Der Anfang und das Ende

Die Menschen im ältesten Pflegeheim Myanmars waren dabei, als das britische Kolonialreich zerbrach, als Diktatoren das Land in die Armut stürzten und als es sich wieder zu öffnen begann. Die Kirche begleitete viele ihr Leben lang – heute bewahrt sie sie vor einem Leben auf der Straße.

Text: LENA HALLWIRTH // Fotos: SIMON KUPFERSCHMIED

allewelt Mai/Juni 2020

Noel Roy war zwei Stunden alt, als die Welt um ihn herum ins Wanken geriet. Ein Surren und Sausen erfüllte die Luft über Rangun, dann gingen die ersten Bomben auf die Hauptstadt Burmas nieder. Noels Mutter nahm ihr Neugeborenes und lief, bis sie den Stadtrand erreichte. Seine ersten Tage verbrachte der „Weihnachtssegen“, nach dem ihn seine Eltern benannt hatten, versteckt im Dschungel. Der Zweite Weltkrieg erreichte das heutige Myanmar Anfang des Jahres 1942 mit voller Wucht. Der Einmarsch japanischer Truppen läutete das Ende der Kolonialherrschaft Großbritanniens ein. Doch statt der langersehnten Freiheit brachte dieser Tod, Zerstörung und Armut in eine der damals wohlhabendsten Regionen Asiens.

illustrierte Abbildung von Myanmar auf der Weltkarte

Hauptstadt: Naypyidaw

Amtssprachen: Birmanisch

Einwohner: 51 Millionen (2014)

Fläche: 676.578 km²

Währung: Kyat (MMK)

Religion: Buddhisten (87,9%), Christen (6,2%), Muslime (4,3%), andere Religionen/Atheisten (1,6%)

Ein Stück Geschichte

77 Jahre später sitzt Noel an einem kleinen Tisch auf einer lichtdurchfluteten Veranda und liest die Zeitung. Er interessiert sich für das Weltgeschehen, auch wenn er immer öfter Ereignisse durcheinanderbringt. Von der Straße dringt der Verkehrslärm der Millionenstadt Yangon, wie seine Geburtsstadt heute heißt, zu ihm herauf. Die hohen, hölzernen Wände, die großen Fenster und glänzenden Parkettböden strahlen Ordnung und Frieden aus. Ruhig und ausdauernd, in gewähltem Englisch mit leichtem indischem Akzent, beginnt er von seinem Leben zu erzählen. Von der Zeit, als sein Vater von Indien nach Myanmar zog, das damals Teil des britischen „Kaiserreichs Indien“ war. Von der Besatzungszeit, als seine englischsprachige Familie Hindi sprechen musste, um nicht in Verdacht zu geraten, den Kolonialherren nachzutrauern. Von den Jahren in der Klosterschule und seiner Arbeit als Telegrammbote. Immer wieder tauchen menschenfressende Drachen und Skorpione mit hunderten Beinen in seinen farbenfrohen Erzählungen auf und verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Eine Konstante in seinem Leben ist die katholische Kirche.

Seit einigen Jahren lebt Noel im ersten und ältesten Pflegeheim Myanmars. Missionare gründeten es im Jahr 1898. Seither steht der luftige Kolonialbau mit den weitläufigen Hallen und breiten Treppen in der Altstadt Yangons und wirkt wie aus der Zeit gefallen. Freundlich lächelnde Ordensfrauen in graublauem Habit gleiten durch die Gänge. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Haus mehrmals von verschiedenen Frauenorden übernommen, der Gründungsauftrag des Home for the Aged Poor blieb derselbe: bedürftigen alten Menschen Zuflucht zu gewähren und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. 22 Frauen vom Orden Sisters of Reparation betreuen zurzeit 140 Bewohnerinnen und Bewohner. Dabei helfen 38 ehrenamtliche Mitarbeitende, unter ihnen ein Arzt, der seine Dienste hier seit über 40 Jahren kostenlos anbietet.

Noel Roy liest Zeitung

„Wenn man alt wird, findet man keine Arbeit mehr. Deshalb kommen wir ins Armenhaus, hier werden wir aufgenommen. Seit sieben Jahren lebe ich hier.“

Noel Roy

Senioren-Fitness in Südostasien

Neben dem Behandlungsraum und der hausinternen Apotheke sitzen rund 30 Männer und Frauen auf Holzsesseln in einem Saal, die Beine so gut es geht im Schoß überkreuzt. Langsam heben sie die Arme weit über den Kopf, verschränken die Finger ineinander, Blick nach oben, Richtung der ausgestreckten Zeigefinger. Zwei Schwestern und zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen helfen den betagten Menschen dabei. Vor ihnen auf der Bühne sitzt die Trainerin vor einem sonnenblumengelben Vorhang und zeigt die Übungen vor. Wohl denen, die sich der Schwachen annehmen; zur Zeit des Unheils wird der Herr sie retten (Ps 41,1-3) steht in Englisch und Burmesisch auf einem Plakat hinter ihr – auch sie unterrichtet ehrenamtlich. Drei Mal pro Woche hilft sie den Bewohnerinnen und Bewohnern mit Körper- und Atemübungen dabei, beweglich, kräftig und gesund zu bleiben. Ein tiefes Summen, gefolgt von stoßweisem, lautem Ausatmen kündigt das Ende der Einheit an. „Mit dieser Übung werden die Stimme und die Atmung gestärkt“, erklärt Schwester Olivia Nu Nu Khaing.

Das Home for the Aged Poor steht Menschen aller Glaubensrichtungen des mehrheitlich buddhistischen Landes offen. Etwas mehr als die Hälfte der Menschen hier sind katholisch, darüber hinaus leben Christinnen anderer Konfessionen, Buddhisten, ein Hindu und zwei Musliminnen in der katholischen Einrichtung. Neben einem Raum, in dem buddhistische Gläubige vor einem kleinen Altar mit frischen Blumen und Bildern des Buddha meditieren können, befindet sich eine große, helle Kirche. Jeden Tag betet Noel Roy hier den Rosenkranz, am liebsten sitzt er dabei hoch oben auf der Empore. Joanna, 83 Jahre alt, nimmt an allen vier Gebetszeiten der Schwestern teil. Sie mag die Disziplin und den Rhythmus, den die Schwestern vorleben. Es ist der Rhythmus, mit dem sie aufgewachsen ist.

Trotz Arbeit droht die Obdachlosigkeit

Wie viele hier, hat Joanna ihr gewähltes Englisch von britischen Ordensfrauen in einer katholischen Klosterschule in Yangon gelernt. Als junge Frau verkaufte sie Importwaren und burmesisches Kunsthandwerk im einst noblen, internationalen Zentrum Yangons. Nur wenige Jahre dauerte die Unabhängigkeit des Landes, einen Großteil ihres Lebens verbrachte Joanna in einer Militärdiktatur. Von 1962 an isolierte General Ne Win Myanmar zusehends vom Rest der Welt und verwies alle Ausländer des Landes. Auch ausländische Ordensleute und Priester mussten das Land verlassen, unter ihnen zahlreiche Lehrerinnen, Pflegekräfte und Ärzte. Im Gegensatz zu Joanna spricht die heutige Jugend in Myanmar kaum Englisch. Bis heute hat sich das  Bildungssystem nicht von der bis 2011 dauernden Militärherrschaft erholt.

Schwester Olivia Nu Nu Khaing

„Es kommt auf den familiären Hintergrund der Menschen an. Wir können nur Menschen aufnehmen, für die sonst niemand sorgen würde.“

Schwester Olivia Nu Nu Khaing

„Ich mag es, hier zu leben“, sagt Joanna und sitzt etwas verloren wirkend neben ihrem Bett im großen Schlafsaal der Frauen. In einem Kasten – gespendet 1999, wie darauf zu lesen ist – bewahrt sie ihre wenigen Habseligkeiten auf. „Aber auch, wenn es nicht so wäre, würde ich hier bleiben, denn draußen gibt es niemanden, der sich um mich kümmern würde. Meine Eltern sind gestorben und ich wurde alleine gelassen“, fährt sie fort. Wie Joanna haben die Menschen, die hier ihre letzten Monate und Jahre verbringen, keine andere Möglichkeit. Manche haben keine Familie mehr, andere Familien sind mit der Pflege ihrer Angehörigen überfordert und vernachlässigen sie. Auch in Myanmar fällt es vielen immer schwerer, sich neben der Arbeit um ihre pflegebedürftigen Eltern zu kümmern, wie es traditionell üblich ist. Zudem arbeiten viele Menschen ohne Anspruch auf eine Pension – wenn sie nicht mehr arbeiten können, landen viele auf der Straße, schildert Schwester Olivia. „Zum Beispiel Hausmädchen, die niemanden haben, wenn sie nicht mehr arbeiten können. Ohne die Arbeit, haben sie auch keine Unterkunft.“ Mit dem Pflegeheim will die katholische Kirche verhindern, dass Menschen das Ende ihres Lebens bettelnd im Straßengraben verbringen müssen.

ARBEIT BIS ZUM LEBENSENDE

Die meisten alten Menschen in Myanmar gehen nicht in Pension. Auch Anspruch auf Pensionsgeld haben die wenigsten. Viele arbeiten, bis sie zu schwach dafür sind. Traditionell werden sie dann von Verwandten, meist Frauen, zu Hause gepflegt. In den letzten Jahrzehnten stieg jedoch die Lebenserwartung stark an und es gibt immer mehr hochbetagte Menschen. Gleichzeitig haben Familien weniger Kinder und viele Menschen im arbeitsfähigen Alter ziehen in die Städte. Oft bleiben dabei ältere Menschen alleine zurück. Eine wachsende Herausforderung für das Land. Schätzungsweise 3,5 Millionen Menschen sind derzeit über 65 Jahre alt, Pflegeheime gibt es lediglich 83.

Katholische Bettelnonnen

Auf die finanzielle Unterstützung des Staates dürfen die Schwestern nicht hoffen. Der kleine Betrag, den sie erhalten, reicht längst nicht aus, um Essen, Medikamente, Kleidung und Pflege zu bezahlen. Buddhistischen Bettelmönchen und -nonnen gleich, gehen die Schwestern in jeder ersten Woche im Monat von Tür zu Tür und bitten um Spenden. Die gesellschaftliche Achtung sei hingegen groß. „Alle Menschen sind sehr stolz auf uns, wenn sie sehen, dass sogar Ordensleute diese gemeinnützige Arbeit leisten“, erzählt Schwester Olivia. Anfeindungen aufgrund ihres christlichen Glaubens habe die Ordensfrau noch nicht erlebt. Vielmehr trägt sie dazu bei, das Ansehen der katholischen Kirche im Land zu steigern, das religiösen Minderheiten vielerorts kritisch bis feindselig gegenüber steht.

Ordensfrau hört das Herz eines Bewohners ab

„Alle Menschen sind sehr stolz auf uns, wenn sie sehen, dass sogar Ordensleute diese gemeinnützige Arbeit leisten.“

Schwester Olivia Nu Nu Khaing

Vom größten Reisexporteur der Welt, Teil eines enormen Kolonialreichs, über die kurze Phase der Unabhängigkeit, gefolgt von Jahrzehnten des Hungers und der Unterdrückung bis hin zur Öffnung und rasanten Verwandlung des Landes – die Menschen im Home for the Aged Poor haben große Veränderungen erlebt und überlebt. Viele von ihnen hat die Kirche von Anfang an begleitet und geprägt. Am Ende ihres Lebens werden sie von ihr getragen, besonders, wenn da sonst niemand mehr ist.

Lena Hallwirth

VOR ORT

Vier Menschen über 75 nahmen unsere Missio-Redakteurin Lena Hallwirth mit auf eine Zeitreise in ihre Vergangenheit und erzählten über ihr heutiges Leben. Bei einem Besuch im Jahr darauf, ging es Joanna besser und sie freute sich über einen Kuchen zu ihrem 84. Geburtstag.