Im Fadenkreuz

Mit immer brutaleren Mitteln geht das Militär in Myanmar gegen den Volksaufstand vor. Umso mutiger ist die Solidarität der christlichen Minderheit mit den Protestierenden. Besonders ein katholischer Frauenorden wächst dabei über sich hinaus.

Von Christoph Lehermayr

Gerade als Ordensschwester Marta mit Missio Österreich schreibt, fallen draußen Schüsse. Menschen schreien. Blendgranaten detonieren. Militär und Polizei rücken vor. Was folgt, sind Stunden der Angst und des Hoffens, aber auch Augenblicke der Barmherzigkeit und der Solidarität. Wieder einmal.

Myanmar erlebt dunkle Tage. Seit dem Putsch des Militärs am 1. Februar und der Inhaftierung der rechtmäßig gewählten Regierung (Missio berichtete), steht das Schicksal des südostasiatischen Landes auf der Kippe. Mochten die Generäle anfangs noch gehofft haben, der breite Widerstand gegen den Staatsstreich würde rasch in sich zusammensacken, so trat das Gegenteil ein. Als bald Hunderttausende Tag für Tag auf den Straßen waren, änderten die Militärs ihre Strategie – und setzen seither auf Gewalt.

Erschossen mit 16

Einer der ersten im Land, der das mit seinem Leben bezahlte, war 36, verheiratet und Vater eines Sohnes: Ko Min Min, getroffen am helllichten Tag, auf offener Straße, in Mandalay, als die Polizei in die Menge schoss, um den Protest aufzulösen. Nun stehen die Schwestern in ihren weißen Ordensgewändern vor einem Sarg aus Plexiglas. Aus ihm blinkt es wechselnd in Blau, Gelb, Rot und Grün. Im Sarg liegt das Hemd des Getöteten. Vor ihm ist sein Foto eingerahmt. Die Schwestern halten Kerzen. Erst singen sie, dann folgt ein Gebet, später ziehen sie weiter. In die Hütte der nächsten Familie, die einen Toten beklagt: Wai Yan Htun. Er, gerade einmal 16 Jahre alt, barg Verletzte, als ihn der Schuss traf.

„Unsere Mission ist die Liebe“

Es sind Martas Mitschwestern, die die Toten-Andacht halten und damit mehr als nur ein Zeichen setzen. Sie alle gehören dem katholischen Orden der Schwestern des heiligen Joseph von der Erscheinung an. „Wir waren bewegt vom Mitgefühl und traurig über die Tötung jener, die anderer Menschen Leben retten wollen“, erklärt Marta. Missio hat ihren Namen geändert, um sie in dieser kritischen Lage nicht zusätzlich zu gefährden und einen offenen Austausch möglich zu machen.

Denn von Anfang an sind Christinnen und Christen, die etwa sechs Prozent der 54 Millionen Menschen in Myanmar ausmachen, Teil des Protests (Missio berichtete). „Wir Schwestern entschlossen uns, die Angehörigen der Getöteten aufzusuchen, um ihr Leid durch unsere Nähe ein wenig zu lindern. Unser Gebet ist wichtig für sie, obwohl sie selbst Buddhisten sind. So zeigen wir unsere Solidarität und auch, dass wir die brutalen Taten des Militärs verurteilen.“

Sechs Schwestern reisen ins Ungewisse

Doch dabei belassen es die 220 Schwestern nicht. „Geht! Und mit dem, was ihr habt und erhalten werdet, tut all das Gute, was ihr könnt“, gab die Ordensgründerin, die später heiliggesprochene Französin Emilie de Vialar, ihren sechs Schwestern mit auf den Weg. Damals, 1846 war das, brachen sie zu einer gefährlichen Schiffsreise ins Unbekannte auf. Ein halbes Jahr sollte sie dauern und sie bis zu den „Indies“ führen. So nannte man damals das wenig erforschte Gebiet östlich von Indien, aus dem später das britisch beherrschte Burma werden sollte.

„Unsere Mission bestand von Anfang an darin, Gottes immense Liebe durch den Dienst am Nächsten auszudrücken. So kam es, dass wir der älteste Frauenorden von Myanmar sind und die Schwestern damals gleich nach ihrer Ankunft damit begannen, sich um Waisenkinder zu kümmern und Mädchen zu unterrichten“, schildert Schwester Marta. Der Orden wuchs und betreibt heute in acht Diözesen von Myanmar 42 Standorte, an denen die Schwestern Bildung genauso bieten, wie sie Alte, Ausgegrenzte und Kranke versorgen.

Sie teilen das Wenige in der Not

Dass sie aber einmal Teil eines Volksaufstandes würden, hätten sie trotzdem nicht erwartet. Denn gerade die zurückliegenden Jahre der vorsichtigen Demokratisierung im Land ließen auch sie aufatmen – und keinen Moment zögern, als die Generäle dagegen putschten. „Das Land leidet ja bereits mehr als 60 Jahre an dem Unrecht einer Militär-Junta, aber jetzt ist es für diese Generation am schlimmsten“, sagt Marta. Früh schlossen sich die Schwestern daher den Protestierenden an und marschierten mit ihnen friedlich durch die Städte.

„Wir bringen ihnen Snacks und Erfrischungen, auch wenn wir selbst derzeit wenig haben, da seit Beginn der Covid-Krise all unsere Einnahmen weggefallen sind. Aber was wir von Spenderinnen und Spendern bekommen, geben wir weiter. Wir fühlen uns eins mit dem Volk und wenn wir die Demokratie erreichen, wird es für das ganze Land sein.“

Versteckt in der Nacht des Grauens

An jenem Abend, als Schwester Marta erst die Schüsse hört, werden bereits mindestens 18 Menschen tot sein. Kardinal Charles Maung Bo wird davon sprechen, dass „Myanmar wie ein Schlachtfeld“ ist. Medien werden den „bisher blutigsten Tag des Aufstands“ ausrufen und noch Schlimmeres kommen sehen. In diesen bedrohlichen Stunden verstecken Martas Mitschwestern im Konvent etliche Demonstranten, die vor der Gewalt flohen. Und sie selbst sucht in pastoralen Schriften Heil: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ (Gaudium et spes, 1). „Genau das“, sagt Marta, „ist es, was auch wir in dieser Zeit des Aufruhrs tun.“

Es wäre ein geistreicher Schluss, stünde da nicht noch die Antwort auf eine Frage aus, die alle quält, die aus der Ferne den mutigen Kampf der Menschen in Myanmar für Freiheit und Demokratie verfolgen.

Was, Schwester Marta, können wir tun, und wie helfen? „Es hilft uns, dass ihr im Gebet mit uns verbunden seid. Für uns ist es wichtig, zu wissen, dass die Welt nicht wegsieht bei dem, was in Myanmar gerade geschieht.“ Zudem unterstützt Missio Österreich  zahlreiche katholische Gemeinschaften im Land in ihrer Arbeit. Initiativen gegen Menschenhandel, für Straßenkinder und Bildungschancen sollen das Leid der Ärmsten lindern.

Copyright der Fotos und Kontakt zum Orden über die Facebook-Seite der Schwestern.