Mit Gott am Rand

Jane und Veronika lassen sich von Menschen am Rand der Gesellschaft beschenken. Ihr Glaube trägt sie durch herausfordernde Situationen. Er ist das Fundament, auf dem sie gehen.

von Markus Andorf

Ehrliches Interesse

Jane Nabunya
CHRISTIN FÜR JEDEN MENSCHEN

Wohnort: Ggoli
Alter: 28

Ein Motorrad rattert über die sandigen Straßen im Westen Ugandas. Im Rehabilitationszentrum von Kampiringisa besucht Jane Nabunya Jugendliche, die eine schwere Kindheit hatten. Viele von ihnen haben ihre Eltern verloren. Viele haben auf der Straße gelebt oder waren Kindersoldaten. Für die Jugendlichen ist Jane wie eine große Schwester. „Sie brauchen Gutes. Sie brauchen Menschen, die es gut mit ihnen meinen“, sagt die 28-Jährige und geht mit ihrer roten, knalligen Handtasche in das Rehabilitationszentrum. Jane hat in ihrem Leben oft gespürt, dass Gott etwas verändert, wenn man ihn lässt: „Ich erzähle den jungen Menschen gerne von der Zeit, als ich Gott noch nicht so gekannt habe. Der Glaube hat mich wirklich verändert.“ Sehr früh verlor Jane ihre Eltern; sie wuchs bei ihrer Großmutter auf. Sie begann intensiv zu beten: „Ich habe Gott meine Probleme erklärt. Und ich hatte ab dieser Zeit immer das Gefühl, dass mich Gott begleitet und beschützt.“

In dem Rehabilitationszentrum in Kampiringisa arbeitet Jane als Projektleiterin. Im Auft rag der Kirche begleitet sie die Kinder und Jugendlichen und überprüft das Programm und die Leitung des Zentrums. Wichtig ist es ihr, tatkräftig mitanzupacken und zu helfen, wo man sie braucht.

Vor allem sucht die junge Frau den intensiven Kontakt zu den Jugendlichen, die häufi g mit Traumata zu kämpfen haben: „Immer wieder verbringe ich auch Zeit mit den jungen Menschen in der Kapelle. Das sind sehr tiefe, gemeinsame Momente.“ Vor Gottesdiensten bereiten sie gemeinsam die Kapelle vor. Oft entstehen angeregte Gespräche in diesen Situationen über Glaube und Kirche, sagt Jane. „Ich teile mit den jungen Menschen mein Leben und meinen Glauben. Ich erzähle ihnen, wie Gott in meinem Leben wirkt.“ Bei der gemeinsamen Messe mit den Jugendlichen strahlt Jane eine unglaubliche Freude aus: Begeistert singt sie mit, lässt sich auf das Gebet ein, will sich verändern lassen. Nach dem Auft anken im Gottesdienst will sie sich wieder ganz für die jungen Menschen interessieren: „Das brauchen sie besonders dringend. Viele von ihnen wissen nicht mehr, wie es ist, wenn sich jemand für sie interessiert, wenn jemand einfach nur wissen will, wie es ihnen geht.“ Verständnis für ihre Situation bekommen die Jugendlichen in Kampiringisa nur von wenigen Menschen. Jane hilft ihr Glaube, sich auf die jungen Menschen ganz einzulassen und mit ihnen einen Weg zu gehen. Einen Weg, der zurück in die Gesellschaft führen kann.

Gegenseitiges Geschenk

Veronika Hasibeder
CHRISTIN FÜR JEDEN MENSCHEN

Wohnort: Wien
Alter: 26

Ein Hausbesuch steht an. Bei einer Frau in Wien, die nicht viel hat, die materiell arm ist. Als Physiotherapeutin besucht Veronika sie wöchentlich. „Natürlich bin ich herausgefordert, wenn ich einem Menschen begegne, der ganz anders ist als ich. Gleichzeitig ist diese Frau ein unglaublicher Schatz in meinem Leben.“ Gerade in solchen Situationen ist Veronika dankbar für ihren Glauben. Er prägt ihre Haltung und ihren Blick auf den anderen Menschen: „Es ist nicht immer einfach, den anderen Menschen so zu nehmen, wie er ist. Aber es lohnt sich!“ Das Schöne in jedem Menschen zu suchen und sehen zu wollen, das ist der jungen Physiotherapeutin wichtig: „Dabei hilft das regelmäßige Gebet, die Beziehung mit Gott.“

Jeden Tag versucht sich Veronika der Stille auszusetzen und mit Gott zu teilen, was sie beschäft igt. Die lebendige Beziehung zu Gott gibt Veronika gerade in jenen Situationen Kraft, in denen sie an ihre Grenzen stößt. Sechs Monate lang hat sie in Brasilien in einer Favela gelebt, um mit den Ärmsten der Armen ihr Leben zu teilen. „In dieser Zeit ist mir in vielen Momenten bewusst geworden: Gott, ich brauche Dich.“

Besonders tief berührt hat die 26-Jährige in Brasilien die Begegnung mit einem Mann. Er war arbeitslos, hatte nichts, schlief zu Hause am Boden. Mit ihm hat die gebürtige Oberösterreicherin über das Leben gesprochen: „Er hat erzählt, dass Jesus eine sehr zentrale Rolle in seinem Leben spielt. Jeden Tag, wenn er aufwacht, sagt er `Danke´, dass er wieder einen Tag leben darf. Danke für das Leben.“

Veronika lächelt. Momente wie diese gehen ihr bis heute sehr nahe. „Am Schluss unseres Gesprächs habe ich den Mann in die Kirche eingeladen. Er hat abgelehnt. Er sei es nicht wert, in eine Kirche zu gehen, hat er gesagt.“ Die Begegnung hat Veronika gezeigt, welches Geschenk jeder Mensch ist – egal, ob er in der Mitte der Gesellschaft lebt oder ganz am Rand wie dieser Mann. „Ich habe sofort gedacht, dieser Mensch lebt jeden Tag mit Jesus. Er ist Gott so viel näher als ich es bin.“
In der Begegnung mit armen Menschen – ob mit dem Mann in Brasilien oder der Frau in Österreich – wird Veronika immer neu klar, wie sehr Gott derjenige ist, der sie viele Situationen aushalten lässt. „Gott schenkt mir diese Haltung, dem Anderen ehrlich zu begegnen, für ihn da zu sein.“ Gerade von armen und benachteiligten Menschen will sich Veronika bereichern lassen. Sie in die Gesellschaft hereinholen. Indem sie die Menschen in ihr Herz schließt.