Wenn eine Krise die nächste jagt

Währungsverfall, Coronavirus, Staatsbankrott und eine verheerende Explosion bringen die Menschen ans Limit.

allewelt November/Dezember 2020

Am Anfang haben wir vor allem auf das Haus und auf unsere Sachen aufgepasst. Wir hatten ja keine Haustür mehr. Nach ein paar Stunden habe ich mir gesagt: ‚Okay, gehen wir ans Aufräumen.‘ “, erinnert sich die Künstlerin Maral Der Boghossian. Sie lebt mit ihrer Familie in Beirut, der Hauptstadt des Libanons. Im August erschütterte eine Explosion im Hafen Beiruts das Land. Tausende Häuser wurden zerstört, 190 Menschen starben, 6.500 wurden verletzt. Die Familie Der Boghossian sitzt nun sprichwörtlich in den Resten ihrer Existenz, die eigenen vier Wände sind schwer beschädigt. Maral ist verzweifelt: „Wir sind innerlich zerstört. Wir wissen nicht, was uns in einer Woche erwartet. Es gibt viele Probleme in unserem Land, viel zu viele. Und jetzt liegt auch noch Beirut in Trümmern.“ Für den Libanon war die Explosion am Hafen nur die Spitze des Eisberges. Das Land am Mittelmeer leidet seit längerem unter einer schweren Wirtschaft- und Finanzkrise. Dazu kam im Frühling die Coronavirus-Pandemie. Die Währung verfällt, die Arbeitslosigkeit steigt und es droht der Staatsbankrott.

Kardinal Bechara Rai

„Wir müssen das Libanesentum vor die Religionsgruppe stellen.“

Kardinal Bechara Rai

Menschen gehen auf die Straßen

Für viele ist das politische System Teil des Problems. Es gibt eine enge Verflechtung zwischen Religion und Staat. Mit rund 40 Prozent verzeichnet der Libanon den größten Anteil an Christinnen und Christen in der arabischen Welt. Hoch ist auch die Zahl der anerkannten Religionsgemeinschaften. Es gibt acht muslimische und zwölf christliche. Ein komplexes politisches System soll die Machtverteilung zwischen den Konfessionen austarieren. Danach muss, unabhängig von politischen Mehrheiten, der Staatspräsident Christ, der Premierminister Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit sein.

Für Teile der Bevölkerung ist das eine längst überholte Ordnung. Sie ist auch mit ein Grund, dass die Menschen auf die Straße gehen und protestieren. Sie fordern eine Änderung des Systems. Unterstützung für die Demonstranten gibt es vom mächtigen maronitischen Patriarchen Kardinal Bechara Rai. Die Maroniten sind die größte christliche Gruppe im Libanon, sie anerkennen den Papst als Oberhaupt. „Wir müssen das Libanesentum vor die Religionsgruppe stellen“, betont er, wenngleich er dem Proporzsystem keine dezidierte Absage erteilt.

Handeln bevor es zu spät ist

Aufgrund des öffentlichen Drucks mussten in diesem Jahr schon zwei Regierungen zurücktreten. Ob damit der Weg frei wird für einen modernen Staat ohne Konfessionalismus und Quoten, bleibt abzuwarten. Was aber alle wissen: Die Zeit drängt. Denn viele junge Menschen sehen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr und wollen weg. Auch Marals Neffe Harout: „Hier kann alles passieren. Gutes wie Schlechtes. Aber meistens passiert das Schlimmste, wie diese Explosion. Mit so etwas hat niemand gerechnet. Deswegen will ich hier weg. Und wenn ich erst weg bin, komme ich nie zurück.“

UNSERE ZAHL

Unsere Zahl zeigt, dass die Hoffnung auf freie Religionsausübung nie aufgegeben werden darf.

30 JAHRE ISLAMISTISCHE DIKTATUR IM SUDAN HAT EIN ENDE

Lange war der Islam faktisch Staatsreligion im Sudan, strenge Gesetze unterdrückten die christliche Minderheit im Land. Nach dem Sturz des Ex-Machthabers Omar Al-Bashir im April 2019 kam es zur Wende. Als Al-Bashir 30 Jahre zuvor, im Jahr 1989, an die Macht kam, erklärte er den Sudan zum muslimischen Gottesstaat. Kirchen wurden geschlossen, Land beschlagnahmt und Gläubige in Einzelfällen von Scharia-Gerichten zum Tod verurteilt. Nach dem Sturz Al-Bashirs kündigte die neue Regierung aus Armee und Zivilisten tiefgreifende Reformen an. Für die Christinnen und Christen verbesserte sich das Leben massiv. 2019 konnten sie zum ersten Mal seit Jahren wieder öffentlich Weihnachten feiern. Es wurde jener Gesetzes-Paragraph gestrichen, der die Todesstrafe für das Abfallen von der muslimischen Religion vorsah. Vor kurzem sprach man sich auch für die Trennung zwischen Staat und Religion aus. Die Lockerungen zeigten bereits Wirkung: Berichten zufolge kommt es derzeit vermehrt zu Glaubensübertritten – sowohl zum Christentum als auch zum Islam.

Quelle: Vatican News, Kathpress

Wussten Sie schon, dass …

in Russland kürzlich erstmals eine Frau in den obersten Kirchenrat berufen wurde?
Die Russisch-orthodoxe Kirche hat in Moskau einer Frau den Weg zu einem der höchsten Ämter geebnet. Erstmals in der Geschichte berief der Heilige Synod eine Frau in den Obersten Kirchenrat. Es handelt sich um die 49-jährige Äbtissin Ksenija, mit weltlichem Namen Oksana Cernega.

sich die größte römisch-katholische Kirche der Welt im Staat Elfenbeinküste befindet?

Die Basilika Notre Dame de la Paix bietet Platz für 18.000 Gläubige. In ihrer Formsprache erinnert sie an den Petersdom im Vatikan, überragt diesen mit ihren 158 Metern aber. Die Bauzeit betrug nur drei Jahre, 1990 erfolgte die Kirchweihe durch Papst Johannes Paul II. Von der Basilika im Staat Elfenbeinküste heißt es, dass sie nur ein einziges Mal voll gewesen sein soll: am Tag der Weihe.

… der weltweit älteste Steyler Missionar 106 Jahre alt wurde?
Pater Nikolaus Schnur beendete seinen aktiven Dienst erst mit über 100 Jahren. Er galt als ein über die deutschen Grenzen hinaus gefragter Exerzitienleiter und lebte zuletzt im Wendelinusheim der Steyler im saarländischen Sankt Wendel. Schnur war zwar nicht in der weltweiten Mission im Einsatz, aber an mehreren Orten in Deutschland als Seelsorger tätig. Ende August starb er.