Schneller, schöner, jünger – Warum wir über Altersdiskriminierung sprechen müssen

Jeder zweite Erwachsene weltweit ist voreingenommen gegenüber Älteren. Das belegt eine neue WHO-Studie mit 83.000 Befragten in 57 Ländern. Aber stimmt das wirklich? Und wenn ja, wie zeigt es sich und was muss dagegen unternommen werden?

von MARION RUZICKA

allewelt Juli/August 2021

Im Fachbereich Seniorenpastoral der Erzdiözese Wien sind wir Ansprechpartner für die Fragen der älteren Menschen in den Pfarren. Während der Pandemie waren keine Seniorenrunden, Wallfahrten oder Computer-Kurse für Ältere möglich. Wir sind trotzdem im intensiven Kontakt und Austausch mit ihnen. Mails, Telefonate, Anregungen für persönliches Gebet und kleine Feiern in der Hauskirche oder im Seniorenhaus halten uns miteinander in Verbindung. Gelegenheiten genug, um Seniorinnen und Senioren zu fragen, wie sie gerade jetzt ihr eigenen Altern erleben.

Die Rückmeldungen bestätigen unser Gefühl, dass es kein Wagnis, sondern eine Notwendigkeit ist, Altersdiskriminierung immer als stets aktuelles gesellschaftspolitisches Thema an- und auszusprechen. Die Corona-Zeit hat vielen älteren Menschen gezeigt, dass der „Respekt“ vor den älteren Menschen durchaus ausgeprägt ist. „So selbstverständlich ist es ja nicht, dass die alten Personen bei der Impfung vorgezogen werden. In der wirtschaftlichen Notlage der Nachkriegszeit hätte man da womöglich anders gedacht“, schreibt uns ein älterer Herr.

Wie subjektiv jede Beurteilung jedoch ist und wie leicht auch gut gemeinte Schutzfunktionen von Betroffenen als diskriminierend empfunden werden können, zeigt die Rückmeldung einer älteren Dame. Ihr leuchtet es nicht ein, warum sie aufgrund ihrer Lebensjahre, altersentsprechend fit und ohne Vorerkrankungen, Risikogruppen gleichgestellt und von Mitmenschen kritisiert wird, wenn sie im Supermarkt nicht die Einkaufsstunde für Risikogruppen zwischen 8.00 und 9.00 Uhr nützt.

Marion Ruzicka

MARION RUZICKA

ist Juristin und Mediatorin und bei der Erzdiözese Wien im Fachbereich Seniorenpastoral als Referentin tätig und in der Katholischen Erwachsenenbildung als Regionalbetreuerin für Pfarren im Vikariat Wien Stadt zuständig. Als großes Glück in ihrem Job empfindet sie, immer wieder mit den verschiedensten Menschen zusammenzukommen und von ihrem Wissen und ihren Erfahrungen lernen zu dürfen. „Wenn du das Glück begreifen willst, musst du es als Lohn und nicht als Ziel verstehen.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

„Da kommen Sie nicht mehr mit“

Es komme sehr stark auf das Umfeld und die Bedingungen an, unter denen man lebe. „Wir haben alle gute Kontakte zu unseren Kindern und werden von ihnen auch ernst genommen, wir unterstützen uns gegenseitig und genießen die Vorteile des Alters“, sind die einen Rückmeldungen. Es gibt aber auch Beschreibungen von Situationen und Äußerungen, die objektiv betrachtet diskriminierend sind.

  • Eine Gemeinde schreibt in der Gemeindezeitung einen „EDV-Kurs für ältere Menschen“ aus. Eine 81-jährige Dame möchte sich anmelden und bekommt von der Gemeindebediensteten zu hören: „Sie sind wirklich schon zu alt dafür, da werden Sie nicht mitkommen, der Kurs ist eher für die 60-Jährigen gedacht.“
  • In einem großen Markt für Mediengeräte, eine ältere Frau liest die Beschreibung eines Smartphones am Pult. Ein Verkäufer kommt und sagt: „Liebe gnädige Frau, hier sind Sie leider falsch. Sie müssen zum nächsten Pult gehen, dort liegen die Seniorenhandys, da finden wir sicherlich etwas Passendes für Sie.“
  • Eine Dame, 50 Jahre alt und auf Job-suche. Vielen positiven Vorstellungsgesprächen folgen Absagen mit der Begründung „überqualifiziert“, „zu teuer“, „passt nicht ins Team“ usw. In Wirklichkeit stellt sich heraus, dass ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt ist. Jung, dynamisch, belastbar, flexibel – das ist das Anforderungsprofil. Vom AMS zu einer Langzeitarbeitslosen abgestempelt?

Wie geht es Menschen, denen immer weniger zugetraut wird? Weder Wissen noch Können noch die Bewältigung des Alltags.

„Eure Pensionen kommen uns teuer!“

„Eure Pensionen kommen uns ganz schön teuer!“ „Das verstehst du nicht, in deinem Alter!“ Das sind keine harmlosen Bemerkungen von Mitmenschen oder Beleidigungen. Es sind inhumane und diskriminierende Äußerungen. In einer Gesellschaft, in der Leistung, Wandel, elektronische Medien, Jugendlichkeit die maßgeblichen Faktoren sind, können nicht alle Personengruppen „entsprechen“. Uns muss bewusst sein, dass unsere Gesellschaft damit eine wesentliche Rolle bei der Altersdiskriminierung spielt. Wir müssen uns die Frage stellen, wie es Menschen geht, denen immer weniger bis nichts mehr zugetraut wird? Weder Wissen noch Können noch die Bewältigung des Alltags. Wie geht es einem selbst mit Zuschreibungen wie „gestrig“, „überholt“, „nicht auf dem neuesten Stand“?

Mehr Wertschätzung nötig

Natürlich verlangt die Gesellschaft von den Älteren auch ein gewisses Maß an Neuorientierung. Die Digitalisierung erfordert Umdenken und sich einlassen auf neue Wege. „Das wird von vielen älteren Personen auch durchaus als positive Herausforderung gesehen.“ Aber es dürfen nicht diejenigen übersehen werden, die diese Entwicklung nicht mehr mitmachen können oder wollen.

Der Gesetzgeber hat darauf zu achten, dass es keine diskriminierenden Regeln, Richtlinien, Verordnungen, Klauseln gibt und widerrechtliches Verhalten mit Sanktionen belegt wird. Anlaufstellen müssen ausgebaut und publik gemacht werden, damit sich betroffene Personen Rat und Unterstützung holen können. Die Öffentlichkeit muss für die Problematik sensibilisiert und der Stellenwert älterer Personen ins rechte Licht gerückt werden. Der ältere Mensch darf nicht zum Kostenfaktor abgestempelt werden, sondern muss als Mensch geschätzt werden, der den Jungen etwas „voraus“ hat: nämlich Erfahrung – sowohl berufliche als auch menschliche. Das soll vor allem in unseren Pfarren gelebt werden!

Wir alle als Teil dieser Gesellschaft sind angehalten, beim Bemühen, den älteren Menschen zu schützen und zu unterstützen, ein hohes Maß an Sensibilität anzuwenden und darauf zu achten, stets die Würde des Menschen zu wahren.

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