Eine Kirche der Migranten

Lange Zeit war Marokko ein Transitland für Migranten auf dem Weg nach Europa. Doch immer mehr Menschen lassen sich dauerhaft in dem nordafrikanischen Land nieder. Die Christinnen und Christen unter ihnen verändern die Kirchengemeinden. Aus einer europäisch geprägten Kirche wird jetzt eine Kirche der Migranten.

Text und Fotos: CLAUDIA MENDE

allewelt November/Dezember 2020

Bei schönem Wetter ist Europa zum Greifen nah. Von der Hafenstadt Tanger aus sieht man schemenhaft die Umrisse des spanischen Festlandes in nur 15 Kilometern Entfernung. Tanger liegt an der nordwestlichen Spitze Marokkos, in der Meerenge von Gibraltar, dort wo Mittelmeer und Atlantik aufeinanderstoßen. Nirgends sind sich die Nachbarn Afrika und Europa näher. Geografisch gesehen. Denn für Migranten aus Afrika bleibt der Kontinent ihrer Sehnsucht auch hier unerreichbar. Zwar kann man mit der Fähre in einer Stunde von Tanger bis nach Spanien fahren. Doch die Grenzen bleiben für Migranten geschlossen. Auch die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla im Norden Marokkos sind mit hohen, glasbespickten Zäunen abgeriegelt.

Christopher Agbaje und Garbar Barchure haben schon drei Mal versucht, Europa zu erreichen. Jedes Mal sind sie gescheitert. Die beiden Männer stammen aus Liberia, vor fünf Jahren haben sie ihr Heimatland verlassen. Die Folgen des Bürgerkriegs und die Angst vor Ebola trieben sie in die Fremde. Ihre Odyssee führte sie durch Mali und Algerien bis nach Marokko. Von Marokko aus, so hofften sie, könnten sie nach Europa. „Zwei Mal wurden wir von der marokkanischen Polizei verhaftet“, erzählt Christopher, 40 Jahre alt, von Beruf Medizintechniker. Die Strapazen der Flucht haben sich in sein Gesicht eingebrannt. „Beim dritten Versuch sind die Schlepper einfach mit dem Geld abgehauen.“ Er hat ein kaputtes Bein, bräuchte eine Operation. „Die Überfahrt war nicht möglich. Jetzt müssen wir hier bleiben“.

Marokko auf der Weltkarte

Hauptstadt: Rabat

Amtssprachen: Arabisch, Französisch, Tamazight

Einwohner: 36 Millionen

Fläche: 459.000 km² (Westsahara: 252.000 km² von Marokko beansprucht)

Währung: Marokkanischer Dirham (DH)

Religion: Islam (99%), Christentum (<0,1%), Judentum (<0,1%)

Vom Transitland zur neuen Heimat

Marokko war für Migranten aus Afrika südlich der Sahara lange Zeit nur ein Transitland. Niemand hatte vor, zu bleiben. Doch weil sich Europa weiter abschließt, richten sich immer mehr Migranten notgedrungen in Marokko ein. Rund 70.000 Migranten vor allem aus französisch geprägten Ländern Schwarzafrikas wie Senegal, Togo, Kamerun oder Kongo sollen es sein. Ganz genau weiß das niemand.

Sie versuchen, in Marokko einfach zu überleben. „Viele von ihnen arbeiten schwarz auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder im Transport“, sagt Nadia Tari von der 2006 gegründeten Organisation Orient Occident. „Auch Betteln ist weit verbreitet.“ Für qualifizierte Arbeit brauche man gültige Papiere und Berufsabschlüsse, die die wenigsten mitbringen. Trotzdem richten sie ihr Leben irgendwie ein. Mit den Jahren verflüchtige sich dann die Idee, nach Europa zu gehen, meint Tari. Zentraler Wendepunkt ist häufig die Familiengründung. Wenn Menschen heiraten und Kinder bekommen, eine bescheidene Arbeit finden, Freunde und Nachbarn haben, dann lassen sie sich langfristig in Marokko nieder.

„Viele von ihnen arbeiten schwarz auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder im Transport. Auch Betteln ist weit verbreitet.“

Nadia Tari, von der Organisation Orient Occident

Sie sind dann Einwanderer in einer Gesellschaft, die selbst viele Migranten „produziert“. Umfragen zufolge wollen die meisten jungen Marokkaner lieber heute als morgen das Land verlassen. Auch sie kämpfen mit massiver Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ungleichheit. Rund fünf Millionen Marokkaner sind deshalb emigriert, die meisten von ihnen nach Europa.

Trotzdem hat die Politik im Land die Realitäten anerkannt. Seit 2013 ist Marokko offiziell Einwanderungsland. Etwa 20.000 Migranten erhielten seitdem jedes Jahr eine Aufenthaltserlaubnis. Sie dürfen jetzt wie die Einheimischen das staatliche Gesundheitssystem unentgeltlich nutzen und ihre Kinder in die öffentlichen Schulen schicken, wenn sie Arabisch verstehen.

Hilfe beim Aufbau einer Existenz

Die beiden Liberianer Christopher Agbaje und Garbar Barchure haben sich in Marokkos Hauptstadt Rabat niedergelassen. Bisher haben sie sich mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen. Jetzt hat ihnen ein Bekannter einen Job in einem Restaurant angeboten. Doch dazu brauchen sie eine Arbeitsgenehmigung. Diese wiederum bekommen sie nur mit gültigen Pässen, für die die Botschaft von Liberia viel Geld verlangt. Geld, das sie nicht haben. Jetzt hoffen sie auf Hilfe der Kirche. Sie hat sie schon öfter aus Notsituationen gerettet. „Wir sind Katholiken“, sagt Christopher, während er vor der Kathedrale St. Peter wartet, bis er sein Anliegen vorbringen kann, „aber geholfen wird hier allen.“

Die Kathedrale St. Peter liegt mitten im Banken- und Geschäftsviertel von Rabat. Die meisten, die hierherkommen, wohnen nicht in der Innenstadt mit ihren breiten Boulevards und glänzenden Fassaden. Ihr Zuhause sind die kleinen, übervollen Wohnungen in Vororten weit außerhalb. Es ist Sonntagvormittag, der Gottesdienst hat begonnen. Die Reihen sind voll junger Afrikanerinnen mit kunstvollen Rasta-Frisuren und farbenfroh bedruckten, engen Röcken. Die Männer tragen Jeans, Hemd und Turnschuhe. Dazwischen sieht man wenige, meist ältere, europäische Gesichter.

Wenn dann der Chor zu singen beginnt, von Trommeln begleitet, verwandelt sich das ehrwürdige alte Gotteshaus aus dem 19. Jahrhundert in eine lebendige afrikanische Feierhalle. Zwar werden große Teile der Liturgie auf Französisch gehalten. Doch wenn die Gläubigen dann afrikanische Lieder schmettern und sich zum Rhythmus wiegen, dann löst sich die Spannung und die ihre Gesichter strahlen.

KIRCHE DER ZUGEREISTEN

Bis heute bilden die Christinnen und Christen eine winzige Minderheit im zu 99 Prozent islamischen Marokko. Nur etwa 30.000 Katholiken gibt es, dazu zwei bis drei tausend Protestanten, zusammen sind das nur rund 0,1 Prozent in einer Bevölkerung von 36 Millionen Menschen. Die Gemeinden liegen vor allem in den urbanen Zentren Rabat, Casablanca und Tanger. Einheimische Christen gibt es so gut wie keine. Es ist eine Kirche der Zugereisten. Lange Zeit waren dies vor allem Franzosen und Spanier. Seit den 1990er-Jahren kamen immer mehr Migranten aus Westafrika dazu. Heute stammen die meisten Gemeindemitglieder aus Ländern wie Togo, der Elfenbeinküste, Kamerun, Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo. Aus einer Kirche der Europäer ist eine Kirche der Afrikaner geworden. Neben den Migranten gibt es auch eine große Zahl von Arbeitssuchenden und Studenten aus Westafrika in den Gemeinden. Sie alle eint, dass sie in Marokko in der Fremde sind.

Zwischen Anerkennung und Polizeiwillkür

Seit den 1990er-Jahren habe sich die katholische Kirche in Marokko komplett verwandelt, erzählt Pfarrer Daniel Nourissat nach der Messe. Der Franzose gehört noch zur Generation der europäischen Seelsorger, die langsam von den jüngeren afrikanischen Kollegen abgelöst werden. Die nächste Generation wird dann afrikanisch sein. Heute gibt es zwei europäische und zwei afrikanische Seelsorger im vierköpfigen Team der Gemeinde. „In unserer Gemeinde sind alle irgendwie auf der Durchreise“, sagt Pfarrer Daniel. „Für diese überwiegend jungen Menschen, die fern ihrer Heimat und ihrer Familie leben müssen, ist die Kirchengemeinde ein wichtiger Anlaufpunkt.“

Obwohl sich der Rechtsstatus von Migranten durch die Legalisierungen seit 2014 verbessert hat, bleibt die marokkanische Politik ihnen gegenüber widersprüchlich. Bürokratie, Behördenwillkür und brutale Aktionen der Polizei erschweren ihre Situation auch weiterhin. Immer wieder gibt es diese Polizeiaktionen, bei denen Migranten willkürlich aufgegriffen, in Busse verfrachtet und in den Süden des Landes gekarrt werden. Auch das haben die beiden Männer aus Liberia erlebt. Vor einem Jahr wurden sie auf diese Weise, nur mit einer Flasche Wasser und einem trockenen Brot und Kartoffeln ausgestattet, nach Tiznit südlich von Agadir verbracht.

Danach mussten sie sich mühsam wieder das Geld für eine Rückfahrt nach Rabat erbetteln. Vor kurzem ist es ihnen wieder passiert, damals wurden sie südlich von Marrakesch ausgeladen. Welche Logik hinter solchen Aktionen steckt, ist schwer nachvollziehbar. Für die Betroffenen bedeuten sie eine erhebliche Unsicherheit. Nadia Tari meint, die Behörden wollten damit Migranten temporär aus touristischen Gebieten oder vor internationalen Konferenzen aus dem Blickfeld räumen.

Vorurteile auf allen Seiten

Immer wieder gibt es schmerzliche Situationen, in denen Menschen Hilfe brauchen, sei es finanziell oder seelisch. Wenn es etwa einen Todesfall in der Familie gibt und sie nicht zur Beerdigung nach Hause fahren können, weil die Flüge viel zu teuer sind. Wenn bürokratische Hürden bei der Aufenthaltsgenehmigung oder bei der Überweisung von Geldern aus der Heimat das Leben schwer machen. Pfarrer Daniel ist jeden Tag mit solchen Notlagen konfrontiert, er versucht zu helfen, wo er kann, aber sein kleines Budget reicht nicht für alle. Alle rund 30 Kirchengemeinden im Land versuchen mit Kleiderkammern, Lebensmittelspenden und persönlichen Kontakten zu helfen. Die Coronakrise trifft Migranten besonders hart. Freiwillige in den Gemeinden organisieren jetzt mit Lebensmittelspenden kostenlose Mahlzeiten.

Doch die Kirche hat noch eine andere wichtige Aufgabe neben der Hilfe in der Not. Sie kann Brücken zwischen den Einheimischen und den Neuankömmlingen aus dem Süden des afrikanischen Kontinents bauen. Denn die marokkanische Gesellschaft muss sich erst einmal auf die neue Einwanderung einstellen.

Pfarrer Daniel Nourissat

„In unserer Gesellschaft sind alle irgendwie auf der Durchreise. Für diese überwiegend jungen Menschen, die fern ihrer Heimat und ihrer Familie leben müssen, ist die Kirchengemeinde ein wichtiger Anlaufpunkt.“

Daniel Nourissat, Pfarrer von St. Peter

Ablehnung gebe es auf beiden Seiten, meint Nadia Tari von der Organisation Orient Occident. Viele Migranten würden Ressentiments gegen Marokkaner mitbringen. Und es gibt den Rassismus einer arabischen Gesellschaft, die in Menschen aus dem südlicheren Teil Afrikas das unterlegene Andere sehen wollen. „Manche Marokkaner haben noch die alten Klischees von diesen Menschen als ‚Kannibalen‘ im Kopf.“

Pfarrer Daniel bestätigt das. Es gebe Pöbeleien auf der Straße oder Vermieter, die die Migranten bei Mietrückständen gleich rausschmeißen. Aber Rassismus und ein hohes Gewaltpotenzial existieren auch unter den Menschen, die kommen. „Das fängt schon an der marokkanisch-algerischen Grenze an“, erzählt er. „Kaum haben die Migranten in Oujda Marokko erreicht, werden sie von ihren ‚Brüdern‘ geschnappt und eingesperrt.“ Die „Brüder“ erpressten dann mit teilweise großer Brutalität Lösegelder von den Familien.

Viele Migranten ihrerseits brächten auch Vorbehalte gegenüber dem Islam mit. Sie glaubten zum Beispiel, sich als Christinnen und Christen verstecken zu müssen und sind dann sehr erstaunt, dass sie ihren Glauben offen leben können. Pfarrer Daniel sieht es daher auch als eine Aufgabe seiner Kirche an, zur besseren Verständigung mit den Menschen muslimischen Glaubens beizutragen. So lädt er beispielsweise Muslime aus der Nachbarschaft der Kathedrale gezielt ein, einfach einmal die Kirche zu besuchen, was immer mehr angenommen wird. So hätten beide Seiten die Chance, voneinander zu lernen.

Bis die Einwanderung in Marokko etwas Alltägliches ist, wird es noch dauern. Christopher Agbaje und Garbar Barchure hoffen, dass sich ihr Leben in Marokko mit dem Job in einem Restaurant weiter stabilisiert. Den Gedanken an ein Leben in Europa haben sie sich mittlerweile aus dem Kopf geschlagen.