wollen nicht mehr leben. Viele haben kleine Kinder, die sehr unter der Situation leiden. Mit der Hilfe professioneller Beraterinnen klären wir sie über die Krankheit auf und zeigen ihnen, wie sie damit leben können. In unserer Klinik bekommen sie eine medizinische Grundversorgung. Wir versuchen, ihnen wieder Hoffnung zu geben.

5 | Wie können Jugendliche vor Menschenhändlern geschützt werden?

Unser wichtigstes Ziel ist es, jungen Frauen hier in Myanmar eine Perspektive zu bieten. Bei uns können sie eine Ausbildung zur Näherin machen. Zum Abschluss schenken wir jedem Mädchen eine Nähmaschine, damit können sie selbstständig oder in unserer Werkstätte arbeiten. Hier nähen sie Schuluniformen für alle Vorschulen unserer Kongregation und bunte Taschen, die wir verkaufen. So haben die Mädchen ein Einkommen. In den Nähkursen versuchen wir auch, ihnen die Folgen der Arbeit in Thailand klar zu machen.

6 | Wie machen Sie das?

Immer wieder laden wir Frauen ein, die Opfer des Menschenhandels wurden. Sie erzählen von den Arbeitsbedingungen in Thailand und wie es ihnen heute geht. Die Jugendlichen wissen oft nicht, in welche Gefahr sie sich begeben, wenn sie ein vermeintliches Jobangebot in Thailand annehmen. Auch über Glaubensfragen diskutieren wir in den Nähkursen.

7 | Welche Rolle spielt der Glaube im Leben der Jugendlichen?

Die meisten von ihnen sind Buddhisten und Muslime, es leben nur wenige Christen in Kawthaung. Anfangs waren sie es nicht gewohnt, sich über ihren Glauben Gedanken zu machen. Gemeinsam reden wir darüber, was ein gutes Leben ausmacht. Mit der Zeit haben sie verstanden, dass sie ein glücklicheres Leben führen können, wenn sie großzügig sind, für andere da sind und einander lieben.

2018-10-20T10:58:48+00:00