Vater schlägt Mutter

Myanmar schien auf einem zögerlichen Weg zur Demokratie. Bis das Militär putschte. Missio Österreich hilft den Ärmsten im Land. Nun schildern die Partner vor Ort, was sie jetzt fürchten, worauf sie hoffen und wie wir helfen können.

Von Christoph Lehermayr

Wie ist es, als Österreicher inmitten eines Militärputsches aufzuwachen? „Na ned so sche“, gibt Johannes Unterberger unumwunden zu. „Father Joe“ nennen sie den Franziskaner-Pater aus dem Salzkammergut, Missionar in Yangon, der größten Stadt von Myanmar. Dort lebt er etwas außerhalb des Zentrums und kann schon bald beobachten, wie erste Soldaten an den neuralgischen Punkten der Fünf-Millionen-Metropole Position beziehen.

Gut vier Jahre ist es her, dass ihn der Ruf ins frühere Birma ereilte. Einst galt das Land als Perle Asiens, reich nicht nur an Geschichte, sondern auch an Rohstoffen. Nach fünf Jahrzehnten kommunistischer Militärdiktatur war es heruntergewirtschaftet und der ärmste Staat der Region. Etwa sechs Prozent der 54 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner Myanmars sind Christen. Pater „Joe“ kam, um zu helfen. Er kümmert sich um die Armen, erledigt Besorgungen für etliche Familien, versorgt Kranke mit Medikamenten und hatte bald eine zündende Idee, wie diese Menschen an ein regelmäßiges Einkommen gelangen könnten. Rosenkränze! Handgeknüpft, von ihnen selbst, und verkauft im Shop von Missio Österreich. „Und jetzt? Wie wird es wohl weitergehen?“, fragt sich Pater „Joe“ nach den jüngsten Ereignissen besorgt.

„Mutter“ und gefallene Ikone

Auf einem der zwei TV-Kanäle, die Myanmars Militär betreibt, verfolgt der Lehrer Valerio Rireh 400 Kilometer weiter nördlich die Ereignisse. In einem Land, in dem so viele Kinder auf der Strecke bleiben, keine anständige Ausbildung erhalten und schon früh zum Arbeiten gezwungen sind, erfüllt die Schule, in der er tätig ist und die Missio unterstützt, eine entscheidende Rolle. Was Rireh im Fernsehen sieht, überrascht ihn nicht. „Was wir jetzt erleben, hat sich über Wochen hinweg angekündigt. Es gab Warnungen“, sagt er und verweist auf Aung San Suu Kyi. Mitsamt ihren engsten Verbündeten, einschließlich des Staatspräsidenten, wird die mächtigste Frau des Landes festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Sie, die schon 15 Jahre ihres Lebens vom Militär festgesetzt worden war, ist wieder dort angelangt, wo ihr Weg einst begonnen hatte – als „Mutter der Nation“, als „Lady“, eine Ikone des gewaltfreien Widerstands, ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis. Geduldig hatte sie einst den Militärs getrotzt, Wahlen gewonnen und war faktisch zur Führerin des Landes aufgestiegen.

Doch auch jetzt standen den Generälen noch ein Viertel aller Parlamentarier zu. Der Weg in Richtung Demokratie schien holprig und als Suu Kyi schwieg, während das Militär Jagd auf die muslimische Minderheit der Rohingya machte, fiel sie in vielen westlichen Staatskanzleien in Ungnade. Für die meisten Menschen in Myanmar blieb sie dennoch der Engel der Herzen. Ihr Porträt ziert weiter viele Heime ­- von den immer noch bescheidenen Hütten, bis hoch in etliche der neuen Luxus-Lofts, den Schaustücken der Öffnung des Landes.

Zehn Jahre dauerte der Flirt mit der Freiheit, das zarte Erproben von Demokratie und freien Wahlen, die die Partei von Suu Kyi zuletzt im November mit über 80 Prozent haushoch gewann. Und damit zugleich ihr Schicksal besiegelte. Denn die eigentlichen „Väter“ des Landes, die weiterhin allmächtigen Militärs, die bis zu einem Drittel der Wirtschaft kontrollieren, mussten fürchten, final von den Schaltstellen von Myanmar entfernt zu werden. „So etwas“, das betonen etliche Gesprächspartner, „könnten und würden die Generäle niemals zulassen. Sie zogen also die Notbremse.“

The Road to Mandalay

Anfangs ist die Leitung tot. Ganz im Norden von Myanmar, nah an der Grenze zu China, funktionieren bei einem weiteren der zahlreichen Partner von Missio Österreich vor Ort weder Telefon noch Internet. Abgedreht vom Militär. Als es schließlich doch klappt, fallen die Nachrichten verdrießlich aus. „Wir sind wieder zurück am Start. Wie bei einem Brettspiel, wo du glaubst, deine Figuren schon in Sicherheit gebracht zu haben, bis die Würfel dumm fallen und du retour an den Anfang musst“, sagt der Priester, der anonym bleiben soll, um ihn vor etwaigen Repressionen zu bewahren. Besonders in den gebirgigen Gebieten des Nordens leben viele Christinnen und Christen und mussten in der Vergangenheit Vertreibung und Gewalt erdulden.

„Es wird wohl kaum zu groß angelegten Protesten wegen des Putschs kommen. Zu viele erinnern sich mit Schrecken daran, wozu die Militärs fähig sind“, sagt der Priester. Gerade Gewalt-Szenen wären manchem Militär wohl willkommen. So ließe sich der Staatsstreich finalisieren. Aus dem jetzt von ihnen angekündigten einem Jahr des Ausnahmezustands würden rasch erneut Jahrzehnte brutaler Diktatur. Erst einmal scheint das Märchen von der Öffnung Myanmars ausgeträumt. Der verheißungsvolle Weg nach Mandalay, besungen von Frank Sinatra bis Robbie Williams, ist im Morast des Militärs steckengeblieben.

Die Weisheit der Wartenden

Und doch ist da auch so etwas wie Hoffnung. Vorsichtig geäußert, zaghaft zum Ausdruck gebracht, so wie das, woran sich Myanmar in den vergangenen zehn Jahren herangetastet hat. „All die Angst wich langsam einer Leichtigkeit“, erinnert sich Angela Jacobi. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael rief die Deutsche 2005 eine Stiftung ins Leben, die Projekte vor Ort fördert. Jacobi erlebte bei ihren ersten Reisen ins Land noch die Schwere der Diktatur, wurde selbst beschattet und verfolgt, sah Tote und kann damit umso besser beurteilen, wie weit Myanmar schon gekommen ist: „Und das ist nicht verloren. Dem Militär wird es nicht gelingen, das Rad der Zeit dauerhaft zurückzudrehen. Die Menschen wissen selbst am besten, was auf dem Spiel steht und sie haben gelernt, dass es oft ratsamer ist zu warten bis ihre Gebete erhört werden.“

Mit dem Warten beschäftigt sich gerade auch Pater „Joe“ in Yangon. Vorsichtig sondiert er die Lage, hält Kontakt zu den Familien und dem Waisenhaus, wo seine Rosenkränze für Missio geknüpft werden. Abends beim Gebet, das ihn die Sorgen des Tages vergessen lässt, bittet er, dass Gewalt ausbleibt und kein Blut sinnlos vergossen wird. Und dann blickt er auf die vielen Kartons, die fertig sind für das Verschiffen in Richtung Österreich. Sie sind vollgefüllt mit den Rosenkränzen, in denen so viel Hoffnung steckt. Bald, so freut er sich, werden sie irgendwo in Europa in Händen gehalten. Und damit auch den Menschen in Myanmar ein Stück weit helfen.

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