Litauen: Leben mit der Vergangenheit

Ganz im Osten Europas, zwischen Weißrussland und der Ostsee, liegt das größte der drei baltischen Länder. Seine bewegte Geschichte, lebendige Folklore, die zweithöchste Sanddüne und eine der ältesten Sprachen unseres Kontinents sind nur einige wenige der litauischen Besonderheiten.

unterwegs mit KATHARINA BREINER

allewelt September/Oktober 2019

Endlose Weiten

Der Bus durchfährt scheinbar endlose, grüne Ebenen. Wälder wechseln sich mit Äckern oder Wiesenflächen ab. Von Zeit zu Zeit finden sich auch Gehöfte oder Siedlungen. Litauen – voll mit Eindrücken aus Estland und Lettland, hatte ich keine großen Erwartungen mehr an die letzte Etappe unserer Reise durch das Baltikum. Ich bekomme auf der Fahrt einiges über die Geschichte des Landes zu hören. Meistens geht es um Kriege, Eroberungen, Unterdrückung und Nationalstolz. Von der bewegten Vergangenheit erzählen auch die vielen roten Backstein-Burgen, Schlösser und Burgruinen. Man findet sie im gesamten Baltikum. Viele dieser Bauwerke stammen aus der Zeit, als der Deutsche Orden über das Gebiet herrschte.

Karte-Litauen

LITAUEN

Hauptstadt: Vilnius

Einwohner: 2,8 Millionen

Fläche: 65.300  km²

Bevölkerung: Seit der Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion erlebt Litauen eine starke Auswanderung. Vor allem viele junge Menschen erhoffen sich in Westeuropa bessere Arbeitschancen. Rund 80% der Einwohnerinnen und Einwohner sind Litauer. Die zwei größten Minderheiten sind Polen und Russen.

Religion: Im Gegensatz zu Estland und Lettland ist Litauen katholisch geprägt. Etwa 80% der Bevölkerung bekennen sich zur katholischen Kirche. 4% gehören zur russisch-orthodoxen Kirche. Außerdem gibt es kleine evangelische und muslimische Minderheiten. Nationale Traditionen und Bräuche sind stark in der Religion verwurzelt.

Deutsches Erbe

Besonders im Westen des Landes, in der Region Kleinlitauen, begegnen uns auf einmal viele deutsche Elemente. Bis 1920 gehörte dieser Teil Litauens zu Deutschland beziehungsweise zu Preußen. Es gibt noch einige wenige Litauerinnen und Litauer, die deutsch sprechen. In der wichtigsten litauischen Hafenstadt, Klaipeda, erfahren wir, dass die deutsche Vergangenheit, besonders die Zeit des Zweiten Weltkrieges, noch immer viel Schmerz und Verbitterung in den Menschen hervorruft. Wurde doch beispielsweise fast die gesamte jüdische Bevölkerung Litauens (über 200.000 Menschen) und ihre Kultur von den Nationalsozialisten ausgelöscht. Dennoch begegnen wir auf unserer Reise Denkmälern und Museen deutscher Literaten.

„Die Litauer lieben Päpste – alle Päpste. Die Menschen haben die verschiedenen Charismen, die die vergangenen Päpste mitgebracht haben, genau bemerkt.“

Benas Ulevicius, Dekan der Theologischen Fakultät in Kaunas

 2 PÄPSTE BESUCHTEN BISHER DAS LAND

Durch Jahre der Fremdherrschaft haben die Litauerinnen und Litauer ihren Glauben und die Treue zur katholischen Kirche bewahrt. Als erster Papst überhaupt bereiste Johannes Paul II. Litauen kurz nach dessen Unabhängigkeit von der Sowjetunion. 2018 besuchte Papst Franziskus das Land erneut.

Kontrast zwischen Tradition und Moderne – Altes trifft Neues

Unzählige (barocke) Kirchen mit den typischen separaten Glockentürmenstehen gläsernen Hochhäusern gegenüber. Bei unserer Ankun in der Hauptstadt Vilnius fällt mir gleich dieses Zusammenspiel aus Tradition und Moderne auf. Ob mittelalterlicher Stadtkern oder gotische und barocke Gotteshäuser – die Menschen in Vilnius bewahrten ihre vielfältigen Kulturschätze durch Jahrhunderte der Kriege und Fremdherrschaften. Ebenso ihre nationalen Bräuche oder die litauische Sprache. Sie ist eine der ältesten und ursprünglichsten Europas. Damit das so bleibt, werden beispielsweise keine Anglizismen ins Litauische übernommen.

Katharina Breiner

Katharina Breiner

Gemeinsam mit ihrer Familie bereiste die allewelt-Redakteurin das Baltikum. Litauens bewegte Geschichte und die Schönheit der Landschaft haben sie besonders fasziniert.

Pilgern auf Litauisch

Grüne Wiesen und Wälder ziehen vorbei. Nur manchmal unterbricht eine Kreuzung oder eine Raststation die idyllische Landschaft auf unserer Fahrt entlang der Fernstraße A12. Plötzlich taucht etwas von der Hauptstraße entfernt ein ungewöhnliches Bild auf: ein Hügel voll mit Kreuzen. Als wir auf dem nahegelegenen Parkplatz anhalten, ist es seltsam still, obwohl der Ort ein beliebtes Pilgerziel ist. Nur das Klappern der kleinen Kreuze und Rosenkränze, die auf den größeren Kreuzen hängen, durchbricht die Stille.

Ich spüre gleich, dass der „Berg der Kreuze“ nicht nur ein besonderer Ort des Gebetes und der Wallfahrt ist. Vielmehr steht der „Kryžių kalnas“ seit seiner (nicht belegten) Entstehung als Symbol für die Unabhängigkeit Litauens. In Krisenzeiten, aber auch aus Dankbarkeit bringen die Menschen ein Kreuz hierher. Ich frage mich, welche Geschichten sich wohl hinter den tausenden verschiedenen hölzernen und metallenen Kreuzen verbergen. Während der sowjetischen Besatzung wurde der Berg mehrmals zerstört, doch die Litauerinnen und Litauer stellten immer wieder neue Kreuze auf. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Und täglich kommen neue dazu. Ich verlasse diesen Ort tief berührt, ob von seiner mystischen Erscheinung oder seiner großen Standhaftigkeit kann ich nicht sagen.